Brandon Flowers muss uns wohl nichts mehr beweisen. Gemeinsam mit The Killers war er nicht nur äußerst erfolgreich, mit „Mr. Brightside“ gelang ihm außerdem das Kunststück einer Hymne, das gleich mehrere Generationen lauthals mitgrölen.
Doch auf dem Cover zu seinem neuen Soloalbum „Thrasher“ wirkt er angriffslustig, wie eine Mischung aus James Dean mit dem starrenden Blick eines Johnny Cash. Was will er uns damit sagen?
2010 erschien Flowers erstes Soloalbum „Flamingo“, fünf Jahre später folgte „The Desired Effect„. Weitere zehn Jahre später scheint ihn die Midlife Crisis eingeholt zu haben. Zumindest ist er jetzt in der, stark von seinem Vater Terry Austin Flowers, beeinflussten Phase des musikalischen Schaffens angekommen.
In den altehrwürdigen RCA Studios von Nashville entstand ein modernes Country- und Americana-Album, stark beeinflusst von Flowers starkem Erzählstil und den Gastmusikern wie dem Americana-Gitarristen David Rawlings und dem Pedal-Steel-Gitarristen Bruce Bouton, der gefühlt mit der gesamten amerikanischen Countryszene zusammengearbeitet hat.
So sind handwerklich einwandfreie Countrysongs wie das positive „Does It Ever Cross Your Mind?“ entstanden, das mit dem traditionellen Nashvillesound punktet oder das zurückhaltend startende „One Of Us“, dessen Refrain Ohrwurmqualitäten hat.
„Plans“ mäandert verträumt mehrstimmig durch die amerikanische Prärie auf der Suche nach dem „Paradise“. Das findet sich, uramerikanisch, auf einem Parkplatz in Las Vegas. Der sarkastische Track spielt mit dem Unterschied zwischen Arm und Reich, der in der Casinometropole wohl am deutlichsten zu sehen ist. Die klassische Countrythematik wird von einem warmen Heartlandsound begleitet, der an Waylon Jennings erinnert.
Stark geprägt vom zurrendem Banjosound und der Mundharmonika, die stets an den Lippen verweilt, überrascht „Tiger’s Blood“ mit seinem zunächst mild getakteten Americanasound. „Meet me at the country-crossroads“ stimmt Flowers zweideutig an und prägt den Song in seiner unnachahmlichen Weise. Der Refrain rauscht wie der besungene „runaway train“ durchs Gehör und lässt den Titel kontinuierlich Fahrt aufnehmen.
Irgendwo hat Brandon Flowers auch seinen „American-Pie“-Moment versteckt, wenn er „Miss America“ anstimmt und kurz darauf den „Angel“ besingt. Irgendwo zwischen der Working-Men-Melancholie und dem Traum des kleinen Mannes zeugt das Songwriting von der starken erzählerischen Komponente der Countrymusik. Diese beherrscht Flowers zur Perfektion.
Wie auch im von Mariachi beeinflussten „The Red Ground“, dessen Bläsereinsatz dem Hauptprotagonisten fast die Schau stiehlt. Mit der gesanglich stärksten Leistung des Albums weiß sich Flowers aber zu positionieren. Auffallend wie er das Timbre seiner Stimme dem Genre anpasst und doch unverkennbar der Brandon Flowers ist, der mit den Killers Charterfolge feiern konnte.
Das wird mit dem melancholischen „In A Hearbeat“ wohl eher nicht passieren, auch wenn wir alle immer noch ein wenig an „An American Dream“ glauben, den wohl Flowers selbst erfahren durfte, denn kann er jetzt mit den besungenen „Strauss und stetson, swimming pools of horsepower“ leben. „gold and silver“, „glitter“ und „god“ werden ungeniert besungen und zeigen Flowers starke religiöse Verhaftung der Mormonenkirche, idealisiert dabei die amerikanische Arbeiterklasse und begibt sich auf Sinnsuche in Sin City.
„Thrasher“ scheint Flowers ein wichtiges Anliegen gewesen zu sein, nicht nur um vor seinem Vater den Hut zu ziehen. Er beschäftigt sich fast durchgehend mit der Melancholie des amerikanischen Traumes und positioniert genretypisch die Themen der Arbeiterklasse im Vordergrund.
Das mag für den Durchschnittseuropäer pathetisch wirken und doch gehört „Thrasher“, auch dank der Begleitmusiker*innen, zum Besten was Countrymusik aus Nashville derzeit zu bieten hat.
