Besser spät als nie. Immerhin sieben Jahre hat sich John Maus Zeit gelassen für sein siebtes Album „Later Than You Think“. Gut, er musste sich einiger Anschuldigungen seiner politischen Gesinnung folgend Herr werden, die wohl hauptsächlich daher kamen, dass er im Januar 2021 beim Sturm auf das Washingtoner Capitol anwesend war. Der im kontroversen Sinne polarisierende Künstler, mit dem Doktortitel in Politikwissenschaft, hat jedoch schon immer Gegenwind gespürt.
So haftet seinem Schaffen nicht nur eine gewisse art school mindfuckery an, seine ersten Werke, die auf Animal Collectives Label Paw Tracks erschienen, wurden von der Kritik zerrissen. Doch gerade das brachte ihm und seinen exzentrischen, manischen Liveauftritten eine treue Gefolgschaft ein. Diese vergleichen Maus, nicht nur wegen seines Bariton-Gesangs, mit Joy Divisions Ian Curtis.
Auf „Later Than You Think“ beschäftigt sich John Maus nicht nur mit seiner Sicht auf die (politische) Welt, sondern stellt auch in Frage, ob sich die Menschheit ihrer Verantwortung bewusst ist. Doch resümiert er selbst, „because we built it, we can watch it go up in flames“. So zermartert er sich an philosophischen Themen.
Die Musik von Maus ist stets konkret akzentuiert, bestehend aus 80er Jahre New Wave Synthesizern, Lo-Fi-Indietronica. Er zelebriert einen orchestralen Ansatz, auf dem sein Bariton Sprechgesang am besten zur Geltung kommt.
Blaupause dafür ist „Because We Built It“, das das 16 Titel starke Album eröffnet. Dass Maus auch private Schicksalsschläge zu verkraften hatte (so starb sein Bruder während einer gemeinsamen Tour), wird auf dem Album, wenn auch oberflächlich thematisiert. Der Wille, zu verschwinden wie in „Disappears“ weicht schon in „Reconstruct Your Life“ dem Wunsch zum Neubeginn.
Der Sound ist mal frickelig, mal mit dem Drumcomputer pulsierend wie bei „I Hate Antichrist“, das zumindest das Maximale aus seiner Text-Dauerloop macht, in dem es der FBI Überwachungsinstanz einen Gastauftritt zugesteht.
Vollkommen sperrig predigt Maus auch auf Lateinisch, wenn gregorianische Gesänge auf klopfenden Beatkonstrukt durch „Theotokos“ hallen; er appelliert an die Akzeptanz der misfits, wenn er auf „Tous Les Gens Qui Sont Ici Sont D´ici“ zu einem reduzierten Synthpop-Set auf Französisch parliert.
So wird John Maus‘ Schaffen oftmals zum Kniefall vor Joy Division, speziell wenn er mit echoender Stimme im Downtempo die Synthesizer auf „Let The Time Fly“ erbeben lässt oder „Let Me Through“ in ein LoFi New Wave Gewand steckt.
Maus lädt dazu ein, seine Musik und die tiefgreifenden Texte zu zerpflücken, etwa das sozialkritische „Pick It Up“, das die Sehnsucht nach Nähe und Zugehörigkeit in der Gesellschaft thematisiert, dazu wiedermal Gregorianisch orgelnd den Drumcomputer als Zugpferd vorspannt.
Bei all der Philosophie merkt Maus an, dass „Losing Your Mind“ am besten mit einem leichten Grinsen zu ertragen ist. Poppig orchestriert, kocht Maus mit dargebrachter Klangkakophonie die Gehirnwindungen ab, die das abschließende „Adorabo“ dann jedoch nicht mehr weiter fordert.
Der thematisierte Wahnsinn ist John Maus auch mit „Later Than You Think“ wieder gelungen. Irgendwo zwischen New Wave Rhythmen und gregorianischen Gesängen martert er uns textlich philosophische Grundsatzthemen an. Das ist herausfordernd und will dennoch ergründet werden.
John Maus scheint gewillt, uns die dafür erforderliche Zeit zuzugestehen.
