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Auf ihrem vierten Longplayer „A Little Vengeance“ überlasst die vielseitige R&B-Künstlerin Jessie Reyez nicht mehr nur ihren Gästen das Rappen, sondern eignet sich diese Aufgabe in „Everybody Cries Sometimes“, im teils spanischsprachigen „Salt“ und in „Crumble“ abschnittsweise selber an.

Reyez hat eine maunzende und teils penetrante Stimme, die mehr interessant als im herkömmlichen Sinne schön klingt. Ihr kindliches Krächzen erinnert stellenweise an Cerys Matthews von der 1990er-Gruppe Catatonia. Wenn man zwischen Krächzen, Rappen und Sprechen schon nicht mehr damit rechnet, stimmt Reyez jedoch im vorletzten Track „Synesthesia“ auf einmal feinsten Sopran-Gesang an.

Die Kanadierin mit kolumbianischen Eltern schenkt sich zu ihrem 35. Geburtstag dieses ausführliche Album, das auf persönlichen Erfahrungen beruht. Denn „A Little Vengeance“ ist eine Herzensbruch-Platte: Die Hälfte der Stücke beschäftigt sich explizit mit gescheiterten Beziehungen. „Dusty“ handelt von Selbstliebe, Feature-Gast Ty Dolla Sign referiert über Frauenrechte.

„Hollywood is a joke“, kommentiert Jessie Reyez, die romantische Verläufe mit Happy-Ends infrage stellt. Sie selbst bleibe erst einmal Single, da sie ihrer Karriere Vorrang gebe, erzählte sie dem Kölner Publikum bei ihrem Gig im September 2025.

Entsprechend rasch schreitet jetzt ihr Output voran, denn das Vorgänger-Album „Paid In Memories“ liegt gerade einmal ein gutes Jahr zurück. Im Gegensatz zu jener trap-inspirierten Doppel-Scheibe pflegt Jessie dieses Mal meist Arrangements aus Akustikgitarre mit dickem Drum-Programming samt Hall und einigermaßen ruhiges, gleichmäßiges Tempo.

So finden sich mit „UR Heartbeat“, „When You Hold Her“, „iBreak“, „Ego Atrophy“, „Dusty“, „Ain’t U Tired“ mit Kollegin Muni Long und „Everybody Cries Sometimes“ etliche anrührend vorgetragenen Balladen.

„Deep conversations“ seien Jessie in einer Beziehung wichtig, wie sie schon im Eröffnungsstück darlegt. Und auch wenn sie aggressiv fragt „What do you think is a partner f***ing for?“ und das Album voller „f***ing friend“ („N.Y.F.F.“), „don’t give a f***“ und weiterer schmutziger Lyrik ist, bekennt sich Reyez dazu, nichts selbstverständlich zu nehmen und auf alles, was sie im Leben bekommt, mit spiritueller Dankbarkeit zu reagieren.

Hinsichtlich des Spiels der Geschlechter hat Jessie Reyez bereits relativ am Anfang ihrer Karriere, 2017, den gravierenden Bruch von Spielregeln aufs Tapet gebracht, war eine der frühen Pionierinnen der #MeToo-Bewegung (in ihrem damaligen Track „Gatekeeper“ beschrieb sie, wie der Produzent Noel Fisher sie im Jahr 2011 bei einer Autofahrt, die angeblich ins Studio führen sollte, aber bei ihm zuhause endete, bedrängte und versuchte, sie betrunken und sexuell gefügig zu machen).

Heute, so findet sie, gehe es im Entertainment-Geschäft in die richtige Richtung. Privat weiß sie von Ex-Freunden, die eine Blockier-Funktion nutzen, und von Therapien zu berichten – Themen beispielsweise im schwungvollen „Fuck U Jessie“.

Ihr Ansatz, Urban-Folk über gesprochene „Interludes“ mit mächtigen Hip Hop-Grooves zu verbinden, geht hervorragend auf, erschließt sich zwar erst nach mehreren Hör-Durchläufen, webt aber eine eigentümliche Stimmung.

Herausgekommen ist mit „A Little Vengeance“ ein ausgesprochen rundes und intimes Werk mit viel Gespür für Details, Timing und Melodie.

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