Trotz des melancholischen Titels ist „Singin‘ To An Empty Chair“ kein Album der Abwesenheit. Vielmehr markiert die sechste Studioplatte der Chicagoer Band Ratboys den Beginn eines wichtigen Dialogs – mit einer nahestehenden Person, von der sich Sängerin Julia Steiner entfremdet hat.
Was bleibt, ist kein Vakuum, sondern ein Raum voller Emotionen, den die Band mit 11 Songs füllt, die zwischen Country-Twang, 90er-Pop-Rock und Midwest-Emo pendeln.
Schon „Open Up“ legt mit seinen Country-Gitarren, die stellenweise an Kacey Musgraves erinnern, und Steiners luftiger, zeitweise kindlicher Stimme, das klangliche Fundament.
Diese zarte Grundstimmung zieht sich durch das gesamte Album, wird aber immer wieder aufgebrochen – etwa durch den grungigen Song „Know You Then“. Oder auch bei „Light Night Mountains All That“, ein Song, den die Band selbst als „Wormhole-Jam“ bezeichnet und in dem Steiner in emotionale Ausbrüche verfällt, die an die Klangfarbe von Künstlerinnen wie Blondshell erinnern.
Die Stärke des Albums liegt in seiner unprätentiösen Direktheit: Songs wie „Anywhere“ oder das country-lastige „Penny In The Lake“ verzichten auf Komplexität zugunsten von Gefühl – perfekte Roadtrip-Musik oder als Soundtrack für emotional verwirrende Coming-Of-Age-Momente.
Das emotionale Herzstück des Albums bildet „Just Want You To Know The Truth“: achteinhalb Minuten, mit trashigem Gitarrensolo und herzzerbrechenden Lyrics über den Verlust einer Person, mit der man aufgewachsen ist.
„So now I’m singin‘ to an empty chair, bleedin‘ out every line“ – die Länge des Songs mag gewöhnungsbedürftig sein, aber vielleicht verlangt gerade diese Kerngeschichte des Albums ihre Zeit.
Gegen Ende wird es noch dunkler: „Burn It Down“ beschwört mit seinem Mantra „We gotta burn it down“ die Ästhetik des Midwest-Emo – passend zu den Gegenden zwischen Wisconsin und Illinois, wo das Album geschrieben und aufgenommen wurde.
Doch dann die Wende: „At Peace In The Hundred Acre Wood“ schließt mit Orgel, akustischer Gitarre und – ja – Glockenspiel versöhnlich ab. Es ist das erste Ratboys-Album seit Steiners Therapiebeginn, und man hört die neu gewonnene Klarheit.
Nicht alles ist düster, verspricht Steiner. Und wer als Hörer*in die letzten 50 Minuten metaphorisch in jenem leeren Stuhl saß und besungen wurde, steht am Ende mit einem Lächeln wieder auf.
