Seit Ende der 70er kultiviert Steven Brown mit seiner Band Tuxedomoon Musik nach der Maxime: „Alles, was nach der Musik anderer klingt, ist tabu.“ Das wird meist unter New Wave gefasst, aber auch unter wohlwollender Auslegung trifft das spätestens auf „In This Very World“ nicht mehr zu.
Trotzdem passt sich das neue Soloalbum in sein bisheriges Schaffen ein. Wahrscheinlich deshalb, weil der kompositorische Grundsatz immer noch derselbe ist – selbst, wenn Brown und seine Mitstreiter*innen doch mal Songs anderer neu auflegen:
David Bowies „Panic In Detroit“ entziehen sie nicht nur jegliche Tanzbarkeit, sondern auch die unausgesprochene Energie, die dazu anreizt, einen Molotowcocktail anzustecken und sich in besagte Panik zu stürzen. In Browns Cover-Version haben sich die Rauchschwaden gerade langsam gelegt und geben den Blick auf die Überlebenden frei.
Dmitri Schostakowitschs „Waltz Nr.2“ interpretieren Brown & Co. dagegen schon originalgetreuer, wenn auch mit der Treffsicherheit und Leichtfüßigkeit einer Feuerwehrkapelle. Zwischen den schrägen Klangausflügen der Eigenkompositionen stechen beide Songs kaum heraus.
Auch, wenn der Albumtitel das Gegenteil vermuten lässt, bestärkt „In This Very World“ den Großteil der Laufzeit über das Verlangen, vor eben dieser wahnsinnigen Welt zu flüchten.
Je nach Song wächst die Sehnsucht nach der Wüste („Cheran“), einem entlegenen Studierzimmer („Nakba“), einer fremde Stadt („Wordsworth“) oder den tiefsten Windungen des eigenen, vernebelten Verstandes („Pyramides“).
Im abschließenden „Nella Terra“ wetteifern die Stimmen eines Saxofons, einer Trompete und einer verzerrten Gitarre über einem gleichmäßig tröpfelnden Muster miteinander. Nach vier Minuten überschneiden sie sich, fangen an sich zu ergänzen, zu sprechen und dann wieder auseinander zu fließen. Dass es sich um eine Live-Aufnahme handelt, merkt man erst am Applaus.
Mit einem kleinen (und größtenteils) akustischen Ensemble inszeniert Steven Brown eine Suite, deren 12 Sätze sich mal mehr, mal weniger verschroben voneinander abheben. Das klingt mal eindeutig nach Jazz, mal nach Klezmer in Kammerbesetzung, mal nach Klangkünstlern, die ihre Installationen vor laufendem Mikro einreißen.
Da ist am Ende auch gar nicht mehr wichtig, mit welchen Worten einen der sporadische, mezcal-weiche Gesang einzulullen versucht. Vergleichbare Künstler*innen gibt es wohl kaum. Das circa 50 Jahre alte Ziel wurde also mal wieder erfüllt.
