Rats On Rafts sind ein 2005 gegründetes Quartett aus Holland. Die Rats legen nun ihr erst viertes Studioalbum „Deep Below“ vor. Für Natasha Van Waardenburg ist es das zweite mit der Band. Wir erreichen Natasha in ihrer Heimatstadt Rotterdam, wo die Band inzwischen jede Menge Equipment hortet. Die Bassistin und Keyboarderin der Band erzählt uns, wie sie zur Gruppe stieß, was die Ratten hören und was ins neue Werk einfloss.
MusikBlog: Hallo Natasha. Ich habe bei eurem neuen Album „Deep Below“ immer wieder an The Cure denken müssen. Aktuell genießen sie ja auch ein Revival. Was ist eure Beziehung bei den Rats On Rafts zu ihnen?
Rats On Rafts: Ja, ich denke, wir alle in der Band haben The Cure gehört, als wir jünger waren, sagen wir 15 oder 16. Als wir Songs für diese Platte aussuchten, gruppierten wir die neuen Stücke und dabei fiel uns auf, dass ein Bündel von Songs ein bisschen wie The Cure klang. Beim Schreiben haben wir jedoch darauf nicht bewusst geachtet und wollten auch nicht absichtlich so klingen. Witzigerweise hatten wir schon lange einige Aufnahmen und auch schon das Cover fertig, aber das Release hinaus geschoben. Und dann erfuhren wir, dass also The Cure selbst wieder mit neuem Material kämen – wo das Artwork auch noch gewisse Ähnlichkeit hat. Aber nun ist das eben so. Ich denke, das Ganze liegt in unserer Songwriting-DNA.
MusikBlog: Gab’s nicht noch mehr Gruppen, die damals in den 80ern schon so klangen? Womöglich in England?
Rats On Rafts: Oh, das weiß ich nicht. Ich habe solche Art von Musik ganz lange gar nicht mehr angehört. Umso überraschender war es, als wir unser Album zusammen stellten. Denn ich habe schon ewig keinen solchen New-Wave-Stil an mich heran gelassen, aber wohl selbst so gespielt. Vielleicht haben wir eher etwas modernere Bands gehört, die auch diesen Sound haben. Im Proberaum hörten viel The True Widow, eine etwas neuere Gruppe, die sich anhört, als säße sie in einer dunklen Höhle.
MusikBlog: In der es vielleicht auch die Schnecke vom Cover gibt. Was hat es mit ihr auf sich?
Rats On Rafts: Es regnete sehr viel, und da sahen wir viele Schnecken um unseren Proberaum herum kriechen, nicht eine oder zwei, sondern hunderte! Das fanden wir ein gutes Symbol fürs Reisen im eigenen Tempo – sehr langsam. Die Lieder auf der neuen Platte sind ja sehr viel langsamer, als das, was wir sonst machen.
MusikBlog: Der Song „Sleepwalking“ hat mich fasziniert. Woher kam dazu die Inspiration? Und wie kam es dazu, wie ihr das Stück umsetzt?
Rats On Rafts: Das mag dich jetzt überraschen, aber dieser Song ist der älteste auf der Platte. Ich glaube, daran haben wir schon vor sechs Jahren gearbeitet. Ursprünglich ging es damit als Cover eines Ramones-Songs los, „7-11“. Wir waren gerade in der Stimmung, dieses Lied zu spielen. Im Anschluss änderten wir aber einiges und am Ende kam etwas heraus, das diesem Song überhaupt nicht mehr ähnelt. Dann ließen wir ihn lange links liegen, für die neue Platte haben wir uns entschieden, ein bisschen was von dem Song zu spielen. Ich habe die Basslinie zwei, drei Töne tiefer gespielt und dann fügte sich ein neuer Teil daran an, der dem Song sein Drama gibt. Er enthält auch eine Art 50er-Jahre-Balladen-Stil, fa liegt eine Art David-Lynch-„Twin-Peaks“-Stil drin.
MusikBlog: „Hibernation“ heißt „Winterschlaf“, das hat also auch das Motiv des Schlafs. Was wollt ihr mit dem Stück ausdrücken?
Rats On Rafts: Das Schlaf-Thema ist ziemlich interessant. Wenn wir an Musik arbeiten, tun wir das in unserem Proberaum. Der liegt im Keller. Dort fühlt es sich manchmal so an, als ob du sehr lange ganz von der Welt weg und im Winterschlaf wärst. Wenn wir Demos aufnehmen, proben, eine Platte produzieren, dann ist es, als ob wir keinen Kontakt zur Außenwelt hätten. Wir müssen uns selbst dazu zwingen, von Zeit zu Zeit nach draußen zu gehen und etwas anderes zu tun: Einen Film sehen oder in ein Konzert gehen. Oft fühlt es sich an, als stünde die Zeit still. Wir sehen dann kein Tageslicht, sondern nur die Nacht.
