Auf der Suche nach kantigen Indie-Rock-Klängen aus der Schweiz, lohnt sich ein Blick in Richtung Zürich. Hier ist die Band Annie Taylor beheimatet – ein hibbeliges Quintett mit ordentlich Feuer im Gepäck, das bereits im Jahr 2020 mit dem vielgelobten Debütalbum „Sweet Mortality“ für großes Aufsehen in der Branche sorgte. Sechs Jahre später kommen die Schweizer nun mit ihrem dritten Studiowerk „Out Of Scale“ um die Ecke. Kurz vor der Veröffentlichung des neuen Albums trafen wir uns mit Sängerin und Frontfrau Gini Jungi zum Interview und sprachen über interne Arbeitsprozesse, ihre Liebe zu Deutschland und den einfachen Weg zur Musik.
MusikBlog: Gini, ich habe letztens mit dem Kollegen Lambert gesprochen, der mir erzählte, dass sein neues Album, welches dieser Tage veröffentlicht wurde, bereits im letzten September fix und fertig gemastert war. Wie lange liegt euer neues Album „Out Of Scale“ schon in der Schublade?
Gini Jungi: Wir haben die meisten Sachen auf dem Album schon vor einem Jahr aufgenommen und fertiggestellt. Diese langen Wartezeiten kennen wir auch. Bei uns kam noch hinzu, dass ich zwischendurch am Ohr operiert werden musste. Mir wurde eine Prothese eingesetzt, da ich irgendwie immer tauber wurde. Das verlief zum Glück alles sehr gut. Wir wollten die Aufnahmen aber unbedingt vor der OP fertigstellen, falls irgendwas passiert.
MusikBlog: Musikalisch präsentiert ihr euch auf eurem dritten Album unheimlich offen und facettenreich. Wie kann man sich euren Songwritingprozess vorstellen?
Gini Jungi: Wir haben da mittlerweile einen ziemlich gut funktionierenden Arbeitsprozess. Meist komme ich mit einem Song in den Proberaum, der schon fast steht. Und dann probieren wir als Band noch ein paar Dinge gemeinsam aus, bis der Song dann irgendwann richtig fertig ist. So gehen wir das eigentlich meistens an.
MusikBlog: Innerhalb dieser Phase ist dann auch jeder in der Band involviert?
Gini Jungi: Ja, schon. Sicher, ich habe meine grundsätzlichen Vorstellungen, wenn ich die Songs schreibe. Aber die Jungs sind da eigentlich immer voll mit dabei, wenn es um die gemeinschaftliche Umsetzung geht. Die verstehen auch immer sofort, um was es mir geht, egal, ob es um eine bestimmte Stimmung oder die richtige Hook geht.
MusikBlog: Produziert wurde das Album von David Langhard (The Peacocks, William White). Hat das gut gepasst?
Gini Jungi: Ja, absolut. David ist super krass. Er hat ein unglaublich feines Gehör. Man kann ihm einfach alles vorspielen – Er weiß immer sofort, wo man hin will und was man mit welchen Sounds erreichen möchte.
MusikBlog: Was war dir diesmal thematisch wichtig?
Gini Jungi: Irgendwie sind diesmal alle Gefühle mit eingebunden. Das ist wie so eine klassische Achterbahnfahrt der Emotionen. Es geht viel um Hoffnung, aber auch um weitsichtiges Denken. Das Ganze hat natürlich schon auch Bezug zu mir und meinem Leben. Aber es ist auch übertragbar. Ich finde es immer total schön, wenn sich andere Menschen mit ihren eigenen Geschichten in den Songs wiederfinden.
MusikBlog: Bleiben die Geschichte und die inhaltlichen Emotionen in einem Song immer gleich, oder verändert sich die Bedeutung eines Songs auch mal mit der Zeit?
Gini Jungi: Sie verändert sich sogar ziemlich häufig. Ich blicke in meinen Texten auch oft in die Zukunft. Manchmal ändern sich Gefühle halt, das ist ganz normal. Auch während des letzten Aufnahmeprozesses ist viel passiert. Das führt dann auch mal dazu, dass ein Song und seine Bedeutung nochmal eine unerwartete Wendung nehmen.
MusikBlog: Ihr seid auch unheimlich viel live unterwegs. Gibt es Orte und Länder, wo ihr besonders gerne auftretet?
Gini Jungi: Ich liebe es, wenn wir in einem verschwitzen Club spielen und den Leuten sprichwörtlich die Ohren bluten – natürlich nur im positiven Sinn. Ich liebe es aber auch, auf der Bühne eines großen Festivals zu stehen. Konzerte sind generell super. Sehr gerne sind wir auch in Deutschland unterwegs. Hier sind die Leute immer total freundlich und super offen. Wir hängen immer nach unseren Shows am Merchandise-Stand rum und unterhalten uns mit den Leuten, um zu erfahren, wie die so ticken, wo sie herkommen und was sie so machen. Das finde ich immer total spannend.
MusikBlog: Ihr habt schon für Skunk Anansie und die Beatsteaks eröffnet. Ihr wart auch schon in Amerika auf Tour. Was ist euer Erfolgsschlüssel?
Gini Jungi: Ich denke, man sollte einfach immer für alles bereit sein und willig sein, alles dafür zu geben. Niemand wartet da draußen auf dich als Band. Man muss zu den Leuten gehen und sie überzeugen. Wenn dann irgendwo eine Tür aufgeht, dann sollte man auch nicht zögern und die Chance einfach ergreifen.
MusikBlog: Ist Zürich eine Stadt, die einer jungen und aufstrebenden Band genug Spielraum bieten kann, um sich bestmöglich zu entfalten?
Gini Jungi: Es gibt schon eine Szene und auch ein paar gute Clubs in der Stadt. Aber viel wichtiger ist, dass viele große Bands in Zürich Halt machen und man so viele Chancen auf attraktive Support-Slots hat. Das hilft dann schon weiter, wenn man sieht, wie es die richtig großen Bands machen.
MusikBlog: Euer Debütalbum erschien im Jahr 2020, also zu Beginn der Corona-Pandemie. Eigentlich nicht gerade der perfekte Zeitpunkt für ein erstes Band-Ausrufezeichen, oder?
Gini Jungi: Das Gute war, dass wir ja noch nicht viel Erfahrung hatten. Es war kaum etwas möglich, das stimmt schon. Aber wir hatten als junge Band auch noch keine Zeit hinter uns, in der so viel mehr los war. Der Unterschied war also erstmal nicht so groß. (lacht) Aber klar, es war nicht der beste Zeitpunkt für ein Debütalbum. Aber wir haben die Zeit durchgestanden.
MusikBlog: Wie bist du eigentlich zur Musik gekommen?
Gini Jungi: Unser Gitarrist Tobi spielte damals in einer Band. Ich fand das irgendwie cool, wir kannten uns vom Snowboarden. Und dann wollte ich auch in einer Band spielen. Ich habe mich dann hingesetzt und die Gitarre in die Hand genommen und ganz viel geübt. Irgendwann stand dann ein Schlagzeug bei uns daheim im Wohnzimmer. Und dann kam irgendwie eins zum anderen. (lacht)
MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.
