Von den Rolling Stones bis zu den Scorpions haben alle den wohl wichtigsten Meilenstein in einem Bandleben links liegen gelassen. Nicht so Grossstadtgeflüster, 23 2/3 Jahre ist das Trio am Start und begeht dieses Jubiläum, wie es sich gehört, mit einer Tour.
Dass mit ihrem Auftritt im Leipziger Westen Party auf Attitüde treffen würde, ist in der hiesigen Region von Moritzbastei über Haus Auensee bis zum Highfield Festival dokumentiert, folgerichtig ausverkauft war am gestrigen Samstag die Open-Air-Veranstaltung auf dem Außengelände des Täubchenthal.
Das Eingrooven übernahm Skuff Barbie, die mit ihrem Dancehall-R&B zu gefallen wusste. Wenig später ein schräges Intro und bereits 19:50 Uhr erschien der Berliner Hauptact im Nebel auf der kleinen Bühne.
Zum Einstieg bildete „Wenn Ich Deine Eltern Wäre“ und „Ich Rollator Mit Meinem Besten“ direkt das Altersspektrum zu ihren Füßen ab – ihre Fans rekrutieren sich generationsübergreifend und standen hier und heute für einen amtlichen Abriss bereit.
„Anti Anti“ wird Bonaparte mutmaßlich am 7. November hier im Täubchenthal singen, dagegen sind Jen Bender, Raphael Schalz und Chriz Falk traditionell, proklamieren in ihren urbanen Verweigerungshymnen unangepasst die Themen, die vom vorm Späti bis unter der Reichstagskuppel diskutiert gehören.
Ihre kickenden Beats transportieren die Inhalte dabei wie ein einem trojanischen Pferd, ist die Melodie einmal im Ohr, fällt mitsingen – schon gar nicht bei einem so textsicheren Publikum wie in Leipzig – nicht schwer, Feiern und Protestieren schließen sich eben keineswegs aus.
„Mein Bier“, „Ende Gelände“ „Icke“ – die Betriebstemperatur ist mit dem ersten Takt konstant hoch, Jen Bender dirigiert und moderiert – inklusive Outfitwechsel hinter dem Paravent – so authentisch wie professionell; gönnen sich die Drei zu ihrer wie zur allgemeinen Belustigung mit Klavier mit den Akustikversionen von „Meine Couch“ und „Kartoffelsuppe“ choreografisch den Jubiläumstour-Gänsehautmoment.
Gleich darauf ruft die Synthiefanfare zum kollektiven Springen in den „Feierabend“, von dem zu diesem Zeitpunkt noch keine Rede sein kann. Wall of Death und Mosh-Circle wollen beim Punk-Medley via „Die Einigung“ und „Lebenslauf“ noch bedient werden, gibt es weiter Gassenhauer am Stück, in denen die Frontfrau ihr „Diadem“ aufsetzt, der Realität per „Ich Boykottiere Dich“ den Mittelfinger zeigt, bevor es im „Huckepack“ durch die „Fickt-Euch-Allee“ Richtung Konzertende geht.
Kurz vor Ultimo gibt es noch eine gute und eine schlechten Nachricht. Die Gute: es wird neue Songs geben, die Schlechte: erst nach einer Pause unbekannter Länge.
„Ich Muss Gar Nix“ – die aktuelle Erinnerung zur Entstehungsgeschichte des frühen Klassikers spricht davon, dass der Song vor eine Kirche in Schöneberg mit einer Pfauenfeder in ein Handy geschrieben wurde – heißt es wie immer am Ende ihrer Konzerte. Richtig, eine großartige Show liefern Grossstadtgeflüster immer freiwillig.


