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Stealing Sheep – Big Wows

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Letztens konnte ich in einem Kölner Café die neue Normativität des Digitalen beobachten, die im kulturellen Gedächtnis jeder Generation nach Z unwiderruflich verankert sein wird:

Ein Mann hält ein circa zwei Jahre altes Kind auf dem Arm, nichts Ungewöhnliches. Als der Filius jedoch nach der Zeitung verlangt, die vor beiden aufgetischt ist, bin ich, dessen kulturelle Sozialisation in den Neunzigern meiner Nintendo 64, in den frühen 2000ern dann einem MP3-Player (32 MB Speicherplatz!) zu verdanken ist, erstaunt.

Anstatt das dünne Papier zu zerknütteln – nicht zuletzt böte sich das wegen der materiellen Beschaffenheit an – wird das Objekt ob seiner Flachheit und den fein gedruckten Informationen darauf für ein Tablet gehalten. 

Dabei gehörte Deformierung (#knete) doch immer zu den Grundprinzipien kindlichen Spieldrangs. Einerseits, um die Welt zu erfahren, andererseits, um als absolut schutzbedürftiges Wesen eventuell ein, wenn auch unterbewusstes, Minimum an Autarkie zu beanspruchen. Stattdessen: Wisch links, Wisch rechts. 

Als nicht einmal die trockene Tinte verschmiert, wird der Gegenstand für kaputt, unbrauchbar, nicht zeitgemäß befunden. Wo sonst fettige Fingerabdrücke zurück bleiben würden, ist hier nicht mal ein Knick. Inhalte verändern sich bloß noch unter der Oberfläche des Hyperrealen, also des für real Gehaltenen.

Im Pop ist das nicht anders, auch weil Pop, insbesondere Popmusik, in der Dauerschleife eines Referenzbegehrens festhängt, in dem sie der Selbstzitation nicht überdrüssig wird, jedoch bemüht ist, digitale Kulturpraktiken sowie musikalische Arbeits- und Produktionsinnovationen einfließen zu lassen.

Ständige Wiederbelebungsakte diverser Genres bestätigen das Jahr für Jahr aufs Neue – jedoch nie, ohne die eigentliche und absolute Abkupferung mit diesem einen Element zu erweitern (gemeint ist: verwässern), welches das Kunstwerk dann zu einem „intelligenten Pastiche“, einer „stilsicheren Collage“ oder einem “sophistizierten Zitat“ erhebt, gegebenenfalls sogar überhöht.

Was das mit Stealing Sheep und ihren „Big Wows“ zu tun hat, sei dahingehend erklärt: Rebecca Hawley, Emily Lansley und Lucy Mercer hatten nämlich im Video zu ihrer ersten Singleauskopplung „Jokin’ Me“ ebenfalls mächtig Nostalgie ins gegenwärtige Social-Media-Biotop gegossen. 

Die Band vermengt verpixelte MS-DOS-Ästhetik, Minesweeper-Referenzen und pastellfarbene Kawaai-Avatare mit aktuellen Kulturgesten wie den Friendzone-Händen oder kontemporären Narrativen der Geltungssucht, wenn etwa unaufhaltsame Pop-Up-Fenster („Do You Think About Me?“) auftauchen.

Eingesponnen in ein naiv-heiteres Soundsetting aus schimmernden Synths, resonierenden Electro-Bässen und MPC-Drums liefert das Trio auf diesem Wege einen – in seiner Ironie tatsächlich sehr klugen – Kommentar zur Digitalisierung unseres sozialen Alltags, die wegen ihrer ständigen Updates in Sachen Erfahrbar- und Unausweichlichkeit immer immersiver wird.

Vor allem auf phonetischer Ebene wirkt „Big Wows“ diesbezüglich wie jener futuristische Entwurf, den die Liverpoolerinnen anzupeilen gedachten. Ob es sich dabei nun um entmenschlichte (sprich: Cyborg-ähnliche) Vocal-Pitches in „Show Love“ und „True Colours“, die stakkatoartigen (sprich: maschinenmäßigen) Rhythmus-Direktive aus „Back In Time“ oder die schlafwandelnde (sprich: roboterhafte, also Folge leistende) Beach-House-Ode und Selbstbestimmungsabsage „Just Dreaming“ handelt: 

Die Gruppe transkribiert die digitalen Heraus- und Überforderungen der ausgehenden 2010er in zukunftsweisende Synth- und Electro-Pop-Stücke, bei denen am Ende Produzenten wie Ash Workman (Christine & The Queens und Metronomy) die massenkompatible Melodieversessenheit  und den Wiedererkennungswert musikalischer Vorbilder wie St. Vincent, The Knife oder Little Dragon sicherstellen.

Am Ende ist Stealing Sheep mit „Big Wows“ ein achtbarer Drittling gelungen, der jedoch in kein Laufwerk mehr passt. Das Album, und auch darin sind die Konzeptartistinnen konsequent, erscheint nur im Digitalformat.

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