Kalter Wind hat angefangen, das sommerliche Aufbäumen der Temperaturen zu unterbrechen. Vermutlich ganz gut für die Bands am gestrigen Abend. Auf alle Fälle zieht es schon vor Beginn des Konzerts von Güner Künier erstaunlich viele Leute von den Sonnen-Terrassen in den Goldenen Salon des Hafenklang.
Gemütlich gefüllt und noch Tageslicht, als der Support-Act Egg Idiot die Bühne erklimmt. Verschmiert in einer Art Körperbemalung geschminkt. Und das (verrottende) Ei. Es verhüllt den gesamten Oberkörper des Sängers. Klassischer Punk bricht sich sofort die Bahn. Schon oft gehört, sofort mitreißend. Ein kurzes Stück jagt das andere. Vereinzelt dumpf rollende Basspassagen oder musikalisch interessante Lofi Ausflüge. Hauptsächlich aber handwerklich netter, klassischer Punk. Mit einer ordentlichen Portion Selbstironie sorgen die fünf für gute Stimmung und Tanzlaune.
„Moin Hamburch“ Kaum zu überhören, dass Güner Künier in Norddeutschland aufgewachsen ist. Sympathischer Auftakt.
Los geht’s überdurchschnittlich punkig, was die Brücke zum Support schlägt. Rollend stampfender Sound mit viel Druck. Elektronik gibt’s noch nicht. Die ersten Reihen gut warmgetanzt, machen gleich weiter. Bereits beim ersten Stück gute Stimmung.
Die Zeit des übergroßen Sakkos vom Cover des aktuellen Albums „Yaramaz“ ist vorbei. Martialisch hohe Stiefel, weites T-Shirt. Weg vom Bühnen-Outfit zur sympathischen Alltags-Person aus der Nachbarschaft.
Spielt Günier im Studio alle Instrumente selber, ist sie live seit letztem Jahr mit Band unterwegs. Minimaler geht das Percussion-Setup nicht. Zwei Drums, Becken, das wars auch schon. Beeindruckend, was für eine Intensität die, latent wütend schauende, Dame dahinterstehend rausholt.
Langsam aber sicher ziehen Güner Künier und ihre Band den minimal elektronischen Sound der Aufnahmen wie ein Faden in das Set hinein.
„Akşam Vakti“ der erste „Hit“ dreht die Stimmung eine Stufe weiter hoch. Langsam, dunkel dröhnend und vor allem aufputschend. Güner ist auf der Bühne herzerquickend unprätentiös authentisch. Ausdruck der Persönlichkeit und die Musik ein homogenes Gesamtbild.
Das nächste Highlight nur aus Elektronik und Percussion. Minimaler Snyth-Wave mit Drums, die nicht trockener auf den Punkt sein könnten. Die Referenz zu Automatic drängt sich wieder auf.
Ist gerade auf der zweiten Scheibe „Yaramaz“ der Synth-Wave Klang der rote Faden, liefert live das Schlagzeug das Rückgrat von der ersten zur letzten Minute.
Losgelöste Tanzintensität erhöht sich fortschreitend. Auf der Bühne ungezwungenes Miteinander. Getränketausch, verschworene Blicke, Gläserklimpern. Augenblicke, in denen die Stimmung mehr an die Party in der WG-Küche erinnert als an einen Auftritt vor gedrängtem Publikum.
Einziger Wermutstropfen ist der teilweise zu leise Gesang. Gerade die kurzen, schreienden Passagen gehen tendenziell unter.
Die drei drehen die Dichte und das Tempo konsequent nach oben, bis abrupt vorbei ist. Zugabe gibt es nicht, die 13 Stücke müssen reichen. Schade eigentlich. Authentisch, empathisch, menschlich machen die drei Frauen tolle Musik und eine großartige Party.




