Zwei Jahre Arbeit und ein Abschied von Atlantic Records später klingt Oliver Trees „Love You Madly Hate You Badly“ wie von jemandem gemacht, der niemandem mehr Rechenschaft schuldet: roh, chaotisch, ehrlich, manchmal brillant – und gelegentlich ein bisschen too much.

Musikalisch bewegt sich das mittlerweile vierte Album (bzw. fünfte, wenn man das als Tree veröffentlichte „Splitting Branches“ von 2013 mitzählt) des Kaliforniers in einem breiten Spektrum zwischen Alternative-Rock, Rap und Pop-Punk, durchzogen von düsteren Industrial-Texturen und vereinzelten Hyper-Pop-Momenten.

Die Vocals erinnern mal an Machine Gun Kelly, mal an das grungige Genuschel eines Grandson. Was das Ganze aber zusammenhält: Immer wieder brechen schwebende, träumerische Synths durch die harten Beats und gerufenen Raps – und geben den Songs dadurch viel Tiefe.

Wer einen sanften Einstieg erwartet, wird trotzdem enttäuscht: Kaum ein Song erlaubt sich ein Intro. Bei 17 Tracks und knapp über 45 Minuten Laufzeit bleibt keine Zeit für Höflichkeiten.

Thematisch dreht sich alles um eine toxische Beziehung – Besessenheit, Selbsthass, Abhängigkeit von jemandem, dem man besser nie begegnet wäre. Tree beschreibt das selbst als „den Sound eines Schleudertraumas“.

Die stärksten Momente entstehen dort, wo Oliver Tree über das Standard-Gitarrenriff hinausgeht: „Joyride“ und „Crazy“ bieten beispielsweise verrückte Drum-and-Bass-Beats und düstere Texturen, die unter die Haut gehen.

„Someone Else“ ist einer der überzeugendsten Momente von „Love You Madly Hate You Badly“: ein klassischer, eingängiger Rap-Beat, darüber ein Text, der Menschen auseinander nimmt, die sich krampfhaft verbiegen, um andere Leute zu beeindrucken.

Dass ausgerechnet Tree – bekannt für sein überdrehtes Alter-Ego-Marketing – hier Authentizität anmahnt, ist vielleicht das Schönste an dem Album. Aber nicht alles funktioniert gleich gut. Einige Refrains klingen schlicht zu sehr nach Radioformat, und ein paar Songs hätte man ohne große Verluste streichen können – „Dirty“ etwa schleppt sich drei Minuten durch Selbstmitleid, ohne wirklich irgendwo anzukommen.

Und wenn die Lyrics ins Klischeehafte kippen, tun sie das mit Ansage: „Flowers“ wünscht der Ex mit großer Geste den Tod. Darf man das ernst nehmen? Will man das ernst nehmen? Diese Frage stellt das Album einem ständig.

Oliver Tree ist als Künstler irgendwo zwischen Die Antwoord und Twenty One Pilots angesiedelt – absurd genug, um aufzufallen, catchy genug, um hängen zu bleiben.

Zwischen all dem Chaos, den Stimmungsschwankungen und dem gelegentlichen Hang zu Selbstüberhöhung stecken auf „Love You Madly Hate You Badly“ Songs, die wirklich überzeugen – selbstbewusst, eigenständig und schwer aus dem Kopf zu kriegen.

Kein makelloses Album, aber eines mit echten Höhepunkten.

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