Arlo Parks hat sich für eine gleichmäßige und stille Platte entschieden, „Ambigous Desire“. Die Londonerin hilft uns, dem Lärm der Welt zu entfliehen, und auch der Aufgeregtheit des ‚per Knopfdruck sofort‘-Zeitalters.
Andererseits trainiert sie auch nicht die gute alte Tugend Geduld, denn man bekommt mit dem ersten Knopfdruck auf Play gleich alles, was man erwarten konnte: Eine unschuldig anmutende Stimme auf Lo-Fi-Beschallung, die aus dem Leben einer Antiheldin erzählt. Lieber im Bett bleiben, als mutig zu sein, fasst „What If I Say It?“ den Lebensmodus der Ich-Figur zusammen.
„Was bedeutet es, wenn ich mich nicht ändere?“, fragt diese Person im Track „Floette“. In unserer Ära von Selbstoptimierung im Pop und therapeutischen Ansätzen zu mentaler Gesundheit verbleibt Arlo Parks in einem schlichten und bewertungsfreien Tagebuch-Stil. Dieser entstammt durchtanzten Nächten.
Eine Person erzählt der anderen von ihrem Tag, so einfach lautet etwa das Setting im Song „Jetta“. Die Bässe rundherum sind zu dünn und schwach, oder umgekehrt, bei „2SIDED“ fast zu übersteuert, um guten Gewissens von Trip-Hop zu sprechen und in manchen Tracks zu schnell dafür, obwohl einiges für diese Einsortierung sprechen würde.
„Ambigous Desire“ verkörpert – anders, als es der Titel verspricht – nicht das Mehrdeutige, sondern ist sehr homogen und auch hinsichtlich dieses ‚Flows‘ trip-hoppig. Breakbeats, Garage-Techno münden ein.
Musikalisch hat man bisher Soul weithin zu dem gesagt, was die 25-jährige Arlo Parks macht. Ob das passend war, ist eine der härteren Nüsse für Fachkreise und wird wohl irgendwann im Rahmen einer kulturwissenschaftlichen Master-Arbeit oder an einer Jazzakademie geknackt werden.
Von Folk-Soul, Westcoast-Soul, Retro- oder Neo-Soul war die Rede, wenn Zeitungen oder Festival-Programme sie beschrieben, und der Fernsehsender arte lobte sie sogar als „Soul-Sensation“. Aktuell müsste man jedoch in erster Linie den Begriff Downbeat auf Parks Platte kleben, schon aus formalen Gründen: Alles klingt wie ein Mixtape.
Die Tracks sind urban, mondän und modern elektronisch produziert, wieder unter Beteiligung von Paul Epworth und Buddy Ross, verfestigen damit den Eindruck aus Arlos Newcomer-Zeiten – sie bietet Soul für Leute, die ihn eigentlich nicht mögen.
Wer sich beim Soul an der Emotionalität oder den Instrumentierungen stört, bekommt hier auf dem stilistisch breiten Label Transgressive einen Gegenentwurf. Smart, fließend, introvertiert, eskapistisch kreist die Künstlerin um die Beats.
Diese haben durchaus ein wenig Groove, und sie klingen geschmackvoll, aber sie kleiden einen schmalen Spielraum aus. Die viral gegangene Perkussionistin Heidi Joubert sagte in einem ihrer Tutorials für die Cajón-Trommel, ohne Dynamik gebe es keine Musik.
Wenn das hier also eher keine Musik ist, dann gleicht es einer melodischen Lesung mit rhythmischer Untermalung. Die Musikalität ist jedenfalls gering, eher skizzenhaft, ohne dass das aber den Spaß-Faktor des Albums verringern würde.
Das Zweischneidige an „Ambigous Desire“ ist aber, dass die Gleichförmigkeit der Sounds mit ihrem Verzicht auf Laut-Leise-Wechsel und mit geringen Tempo-Sprüngen zwischen den Nummern monoton wirken kann. Zugleich verbindet sich indes damit die andere Seite der Medaille, dass man ungestört in der Melancholie dieses Werks versinken kann, ohne dass andere Stimmungen stören würden.
Letzteres war wohl auch die Absicht. Arlo wollte abschalten. Tanzen. Dazu schlug sie sich in Englands postpandemischem Hautpstadt-Trubel die Nächte um die Ohren. „Ich verliebte mich in den letzten zwei Jahren in nächtliche Schauplätze“, kommentiert sie.
Arlo Parks Stimme fordert bekanntlich keine besondere Aufmerksamkeit ein. Unauffällig, angenehm, teils ein bisschen mädchenhaft läuft sie nebenher, während auch die zweckmäßige Rhythmus-Sektion samt Drum-Machine beiläufig nebenher trabt.
Es gibt hier nur Understatement und Bestandteile, die sich nebenbei abspielen. Damit tischt Parks ein klares Gegenangebot zu ihrer Zeitgenossin Raye auf, die auf ihrem fast zeitgleich erschienenen Zweitling dem Soul und R&B stilistisch ebenfalls abschwört, gesanglich aber nun wie in Opernarien und Musicals auftritt.
„Ambigous Desire“ richtet sich stilistisch dagegen an ein Publikum, das Nightmares On Wax, Kelly Lee Owens, John Glacier, Greentea Peng, Sudan Archives, den gastierenden Sampha, aber auch solch alte Rhythm-and-Poetry-Musik wie Gil Scott-Heron gut finden und allgemein an Personen, die gerne in Schwermut versinken und Melancholie als etwas Positives empfinden, also etwa an die Zielgruppen von Mercury Rev. Stärker als an alles andere erinnert die Scheibe außerdem an Erika de Casier.
Arlo Parks stand zu Beginn für die „Super Sad Generation“ (2019), wie sie es nannte. Sie wollte das Lebensgefühl inmitten unbezahlbaren Wohnraums an der Themse auf den Punkt bringen.
Hoffen wir, dass Lars Klingbeil ihre Platte anhört und einen Eindruck davon bekommt, warum Menschen wie Parks desillusioniert sind und sich der Flucht aus den vielen Problemen unserer Zeit zuwenden, der Flucht in Drogen, hypnotische Sounds, an Orte, zu denen keine Politiker*innen gehen und sogar, wie einer der Songs heißt, ins „Nightswimming“.
