Es gibt Bands, deren Namen nach zwei Jahrzehnten offensichtlich keiner Erklärung mehr bedürfen. Und es gibt Steven Ansell, der am gestrigen Montagabend im Münchner Technikum seine Danksagungen mehrmals mit dem Satz „We’re Blood Red Shoes“ beschloss – so wie in den Anfangstagen des Duos vor mehr als 20 Jahren, als wüsste nicht auch der Letzte im Saal, wer da vorne auf der Bühne stand.
2007 spielten Blood Red Shoes zum ersten Mal in München, damals noch als Supportact (ihre erste Headliner-Show spielten sie 2008 im legendären Atomic Café), seither kamen sie oft wieder. Die Selbstvorstellung ist geblieben, als Ritual und vielleicht auch als Selbstvergewisserung.
Dazu passte das neue Album, das sie mitgebracht hatten. „Stay Lonely“, im September erschienen und kurz im Akustikset in kirchlicher Umgebung beim Reeperbahn Festival angedeutet, haben Laura-Mary Carter und Steve Ansell ohne Management oder externen Produzenten geschrieben, aufgenommen und gemischt. Der Titel sei ein Scherz, erklärte Carter kürzlich im Interview: eine Formel, die sich die beiden zurufen, wenn ihnen das Leben abseits der Tour wieder einmal schwerfällt.
Zwei Menschen, die schon lange gemeinsam unterwegs sind und darüber eine eigene Form der Einsamkeit entwickelt haben – daraus entsteht Alternative-Rock, der – trotz seiner Wucht – immer auch etwas Melancholie beinhaltet und erstaunlich wenig nach Rückzug klingt.
Grelles weißes Stroboskoplicht flutete die Bühne, als „Start To End“, der Opener des neuen Albums, den Abend eröffnete. Ansell widmete im Verlauf gleich mehrere Songs bestimmten Personen (unter anderem einer ominösen Alina im Publikum „who takes care of business for us“) und stellte in der Mitte des Sets Dan vor, der am Bass für die Stücke „Bangsar“ und „Eye To Eye“ einsprang.
Das erste Highlight kam bereits mit „Cold“ vom 2012er-Album „In Time To Voices“. Als das Publikum euphorisch in den Break hinein applaudierte und die Band mit „Hey, hey, hey“-Rufen anfeuerte, dehnten Blood Red Shoes die Pause extra lange aus und überließen dem Saal den Song, als wollten sie hören, wie lange er durchhält.
Blood Red Shoes hatten, anders als die Kolleg*innen der ZEIT mal vermuteten, nie etwas mit Nirvana am Hut. Sie verbinden Gitarren, die sie sicher den verehrten Cranes abgekauft haben, mit Stimmen, die selten emotional forciert sind und – besonders bei Laura-Mary – mit einer glasklaren Präsenz und ohne Pathos dort treffen, wo die Instrumente nicht hinreichen.
Wie gut das Zusammenspiel der beiden funktioniert, zeigte besonders „An Animal“, einer der weiteren Höhepunkte des Abends: Carter und Ansell sangen gleichzeitig, zwei Stimmen, die sich nicht im Duett anschmiegten, sondern energetisch aneinander rieben – dazwischen ein kurzer Moment Stille, und der Song war wieder da, als hätte er nur kurz Luft geholt.
Die kleine Halle zerbarst schließlich bei „I Wish I Was Someone Better“, jenem Song vom Debütalbum „Box Of Secrets“ (2008), den die Band häufiger gespielt hat als jeden anderen. Die Zuschauer*innen sangen, ja schrien fast den Refrain und Steve Ansell stieg zum Ende in waghalsiger Akrobatik auf seinen Schlagzeughocker.
Danach brauchten alle erst einmal eine Pause, die Band wie das Publikum. Die dauerte jedoch nur wenige Minuten, dann holten lautstarke „Blood-Red-Shoes“-Rufe die beiden zurück für die Zugabe – es war nun der Saal, der den Namen skandierte, mit dem Steve sie den ganzen Abend vorgestellt hatte.
Ob man noch zwei oder drei Songs hören wolle, fragte er. Es wurden drei. Auf „On The Hook“ folgte „God Complex“, für das Ansell einen Zuschauer zum Tamburinspieler erkor, und zum Schluss „Elijah“ von „Get Tragic“ (2019) einem Album, deren Titel Carter ebenfalls als Witz verstanden wissen wollte, über Bands, die mit dem Alter tragisch wirken, ohne es zu merken.
Tragisch wirkte am gestrigen Abend jedoch niemand. Und einsam auch nicht.







