Kunst über Selbstzerstörung und inneren Schmerz kann viele Formen annehmen: Sie kann aggressiv sein, bei Musik in härtere Sounds und Genres ausarten, laut und wütend werden, um in der Karthasis alles Leid heraus zu lassen.

Wie im Falle des Debütalbums “Choosing” der Britin Sophie Jamieson ist das Gegenteil ebenfalls eine Option. Auch Introspektion und das zeitweise Vergraben in der eigenen Gefühlswelt können helfen, am Ende umso stärker wieder aus dem Loch herauszukommen.

Um die Botschaft von “Choosing” zu unterstreichen, hat sich – ohne das Wissen der Songwriterin – das Leitmotiv Wasser in die 11 Songs eingeschlichen. Denn wie Wasser sind Emotionen in allen Formen und Intensitäten Teil des Lebens.

Vom Glas stillen Wassers auf dem Tisch bis hin zum zerstörerischen Gewitter besingt Jamieson alles, was sie in ihren dunkelsten Stunden erlebt und vor allem gefühlt hat.

Die Single “Sink” etwa ist ein brutal ehrliches Manifest über ihre Zeit kurz vor dem Alkoholismus. Der Song ist ein herzzerreißendes Zeugnis über die Verführung einer Sucht und den inneren Kampf, dieser viel zu einfachen Lösung zu widerstehen.

Dass es kein offener Kampf in “Ich-gegen-die-Welt”-Manier ist, spiegelt sich in den Arrangements der Tracks wider: Die Musikerin setzt auf sanfte und äußerst minimalistische Mittel wie leicht gezupfte E-Gitarren, einzelne Akkorde und gelegentliche Klavier-Einsätze. Die Instrumentierung fällt allerdings in der Sekunde in den Hintergrund, sobald Jamiesons Stimme ertönt, die der absolute Star auf “Choosing” ist und sich sofort warm und sanft ans Ohr schmiegt.

Assoziationen an Sharon Van Etten oder Daughter-Frontfrau Elena Tonra alias Ex:Re kommen da sofort auf. Damit wähnt sich die Sängerin in guter Gesellschaft einiger der emotionalsten und ausdrucksstärksten Stimmen der heutigen Folk- und Pop-Szene.

Ausbrüche sind selten auf “Choosing”: Zuweilen gesellt sich ein leichter Schlagzeug-Beat hinzu, es wird lauter und immer mehr schichtet sich auf – aber nur in Maßen, denn das Debütalbum der Musikerin bleibt stets ein zurückhaltendes.

Am Ende ist das persönliche Fazit Jamiesons ein positives, denn dem Albumtitel nachfolgend entscheidet sie sich dazu, ihren Konflikten den Wunsch nach Besserung entgegenzusetzen. Trotz des schmerzlichen Grundtons sind Hoffnung und Positivität das Endresultat.

Gerade richtig in der kalten und dunklen Jahreszeit trifft “Choosing” den Nerv der Stunde und liefert ein starkes Erstlingswerk, das mit seiner Ruhe und Mäßigung dazu imstande ist, Gefühlsfluten auszulösen.

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