Das britische Alltagsleben wird zum Kern von Richard Dawsons achtem Soloalbum „End Of The Middle“. Dabei zeichnet der eigenwillige Songwriter aus Newcastle die mittelständischen Räume, in denen sich die Verhaltensmuster und Dynamiken einer Familie über mehrere Generation hinweg wiederholten.

Inspiriert dazu haben sollen ihn die Filmen des japanischen Regisseurs Yasujirō Ozu. Das ist insofern abenteuerlich, als dass sich Dawson abseits seiner Soloalben bei der elektronischen Psych-Pop-Band Hen Ogledd verdingt, die immer in Verdacht steht, ihre Sache nicht ganz ernst zu nehmen.

Diesem Eindruck entgegnet er solo mit einer gewissen Intimität und eingetrübten Texten, reich an Details, die das Gewöhnliche auf den Status des Außergewöhnlichen heben:

In „Polytunnel“ findet der Protagonist Trost in der Gartenarbeit, während „Bullies“ die Geschichte eines Vaters erzählt, der mit den Mobbing-Erfahrungen seines Sohnes konfrontiert wird und dabei an seine eigene Schulzeit erinnert wird.

„Gondola“ wiederum schildert die Reflexion einer Großmutter über verpasste Chancen und den Wunsch, mit ihrer Enkelin nach Venedig zu reisen.

Wenn Dawson das Menschliche mit dem Surrealen verwebt, macht er daraus prägnante LoFi-Singer/Songwriter-Stücke, mit noch prägnanterer Singstimme und einer windschiefen Note, die eine angenehme Unverbindlichkeit hineinpflanzt.

Schließlich lässt er offen, welche Mitte mit “End Of The Middle” eigentlich gemeint ist. Das Mittelmaß? Die Mehrheitsgesellschaft, die Hälfte eines Lebens? Alles denkbar. Dawsons Credo scheint: Hauptsache es bleibt kleinlaut: „Ich wollte, dass diese Platte klein und sehr häuslich ist“, erklärt er.

So wirkt sie vor allem wie ein, mit kleinteiligen Antiquitäten vollgestellter, leicht unordentlicher Raum. Die Instrumente spiegeln das Interieur wider, das zunächst ohne echtes Muster auszukommen scheint und doch nie chaotisch wird.

Das Saxofon in “More Than Real” ist eines dieser hübschen Details, genau wie die schiefen Holzbläser in “Removal Van”. Wenngleich der Umzugswagen hier eher für die Nachbarn vorfährt – diesem Richard Dawson wäre ein Ortswechsel zu wild.

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