MusikBlog: Arbeitet ihr nachts?
Rats On Rafts: Oh ja. Zumindest sehr lang und spät, besonders, wenn wir schreiben. Denn, wenn wir proben, ist das tagsüber. Haben wir eine Show mit einem Set, proben wir das immer wieder. Dann reden wir darüber, welchen Song wir mit rein nehmen, probieren verschiedene Sachen. Dann wird es immer spät.
MusikBlog: Wie hat sich die Geschichte von Rats On Rafts entwickelt? Wie habt ihr euch kennen gelernt?
Rats On Rafts: Ich bin zu Rats On Rafts gestoßen, als sie eine neue Bassistin brauchten. Wir tourten lange. Danach sah es so aus, als ob der alte Bassist zurück kehren würde, ihm ging es aber immer noch nicht sehr gut. Also fragte ich und die anderen drei Rats On Rafts baten mich darum, zu bleiben. Das ist fast zehn Jahre her. In der Zwischenzeit haben wir einen neuen Proberaum bezogen und ein Studio.
MusikBlog: Ihr produziert euch auch selbst?
Rats On Rafts: Ja, wir sind unsere eigenen Tontechniker und Produzenten. Wir bekommen etwas Hilfe von einem Freund, der uns an den ersten Aufnahme-Tagen assistiert, alles aufzubauen und auch RECORD und STOP zu drücken. (lacht) Wir alle haben auf der Platte wechselnde Rollen. Ich spiele auch alle Keyboards und mag es, neue Synths und Geräte auszuprobieren.
MusikBlog: Zwischen den Studioalben habt ihr euer letztes Album auch nochmal als Live-Platte eingespielt, und zwar im Tivoli Vredenburg. Was ist das für eine Spielstätte?
Rats On Rafts: Die ist wirklich groß und schon alt, aber wirklich schöne Räume! Wir haben alles auch als Film aufgenommen. Wir hatten Gast-Musiker*innen, einen Chor, einige Schauspieler*innen, Tänzer*innen. Ich denke, das war das Größte, das wir je gemacht haben. Es war so viel Arbeit, aber die Sache wert.
MusikBlog: Welche Platte hast du dir in den letzten fünf Jahren am häufigsten angehört?
Rats On Rafts: Da muss ich jetzt nachdenken… das ist schwierig. Aktuell mag ich zum Beispiel Aphex Twin – etwas komplett anderes, elektronische Musik. Und eine Platte, die wir tatsächlich oft hören, ist von Stano – nicht sehr bekannt – eine experimentelle LP aus den 80ern, „Content To Write In I Dine Weathercraft“: Teils New Wave, teils Klavier und Keyboards. Klangtechnisch mag Stano auch eine Inspiration sein. Dann japanische psychedelische Musik der 80er.
MusikBlog: Das Wort ‚psychedelisch‘ liebe ich. Wie würdest du es definieren?
Rats On Rafts: Erforschend, ohne irgendwelche Grenzen, ohne Gesetze, erkundend. Erforschen von Sound, Gefühlen oder beidem. Oder von Wörtern. Ich meine, das hat damit zu tun, dass die Musik dort hin fließt, wo sie von selbst hin möchte. Und: Keine Regeln! Selbst ein Genre wie Punk ist zwar ziemlich frei und offen, aber es erweist sich ja dann doch als strikt mit Regeln und Grenzen, wie, was Punk ist und was nicht, während Psychedelic weiter und freier ist.
MusikBlog: Und das ist ja auch die Faszination, wenn man Stile damit fusioniert, zum Beispiel in Form von Psychedelic-Soul.
Rats On Rafts: Ja. Wobei es manchmal etwas übertrieben ist, alle möglichen Sachen psychedelisch zu nennen, die auch nur ein bisschen experimentierfreudig klingen. Uns nennt man ja immer wieder Avantgarde. Aber tatsächlich sind wir keine Avantgarde-Band. Wir sind unglaublich poppig, würde ich sagen.
MusikBlog: Für dieses Album, „Deep Below“, würde ich dir da zustimmen, ja.
Rats On Rafts: Ja, die meisten Lieder sind sehr simple Songs. Sie mögen sich zwar in verschiedenen Klangschichten größer darstellen, aber die Lied-Strukturen sind sehr simpel.
MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.
