Es war eine Bitte, die im Wiener Konzerthaus nicht oft fällt: „Es ist kein typisches Sitzkonzert, man darf die Schuhe ausziehen und umherlaufen.“ Die das sagte, trug ein blaues Basecap, den Schirm nach hinten, und stand – zunächst ein wenig nervös – auf einer Bühne, die für Konzerte anderer Art gebaut worden war.
Ness, bürgerlich Vanessa Dulhofer und aktuelles Kulturphänomen der Gen Z, gab am gestrigen 1. Mai im Wiener Konzerthaus ihr erstes Unplugged-Konzert ihrer „Hautnah Akustik Tour“ in einem orchestralen Rahmen, der – das war Teil der Konstruktion – ein bisschen größer war als sie selbst.
Es begann mit „Garten Und Ausblick“ und von Anfang an wurde jedes Wort und jede Note lautstark vom Publikum gefeiert. Vor und nach jedem Song gab es eine Rede von Ness, die sie angeblich nicht vorher überlegt hatte, wie sie erklärte.
Bei „Ozean“ stand das Publikum auf, weil Ness darum bat; von nun an standen alle bei nahezu jedem Song ohne Aufforderung auf, nachdem sie sich kurz gesetzt hatten, auch weil die ergreifende Atmosphäre kein Stillsitzen ermöglichen wollte.
Dann: „Albtraum“. Sie wollte eigentlich nun einen Witz machen, sagte Ness, sei aber nach dem Song zu emotional dafür, und schob nach, der Song passe zu ihrer ersten Beziehung.
Vor „Gewitterangst“ erzählte Vanessa von alten Ängsten, die einmal verschwunden gewesen und nun wiedergekehrt seien, und davon, dass ihr genau diese Wiederkehr Hoffnung gebe: Was schon einmal gegangen sei, könne wieder gehen. Es war der Moment, an dem sich der Saal wieder emotional kurz versammelte, aber ohne Pose und ohne Pathos, der in den Studioversionen der Songs manchmal etwas zu schwer gerät.
Und so wurde auch der – schon in der Originalversion nicht gerade fröhliche – Song „Seh Ich Dich“ mit Chor und Streicherensemble zum ergreifenden Highlight, bei dem das Publikum gemeinsam „durch den Regen“ lief.
Nach „Betrunken“, dem Titelstück der gleichnamigen EP von 2023, kämpfte sie erklärterweise mit den Tränen: Ihre ganze Familie sei anwesend, mit beiden Großmüttern, darunter auch jene, die sie als 16-Jährige ohne ihr Wissen für die ORF-Castingshow „Starmania“ angemeldet hatte – eine Geste, die bekanntermaßen das halbe Karriere-Fundament der inzwischen 21-jährigen Niederösterreicherin gelegt hat – und die im selben Saal, in dem die Enkelin nun ihren ersten großen Unplugged-Abend bestritt, eine stille Symmetrie bekam.
„Untypisch“ von ihrem Debüt-Mixtape von 2022 spielte Ness dann zum ersten Mal überhaupt. Der rockigste Song des Abends, „Heimweh Nach Mir“, funktionierte auch akustisch präzise – ein Hinweis darauf, dass diese markante Stimme keine Verstärker braucht, um sich Raum zu nehmen.
Vor „Stille Zu Laut“, dem Schlusspunkt des Hauptteils, hielt Ness eine weitere kurze Rede über das heutzutage übliche Sich-Vergleichen mit anderen – hauptsächlich auf Instagram – und die Langeweile, die jedoch einträte, wenn alle gleich wären – eine Ode an die Vielfalt, die genau so von den Zuschauer*innen zelebriert wurde.
Die Zugaberufe waren anschließend so laut, wie es in diesem Saal eben ging. „Mauern Aus Granit“ und „Leben Überleben“ beendeten die Zugabe pünktlich um 21:00 Uhr und einen großartigen Abend an einem ehrwürdigen Ort.
Es war das anschließende, gemeinsame Stillwerden im Saal, das dieses Konzert getragen hat, und das Erkennen, dass die Empfindungen, die hier in sehr heutige Worte gefasst wurden, älter sind als das Vokabular dafür. Und vielleicht spricht Ness der jungen, in sich gekehrten Generation so aus der Seele, wie es einst Blumfeld mit der Generation X tat.



