Manchmal muss man ganz allein sein, um wirklich bei sich anzukommen. Laura Veirs hat das für ihr neues Album wörtlich genommen: In ihrem Gartenstudio, das sie liebevoll „Temple of Bloom“ nennt, hat sie „Temple Songs“ komplett selbst geschrieben, eingespielt, produziert und aufgenommen, ohne Klick, ohne Kopfhörer, ohne Schnitte.
Herausgekommen ist ein kleines Juwel: ein Album, das sich anfühlt wie ein Schatz, den man ganz zufällig findet – das bislang geschlossenste Werk einer drei Jahrzehnte umspannenden Karriere.
Und man hört diese Kompromisslosigkeit. 11 Songs, kaum eine halbe Stunde lang, und trotzdem bleibt kaum eine Sekunde ungenutzt. Die Akustikgitarre bildet das Fundament, dazu ein zurückhaltendes Saxophon, gelegentlich Drums, hin und wieder eine E-Gitarre – und immer Veirs‘ Falsett, das klingt, als könnte es jeden Moment zerbrechen, ohne es je wirklich zu tun.
Die gedoppelten, leicht unperfekten Vocal-Takes wecken zeitweise Erinnerungen an Bon Ivers „For Emma, Forever Ago“. Nur dass bei Veirs die Kälte einer Waldhütte einer warmen Sommernacht im Hinterhof weicht.
Los geht es mit „Arc Still Bends“, einer der Vorab-Singles, die gleich die große Frage aufwirft: Warum fühlt es sich an, als würden Menschen seit Ewigkeiten dieselben Kämpfe austragen?
Diese Mischung aus persönlichen Alltagsbeobachtungen und größeren Fragen zieht sich durchs ganze Album. Bei „Pulse“ wird es dann unerwartet kantig, sogar ein wenig jazzig – E-Gitarre und Saxophon liefern sich ein fast chaotisches Duett, das die sonst so zurückhaltende Ruhe kurz aufbricht.
Danach wird es wieder leiser: „Colors Sing“ beginnt mit geflüstertem count-In, als säße Veirs einem mit der Gitarre im Wohnzimmer gegenüber – darauf folgen anderthalb Minuten verträumtes Fingerpicking.
Am stärksten ist das Album dort, wo die Texte einfach nur ehrlich sind. In „Flying Into Darkness“ fragt Veirs: „Is there a place I can go, where I can be myself / Is there a song I’ll sing that I’ll never sell“ – Zeilen, die im reduzierten Klangbild viel Raum bekommen.
„No Masters“ klingt fast wie ein Mantra und blättert in zehn Jahre alten Tagebucheinträgen, während „Sunlight And Doom“ zum Schluss sogar Fragmente der antiken Dichterin Sappho einwebt.
Große Gefühlsausbrüche sucht man hier vergeblich, dafür gibt es viele kleine, besondere Momente. „Temple Songs“ ist damit kein Album für die Playlist zwischendurch – die intimen, leisen Songs fühlen sich an, als würde man mit einer guten Freundin oder einem guten Freund zusammen sitzen und über Leben, Liebe und ein bisschen Nostalgie philosophieren.
Am Ende bleibt ein Album, das tröstet wie eine Tasse Tee an einem ruhigen Abend: nachdenklich, nostalgisch und vor allem eines – zutiefst intim.
