Überraschung! Enter Shikari nehmen bewusst Abstand von allem, was von ihrer Musik ablenkt und haben ihr achtes Album deshalb diese Woche ohne jede Ankündigung veröffentlicht.
Laut Frontmann Rou Reynolds ist „Lose Your Self“ „ein Shikari-Album wie nie zuvor“, das „als zusammenhängendes Ganzes“ erlebt werden sollte. Diesen gesamtkunstwerk-ähnlichen Anspruch markiert die Band aus dem britischen St Albans gleich an mehreren Stellen.
Innerhalb der ersten Minute des Titelsongs beschreibt Reynolds das Albumcover für alle, die ihre Playlist nur mit halber Aufmerksamkeit verfolgen, und platziert auch gleich die ersten thematischen Elemente: „You’re suspended / in a light beam / to transcend it / you gotta lose your self“.
Die letzten drei Songs bilden zusammen so etwas wie eine Suite, in der jeder Satz die durchgängige Handlung mit unterschiedlichen stilistischen Mitteln fortführt. Dass zwei Drittel der musikalischen Satzbezeichnungen höchst unüblich sind, tut da auch nichts zur Sache – die künstlerische Intention wurde spätestens hier klar ausgedrückt.
Enter Shikari bewegen sich klanglich auf gewohntem Terrain, irgendwo zwischen Architects und The Prodigy. Da aber alle Vergleiche irgendwann zu hinken beginnen, sollte „Lose Your Self“ nicht bloß durch eine Ansammlung von Vergleichs-Bands begriffen werden.
Denn egal, wieviele Gegensätze und stilistische Schlenker auf der Platte vereint werden, bleibt die Band dahinter in gewohnter Qualität erkennbar. Vielmehr fallen auf „Lose Your Self“ die Texte auf.
Die lyrische Welt bricht auseinander, jeder Mensch ist davon betroffen. „And If we don’t realize it now / we’re gonna find out the hard way.“ Wie genau diese harte Tour aussehen könnte, wird im Folgenden noch zur Genüge beschworen: Pilzförmige Wolken, Verderben, und am Ende leben nur noch Kakerlaken.
So zynisch klangen Enter Shikari schon lange nicht mehr, und im Kontrast zum feierbaren Sound scheint alles noch deprimierender. Nur das abschließende „Spaceship Earth (III. Maestoso)“ macht mit sanften Streichern, Pauken, Bläsern und der Aussicht auf Veränderung noch Mut.
„Lose Your Self“ ist eins der interessantesten Album der notorischen Trancecore-Optimisten. Zynismus und Hoffnung halten sich fein ausgeklügelt die Waage, genauso wie der Drang, friedlich zu raven und seinen Mitmenschen (im Moshpit) aufs Maul zu hauen.
