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Woods Of Birnam (Credit Yves Borgwardt)

Wichtig ist nur, dass man etwas fühlt – Woods Of Birnam im Interview

Mit ihrem dritten Studioalbum „Grace“ präsentieren sich die Indie-Popper von Woods Of Birnam von ihrer experimentierfreudigen Seite. Neben tanzbaren Club-Sounds beeindruckt der Fünfer um Band-Aushängeschild Christian Friedel mit detailverliebt arrangiertem Indie-Pop und großen Melodien.

Auch inhaltlich hinterlässt das Album große Spuren. Im Mittelpunkt steht die Verarbeitung von Schmerz und Leid. Für Schauspieler („Das Weiße Band“) und Sänger Christian Friedel markieren Musik und Inhalt besonders dicke Ausrufezeichen. Kurz vor der Veröffentlichung von „Grace“ trafen wir den Frontmann zum Interview und sprachen über spannende Sound-Reisen, das Potpourri aus Theater und Musik und goldene Trophäen.

MusikBlog: Christian, stimmst du mir zu, wenn ich behaupte, dass es sich bei „Grace“ um ein ganz besonderes Album handelt?

Christian Friedel: Ja, da stimme ich dir zu. Für mich ist „Grace“ in zweierlei Hinsicht ein ganz besonderes Album. Neben dem sehr persönlichen Inhalt gehen wir musikalisch den nächsten Schritt. Unser Soundbild hat sich weiterentwickelt, und man hört jetzt, wie wir uns als Band im Hier und Jetzt definieren. Natürlich ist die Reise noch längst nicht abgeschlossen. Wir arbeiten auch schon an neuen Ideen. Aber das neue Album ist hinsichtlich des Gesamtbildes ein ganz wichtiger Schritt für uns.

MusikBlog: Das Album klingt in meinen Ohren wie eine experimentierfreudige Melange aus Indie-Pop, Electro-Pop und vereinzelten Alternative-Einwürfen. Entsteht dieser Sound einfach, wenn ihr euch im Proberaum trefft?

Christian Friedel: Es war diesmal unheimlich interessant zu sehen, wie sich das alles so entwickelt. Eigentlich wollten wir all unsere persönlichen Sound-Bezugspunkte in einen Topf werfen und dann schauen, was am Ende dabei rauskommt. Gemeinsam mit unserem Produzenten Olaf Opal haben wir dann aber relativ schnell einen anderen Kurs eingeschlagen. Wir haben uns weitestgehend vom Referenzen-Gedanken verabschiedet, und haben uns stattdessen auf das eingelassen, was passiert, wenn man allen Ideen und Gedanken offen begegnet. Das war ein ganz spannender Prozess, der letztlich dazu geführt hat, dass das Album jetzt so klingt, wie es klingt.

MusikBlog: Neben der Musik beeindruckt auch der Inhalt des Albums. In den Texten verarbeitest du den Tod deiner Mutter, die vor fünf Jahren unerwartet verstarb. Ich hoffe, ich trete dir nicht zu nahe, wenn ich dich nach zwei bereits veröffentlichten Alben frage: Warum gerade jetzt?

Christian Friedel: Eigentlich haben wir ja schon vor zwei Jahren mit der Arbeit an diesem Album begonnen. Im vergangen Jahr kam dann das „Searching For William“-Projekt dazwischen. Wir mussten daher erstmal alles beiseite schieben und den Produktionsprozess für „Grace“ unterbrechen. Das Fundament des Albums steht aber – wie gesagt – schon länger. Viele Songideen sind auch schon während unserer Debütalbum-Session entstanden.

MusikBlog: In diesem Jahr kam auch noch das „Schwanengesang“-Projekt dazu. Da geht es auch um die Themen Verlust, Schmerz und Tod.

Christian Friedel: Ja, das stimmt. Ich befinde mich als Künstler gerade in einer Phase, in der ich mich viel mit solchen Themen beschäftige. Hinzu kommt, dass sich Todestag meiner Mutter zum fünften Mal jährt. Ich habe auch mit vielen Menschen gesprochen, die der Meinung sind, dass die Texte auch anderen Leuten mit ähnlichen Schicksalen Trost spenden können. Das hat mir bei dem ganzen Entstehungsprozess natürlich auch geholfen.

MusikBlog: Du erwähntest gerade das „Schwanengesang“-Projekt. Im vergangen Jahr habt ihr das Album „Searching For William“ veröffentlicht, das ebenfalls wie das „Schwanengesang“-Projekt die Kunstform Theater und Schauspielerei in euer Schaffen mit einbezieht. Zieht ihr da innerhalb der Band eigentlich alle immer an einem Strang?

Christian Friedel: Die Band hat hinsichtlich der Theater-Aktivitäten mittlerweile richtig Blut geleckt. Es ist ja so, dass man innerhalb einer Theaterproduktion unheimlich offen und experimentierfreudig zu Werke gehen kann. Das schätzen wir alle sehr. Dennoch wehren wir uns dagegen, als reine Theater-Band abgestempelt zu werden. Wir sind mehr.  „Grace“ beispielsweise hat überhaupt keinen Theater-Hintergrund. Das mit dem Theater ist nur eine Facette. Wir sind aber sehr glücklich darüber, dass sie zu uns gehört.

MusikBlog: Du bist dieser Tage in Bezug auf dein aktuelles „Schwanengesang“-Projekt am Deutschen Theater mit den Worten zitiert worden: „Die Zuschauer sollen sich fragen, was das ist, sie sollen Spaß haben. Man muss nicht immer alles verstehen, was man im Theater sieht“. Siehst du das innerhalb der Musik ähnlich?

Christian Friedel: Absolut. Die Menschen machen sich zu oft zu viele Gedanken – gerade wenn es um Kunst geht. Man kann sich „Grace“ auch ohne die persönliche Geschichte dahinter anhören und etwas mitnehmen. Selbst, wenn das Gefühl beim Hören überhaupt nichts mit der eigentlichen Urheber-Initialzündung zu tun hat, ist es doch ein Gefühl, das wichtig ist. Vielleicht dockt der Song an ganz andere Erinnerungen an. Vielleicht löst er ganz andere Gefühle aus. Wichtig ist doch nur, dass man etwas fühlt.

MusikBlog: Schauspiel, Theater, Musik: In welcher Rolle gehst du als Künstler eigentlich am meisten auf?

Christian Friedel: Am Ende des Tages ist es wohl die Musik. Da gibt es keine vorgegebenen Rollen und Charaktere. Musik ist für mich die persönlichste Form des Ausdrucks.

MusikBlog: Schauspieltechnisch bist du spätestens seit dem Erfolg des Films „Das Weiße Band“ in aller Munde. Welche Zukunft wünscht du dir für deine Band?

Christian Friedel: Ich wünsche mir, dass wir uns etablieren und irgendwann auch ohne die Polarkreis-18-Vergangenheit wahrgenommen werden. Ich fände es toll, wenn sich die Menschen mit unserer Musik auseinander setzen und uns als eigenständige Band betrachten.

MusikBlog: Und welche Trophäe hättest du in fünf oder zehn Jahren lieber in deinem Schrank zu stehen? Oscar oder Grammy?

Christian Friedel: (lacht) Gerne beide. Aber wenn ich mich entscheiden müsste, dann würde ich den Grammy nehmen.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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