Folge deinen Lieblingskünstler*innen – verpasse kein Konzert · 
Jetzt Fan-Mitglied werden

Alle Augen schauen gespannt auf nach vorne, als gestern Abend um kurz nach 21:00 Uhr De Staat die Bühne betreten. Einmal kurz durchgezählt und festgestellt: Einer fehlt. Frontmann Torre Florim ist nicht dabei. Er taucht erst ein paar Augenblicke später inmitten des Publikums auf einem Case stehend auf, das kaum höher ist als eine Bierkiste.

Also hastig umgedreht, um nicht zu verpassen, wenn er das Kinn reckt wie ein Generalsekretär bei der Maiparade, um sich vom Karlstorbahnhof anjubeln zu lassen, als wäre die Wahl schon gewonnen. Dann setzt „Who’s Gonna Be The Goat?“ ein, der Startschuss einer Show, die vom ersten Ton an packend ist.

Das Publikum hat größtenteils die Vierzig hinter sich und trägt Bandshirts der Dead Kennedys. Dazwischen stehen Kids, die eigentlich noch zu jung für einen Clubabend unter der Woche sind und von ihren Eltern mitgeschleppt wurden. Wahlweise auch umgekehrt. Von der ersten Sekunde an gehören sie alle Florim.

Mit dem selbstbetitelten siebten Album haben die Niederländer ihren Bandnamen als Programm ernst genommen. Es geht um Macht, Propaganda und Massen, die sich gern führen lassen. Live wird daraus ein Lehrstück in Sachen Publikumssteuerung.

Florim gibt den Dompteur eines verrückt gewordenen Zirkus und spult seinen Rapgesang im Imperativ ab, Silbe für Silbe, Befehl für Befehl. Er dirigiert die Band, vor allem aber den Saal, so lange, bis alle domestiziert sind.

Wer bei „The Fire“ oder „Glory“ mitsingt, singt in Anzug gepresste Hymnen, die jeden Abspann eines explosiven Blockbusters bereichern würden – jeder einzelne dient als Cliffhanger für den nächsten Stunt.

Der wird nicht selten von Tim van Delft eingeleitet, ein überragender Schlagzeuger in ihren Reihen, mit einem der knackigsten Drumsounds weit und breit. Knackig ist überhaupt das Adjektiv, das sich De Staat patentieren lassen sollten. „Knackig wie Wiener, würzig wie Frankfurter und zart wie Bockwürste“, versprach eine Werbung der Neunziger. Gemessen daran haben sich De Staat an Wienern überfressen.

Dabei sind sie doch aus Nijmegen, bekannt für ein süßes Rosinenbrot namens Marikenbrood, gefüllt mit feiner Mandelpaste und cremigem Vanillepudding. Allein, süß ist nichts an De Staat und ihrer Polka auf Holländisch, zu der Heidelberger im Kreis moshend, die dafür eigentlich viel zu alt sind.

„Witch Doctor“ verwandelt den Saal pflichtgemäß in jenen Menschenstrudel, den das Video vor 11 Jahren berühmt gemacht hat. „Kitty Kitty“ wirkt im neuen Kontext fast prophetisch. Beinahe hatte man vergessen, dass diese Band schon 2018 über Populisten gespottet hat, als manche das noch für theoretische Randthemen hielten.

Wie wunderbar an dieser und vielen weiteren Stellen die Basslinien zu schäumen beginnen, zahlt ebenfalls auf das Konto der Alleinstellungsmerkmale dieser Band ein.

Am Ende steht die „Psycho Disco“ und es entstehen letzte Wirbel im Publikum, das De Staat durchweg frenetisch feiert. Wohl auch deshalb, weil sie einen energetischen Jungbrunnen anbieten, in den sich alle Beteiligten bereitwillig hinein stürzen.

Performativ ist das ein Stakkato-Ritt, der seinesgleichen sucht. Geboten von einer Band, die nicht nur für die Bühne lebt, sondern ausschließlich dafür zu schreiben scheint. Schließlich entfalten ihre Songs im Live-Kontext eine deutlich potentere Wirkweise als auf Platte. Ein Live-Auftritt, der als solcher furchtlose und innovative neue Maßstäbe setzt.

Kommende Konzerttermine

Keine aktuellen Termine

Schreibe einen Kommentar

Das könnte dir auch gefallen

Künstlerfoto: De Staat
Album

De Staat – De Staat

Künstlerfoto: Queens Of The Stone Age
Album

Queens Of The Stone Age – Perfecth

Künstlerfoto: Total Tommy
Album

Total Tommy – Trapezoid

Künstlerfoto: LARSSON
MusikBlog Newcomer

LARSSON – wunsch – Neue Single

Login