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Die Goldenen Zitronen (Credit Frank Egel)

Die Goldenen Zitronen – More Than A Feeling

„More Than A Feeling“. Kein Cover der Power-Schmalz-Ballade aus dem Hause Boston, sondern Beschreibung des komplexen Zustands der Überforderung eines durchgeschüttelten Sozialgefüges und Titel vom 13. Album der Goldies.

Das, was Die Goldenen Zitronen jetzt als ihr Deutschlandbild präsentieren, ist weniger abstrakte Wahrscheinlichkeitsrechnung, sondern entspricht dem diffusen Bedrohungsszenario für Sicherheit, Zusammenarbeit und Demokratie in Deutschland, Europa und anderswo und erfüllt damit zuverlässig jene Prophezeiungen, welche die sensiblen Seismographen der Entwicklungssoziologie auf ihren Reisen im „ICE Bertold Brecht“ regelmäßig auf Jahre im Voraus entwickelten.

„Gebt Doch Endlich Zu, Euch Fällt Sonst Nichts Mehr Ein“. Gegen diesen international  grassierenden Virus scheinen die Goldies noch immun.

Aber so sehr sich Theatermann Kamerun mit analytischer Schärfe bemüht, Textstachel in das Fleisch der Zauderer zu treiben:

Selten war die Band dem humorigen Unterton ihrer Stücke entfernter als 2019, waren die immer wieder vorkommenden neuen und alten Mauern gegenwärtiger, wohnte zwischen den Zeilen der Lageberichte aus der „Katakombe“ so viel Resignatives inne wie dato.

So wie „Es Nervt“, ständig Zeuge beim Hin und Herschieben des schwarzen Schuldpeters der „hauptberuflichen Hülsenpacker“ zu sein, versucht die G-20-Dokumentation „Die Alte Kaufmannsstadt, Juli 2017“ auch dem letzten Klassenkampfromantiker begreiflich zu machen, dass die scharfe Trennung von Moral-legitimierter Empörung, Krawalltourismus und Weltwirtschaftwachstumswahn auf Kosten globaler Verelendung längst auf dem Komposthaufen der Geschichte vermodert.

Musikalisch bleibt vieles wie gehabt, durch das Produktionsverfahren (die einzelnen Parts der Stücke wurden einzeln eingespielt und im Nachgang gesampelt zusammengefügt) wirkt das Album kompakter als zuletzt.

Das Team um Schorsch Kamerun und Ted Gaier hat dabei seine Texte zur Zeit mit einem Soundclash aus Elektro, Arbeiterkampflied, Krautrock und Effektbaukasten unterlegt, der mittweilen klingt, wie die Fusion-Kaugummis aus „Bloss Weil Ich Friere“ vermutlich geschmeckt haben.

„Und wer bei seinem Zahnarzt immer STERN und SPIEGEL liest, der weiß, wie teuer ist ein guter Rat“ hieß es vor Zeiten in „Blue Jodel Für Herbert Wehner“. Die Goldenen Zitronen waren nie Lieferant von Handlungsanweisungen, bleiben auch diesmal Rufer in der Sternschanze-Wüste.

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