Die Sterne wehren sich erfolgreich gegen den Status als Dinosaurier der Hamburger Schule. Während Tocotronic zuletzt Federn lassen mussten und Blumfeld bis vor kurzem noch gänzlich vorbei waren, ist die Band um Frontmann Frank Spilker, diesen ultra-sympathischen Zwei-Meter-Riesen, eine unbedingte Konstante, die vom Aussterben weit entfernt ist.
Ihr jüngst erschienenes 13. Studioalbum „Wenn Es Liebe Ist“ hat diesen nimmer müden, ironischen Biss der Aktualität, den diese Band mit jedem Album erneut unter Beweis stellt. „Die Leute ham Ideen, da kommst du gar nicht drauf./ Als ob jemand jetzt in Krügen die Dummheit brächte. Sie glauben nicht mehr an die Menschenrechte / Bis sie irgendwann dann feststellen, dass sie selber welche sind, nur halt nicht erwachsen, einfach wie ein Kind.“
Der Auftakt ihres neuen Albums gleicht einer unverstellt lakonischen Bestandsanalyse zur Lage der Gesellschaft – wie auch der Rest der Platte, weshalb sich die Band konsequenterweise beim gestrigen Konzert im Karlstorbahnhof dazu entscheidet, „Wenn Es Liebe Ist“ in Gänze zu performen. Nur in einer neu definierten Reihenfolge.
Nach dem Auftakt von Resi Reiner und nachdem Spilker zu den Tönen von Marlene Dietrichs „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ auf die Bühne schlendert und dann solo auf der Akustikgitarre die beiden Sterne-Klassiker „Universal Tellerwäscher“ und „Die Interessanten“ zum Besten gibt, ist der Abstand zu einem wie auch immer gearteten Startum maximal groß und das familiäre Setting, mit der Gewissheit im Heidelberger Karlstorbahnhof unter Gleichgesinnten aller Altersschichten zu sein, gesetzt.
Als Frank Spilker dann erklärt, dass sie nun das neue Album komplett spielen, aber zunächst hinten anfangen, folgt die Dramaturgie von Beginn an dieser gewissen Andersartigkeit, mit der die Band seit den 90ern den Zirkel des Diskurs-Pop definiert. Das war vor 30 Jahren zu ihrem Referenzwerk „Posen“ so, und das stimmt auch 2026 mit „Wenn Es Liebe Ist“.
Allein musikalisch wirken Die Sterne heute beweglicher denn je. Schon früh verband die Band Indie-Rock mit Disco- und Funk-Elementen. Live gerät diese Mixtur jedoch nicht zur Referenz, sondern zu einer wunderbaren Reibungsfläche.
Es entsteht Tanzmusik für den Kopf, und Denkstoff für den Körper. Oder wie Spilker neuerdings singt: „Langeweile ist ein Pulverfass, am Ende wirst du Fan von irgendwas“.
Seine Texte bleiben das Zentrum seiner Kunst und operieren wie eh und je im Modus des Diskursrocks: Beobachtung statt Bekenntnis, These statt Parole.
Dort findet der Support Act Resi Reiner vielleicht auch noch hin. In der aus Wien stammenden Künstlerin steckt eine kleine Inga Humpe, die an diesem Abend ohne Band auftritt. Trotzdem ist ihr Händchen für Songs mit klaren Lyrics, frei von Plattitüden, nicht zu überhören.
Bei ihr, wie auch bei den Sternen, entstehen zwischen den Songs kleine Denkpausen, Momente, in denen mancher Ernst zurück in die Ironie kippt: „Ich muss mal die Gitarre stimmen, obwohl das spießig ist. Aber der nächste Song ist angelegt wie eine Spieluhr, und die sind ja nie verstimmt“ sagt etwa Spilker, und kündigt damit „Es War Nur Ein Traum“ an.
Er gibt den Zeremonienmeister des Halbironischen, Halbernsten, und genau in dieser Schwebe entfaltet sich die eigentliche Qualität des Konzerts, für das weder Band noch Publikum die Geduld aufbringen müssten, um tatsächlich über alle neuen Songs hinweg zu den alten und mittelalten Klassikern zu gelangen.
Ein größerer Qualitätsbeweis für das neue Werk kann es kaum geben. Im Gegenteil: Dass viele der neuen Stücke mindestens so gut altern werden wie etwa „Hallo Euphoria“ oder „Depressionen aus der Hölle“ steht außer Frage.
Selbst ihr größter Song „Was hat dich bloß so ruiniert“ am Ende des regulären Sets erscheint nicht als Erinnerungsstück, sondern als fortlaufender Kommentar zu einer Gegenwart, die sie längst eingeholt hat.
Die Sterne sind eine Band mit über drei Jahrzehnten Geschichte, aber sie spielen, als wäre Geschichte kein Argument. Sie verkneifen sich jede Retro-Geste, jedes Abfeiern der eigenen Ikonografie – stattdessen dominiert eine fast trotzig wirkende Aktualität.
Und wir, die köstlich Unterhaltenen, müssen in ihren Zeilen schließlich gar nichts, außer vielleicht das System, ficken. In diesem Sinne: Auf die nächsten 30.







