Die Entstehungsgeschichte des 12. Mastodon-Albums wirft einen derart langen Schatten, dass man sich fragen kann, wie es überstand zu Stande kommen konnte. Die Qualität von „Marrow Deep“ spricht dafür, dass es einfach musste.
Zur Erinnerung: Brent Hinds, Mastodons Mitgründer und über zwei Jahrzehnte lang eine der prägendsten Stimmen und Gitarren der Band, wurde im März 2025 aus der Band geworfen. Fünf Monate später war er tot – am 21. August 2025 kam er bei einem selbstverschuldeten Motorradunfall in Atlanta ums Leben, mit 51 Jahren. Parallel dazu verlor Brann Dailor seine Mutter an den Krebs, gegen den sie jahrelang gekämpft hatte, und Troy Sanders sah im September 2024 zu, wie Hurrikan Helene sein Zuhause verwüstete – seine Familie war danach fast zwei Jahre lang ohne feste Bleibe.
Man muss diese drei Dinge nicht kennen, um „Marrow Deep“ zu mögen. Aber man versteht die Platte besser, wenn man weiß, dass sie buchstäblich aus Trauerarbeit besteht.
Den Auftakt macht „Barbarians Blood“, ein Song, der mit schierer Wucht klarmacht, dass hier niemand vorhat, sich in Zurückhaltung zu üben. Die Band umschifft von Beginn an geschickt den Verlust durch Gitarrengott Hinds. Neu zur Bandbesetzung zählen Gitarrist Nick Johnston und Keyboarder João Nogueira, dessen Tasten der Platte an mehreren Stellen eine fast schon unheimliche, weite Textur geben, die man von Mastodon so noch nicht gehört hat.
Und so schneiden bereits in „Barbarians Blood“ Synthesizer, wo vormals womöglich ein Solo von Hinds gestanden hätte. Das ist nicht nur clever, sondern zeigt auch die Achtung vor dem verlorenen Bandmitglied. Schließlich wäre der Versuch, ihn zu ersetzen, einigermaßen vermessen gewesen. Stattdessen verarbeitet die Band das Drama mit „Your Ghost Again“ ehrerbietend.
Konzeptionell hangelt sich „Marrow Deep“ an den drei Moiren der griechischen Mythologie entlang. Das ist bei einer Band, die schon Konzeptalben über Wale und Blutberge geschrieben hat, keine große Überraschung, funktioniert hier aber weniger als Bebilderung denn als Gerüst, an dem sich die drei privaten Verlustgeschichten der Band aufhängen lassen.
Für „Snakes For Dinner“ holen sich Mastodon mit Josh Homme prominente Unterstützung – die erste Zusammenarbeit der beiden seit „Colony Of Birchmen“ von „Blood Mountain“ 2006 – und klingt entsprechend nach einem Treffen zweier Bands auf Augenhöhe.
Am Unmittelbarsten aber wirkt „In The Ruins“, Troy Sanders‘ Song über Hurrikan Helene, in dem er sein sonst so ehrfurchtgebietendes Grollen fast komplett beiseite lässt und stattdessen mit einer brüchigeren, verletzlicheren Stimme singt, die zur zerstörten Landschaft im dazugehörigen Video passt.
Über die restlichen Songs hinweg bleibt „Marrow Deep“ dem treu, was Mastodon immer ausgezeichnet hat: Harte Riffs, die an „Leviathan“ erinnern, und ruhigere Passagen, die eher nach „The Hunter“ klingen.
Wer befürchtet hatte, die Band könnte ohne Hinds ihre Kanten verlieren, kann daher beruhigt sein. „Marrow Deep“ trauert laut, lässt Sludge- und Prog-Metal wie Berserker ineinander krachen, und erweitert die Soundpalette um neue Facetten, die mit den beiden Neubesetzungen in die Band hineinwirken. Genau das macht die Platte, bei aller Schwere ihrer Entstehungsgeschichte, zu einem der interessantesten Mastodon-Alben seit Langem.
