WIe kann man sich selbst anonymisieren, während man in die Öffentlichkeit drängt ? Diese Frage haben sich schon viele Künstler gestellt, ob mit Masken bei Daft Punk oder fiktiven, animierten Figuren bei den Gorillaz. Von Murex ist auch nicht mehr bekannt, als das sie eine schwedische Künstlerin ist, die wohl in Ihrer Kindheit Klavierunterricht hatte.
Zumindest bezieht sie ihr Debütalbum „Inventio“ auf Johann Sebastian Bachs „Interventionen“. Beeinflusst davon ist auch ihr fragiler Electronica-Sound der mit vielerlei Klangschichten und Einflüssen arbeitet.
Murex nutzt diese Form der Musik ähnlich wie die wohl berühmteste Vertreterin dieser Klänge, Björk, zur Selbstreflexion und dem Verarbeiten äußerer Einflüsse zur Selbstfindung.
Dabei schreckt Murex auch nicht vor einem „Massacre“ zurück, um ihre künstlerische Bestimmung zu finden. Schon dieser Opener wirbelt virtuos furios los, um sich mit Murex hellem Gesangsorgan harmonisch zu entkoppeln. Die dynamischen Elektronikbeats bestimmen den Sound, wenn auch mal von der klassischen Musikprägung beeinflusst.
So wie es beim folgenden „Been Here Too Long“ der Fall ist, das mit entrücktem, schon fast lyrischem Soprangesang die Genres weitet.
„The Spire“ wiederum nutzt die Electronica, um folkloristische Klangelemente vielseitig zu verarbeiten. Der helle Gesang von Murex gleitet zwischen den Klangelementen. Vom beschleunigten Herzschlag der elektronischen Drums lässt sie sich zu Experimenten hinreißen, denen man gewogen sein muss.
Für manche mag die kurze Spieldauer der Tracks da durchaus erlösend sein. Denn die insgesamt zehn Titel spielen stets mit dem Avantgardeelement im Pop. Ob das harmonisch folkloristische „Hardness Of A Silverspoon“, das mit seinen öffnenden Klangsphären eine meditative, beinahe astrale Reise bietet oder das zunächst verspielt pluckerige „Biased“ – Murex liebt es, stets immer wieder dysfunktional Harmonien oder Gesangsspuren in Ihre Musik einzubringen.
Doch sorgt die, manchmal kindlich wirkende, Stimme für diese stete, sirenenhafte Anziehungskraft. So würde „Puddle“ nicht nur Odysseus in seinen Bann ziehen. Zaghafte Harmonien treffen auf feine Klangschichten, die sich melodisch vereinen und dabei ihre Electronica-Sporen auf Murex‘ sanften Gesang heften lassen.
Wenn wir schon mal in der Natur sind, sorgt „A Flock Of Swans Fly In V’s“ für eine Reise in östliche Klangwelten. Dynamisch reduziert liegt der Fokus auf dem ätherischen Gesang, der sich im Laufe des Songs verwirrend überlappend zum wirren Flügelschlag der majestätischen Vögel gesellt.
Diese scheinen ihren Flug auch über „Muzak“ fortzusetzen. Der pianobegleitete Song bietet die Kulisse für einen polyphonen Ausflug über sattgrüne Blumenwiesen. Der sanfte Sommerwindklangteppich erweckt die Vielfalt an Insekten, in Form von plapperndem Gesang und allerlei klanglichem Durcheinander.
Wer jetzt an Chaos denkt, liegt aber falsch. Murex vereint alle Schichten zu einem Gesamtbild, das trotz so mancher Disharmonie stets seine Funktion beibehält.
„Mothers Bells“ etwa arbeitet sich zu einem stimmlichen Kanon heraus, das an seiner Spitze von einem plötzlich einsetzenden Electronica-Gewitter aus zehrenden Beats und sphärischen Orgelklängen zusammengehalten wird, um beim abschließenden Titeltrack mit Streichern die Melodie weiterzuführen.
Man fühlt sich entführt in fremde Welten, die dazu einladen, mit geschlossenen Augen neue Erfahrungen in den unendlichen Weiten der eigenen Gedanken zu sammeln. Wer braucht da schon eine Identität, einen bürgerlichen Namen, wenn er uns dorthin entführen kann.
