Tiña – Positive Mental Health Music

“Positive Mental Health Music” betiteln Tiña ihr Debütalbum. Ein Albumname, der Konkretes von der Band aus London erwarten lässt – und auch das Meiste davon einhält. Tiña sorgen für Slacker-Selbsthilfe vom Feinsten, die mit zitierfähigen Lyrics und melancholischen Folk-Charme aufwartet.

Los geht es mit “Buddha”. “Everyone I know is doing better than me”, singt Leadsänger Josh Loftin da mit monotoner Stimme. Unbegeistert von der eigenen misslichen Situation klingt er fast wie ein Father John Misty, bei dem nicht jede zweite Zeile eine popkulturelle oder weltpolitische Referenz sein muss.

Stattdessen werden alltägliche Referenzen ausgepackt, die Wäsche aufgehangen und die eigene Faulheit besungen. Man erahnt schon, was im Refrain kommen muss.

Wut, darauf, dass die anderen nicht verstehen, woher die eigene Lethargie rührt, oder Traurigkeit darüber, dass man sich aus dem eigenen Zustand nicht befreien kann. Und dann kommt’s anders.

“It’s Fine” wird da, für dieses Album schon in überdurchschnittlich euphorischem Ton, herausposaunt – mehrfach. Es ist OK, wenn die anderen nicht begreifen, warum das eigene Leben grad so läuft, wie es eben läuft.

Auf diesem niedrigen, aber konstanten Niveau der Begeisterung läuft auch der Rest von “Positive Mental Health Music” ab. Hier, was sonst noch auffällt:

Das Exotischste? Wolfsgeheul in “Closest Shave” und die Kopfstimme in “Dip”. Das Traurigste? “It’s No Use”.

Tiñas intelligente Texte ergeben in Kombinatioon mit der unaufgeregten Darbietung ein stimmiges Gesamtbild. Lo-Fi-Komposition und teilweise sogar unerzwungener Humor machen aus “Positive Mental Health Music” genau das mentale Heilprogramm, das versprochen wurde.

Und das bedeutet in diesem Fall eben nicht unendlich überzuckerte Produktion und realitätsverherrlichende Texte, sondern das genaue Gegenteil. Mit ein bisschen gesundem Pessimismus nimmt Slacker Josh Loftin jeden Hörer an die Hand.

Und wer hat sich nicht schon immer den ganz persönlichen Faulpelz, Taugenichts und Bummelant – diese Übersetzung gefällt uns am besten – gewünscht, der einem sagt, dass doch irgendwie alles OK ist – und, dass OK manchmal auch reicht, wenn eigentlich alles scheiße läuft.

“Positive Mental Health Music” ist das vielleicht beste Album über Depression und Angst in diesem Jahr, und hört sich vermutlich am wenigsten danach an.

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