Singer/Songwriterin Robine Koerts ist Mitte 20 und bezeichnet sich in ihrem Song „Overthinker“ als jemand, der alles zu sehr durchdenkt. Gleichwohl ist sie eine emotional ausdrucksstarke Bühnen-Künstlerin. Ihr Debütalbum „Motivation“ kommt jetzt keineswegs aus dem Nichts, denn sie hat über 17 Jahre Berufserfahrung. Schon als Kind trat sie in den Niederlanden, China und der Dominikanischen Republik auf und eignete sich Material von Ella Eyre, Jamie Lidell, Joss Stone und Rihanna an. Im Interview spricht die Soul-Liebhaberin über ihre lange Laufbahn, ambitionierte Ziele und Selbstvertrauen.
MusikBlog: Wie und wo bist du aufgewachsen, und wer oder was hat dich in die Musik geführt?
Robine: Ich komme aus den Niederlanden, wohne seit zwei Jahren in Hamburg und habe mit acht Jahren angefangen zu singen. Damals habe ich ein Cover von Alain Clark, eines in den Niederlanden bekannten Künstlers, aufgenommen. Er hat das dann gesehen und mich auf Tour mitgenommen. Das war ein krasser Start, weil ich von Anfang an vor sehr vielen Leuten aufgetreten bin.
MusikBlog: Du hast dich also früh in diese Richtung entwickelt. Haben deine Eltern das unterstützt?
Robine: Mein Vater ist auch sehr musikalisch und hat mich sehr ermuntert zu üben. Denn ich wollte gerne besser werden, insbesondere auch darin Englisch zu singen. Das war sehr wichtig für mich.
MusikBlog: Aber zuerst hast du dich dem nationalen Publikum vorgestellt, oder?
Robine: Ja. Mit 14 habe ich bei „The Voice Kids“ in den Niederlanden mitgemacht. Das war eine gute Erfahrung, weil ich viel dabei gelernt habe. Aber ich fand das andererseits nicht so toll, weil ich gemerkt habe, dass so ein Format nicht wirklich mein Fall ist. Es geht gar nicht um die Kinder und um Talent, sondern darum, dass es eine gute Show fürs Medium Fernsehen ist und Leute das zuhause cool finden.
MusikBlog: Da warst du also mit 14 schon recht kritisch. Was hat dich dann nach Hamburg verschlagen?
Robine: Vor drei Jahren habe ich viele Leute, hauptsächlich Songwriters, in Hamburg kennen gelernt. Mir wurde klar, dass es keinen Sinn ergibt, zwischen Groningen, wo ich her komme, und Hamburg hin und her zu pendeln. Deshalb bin ich nach Deutschland umgezogen.Groningen ist schön, aber sehr klein – ich hingegen habe große Ziele, und dann muss man im Grunde raus. (lacht)
MusikBlog: Welche großen Ziele hast du?
Robine: Ich will gerne meine Karriere aufbauen, eine Welt-Tournee machen, viele weitere Leute kennen lernen und mir eine größere ‚Fanbase‘ oder besser gesagt ‚Community‘ aufbauen.
MusikBlog: Das klingt tatsächlich sehr groß. In welchem Sinne meinst du das?
Robine: Das Entscheidende ist: Ich bin gerade ‚independent‘, und es läuft gut. Doch ich bin gar nicht dagegen, mit einem großen Label zusammen zu arbeiten. Es hilft natürlich, weil so eine Firma mehr Kontakte hat. Es muss sich aber gut anfühlen – für beide Parteien. Andererseits sehe ich gerade mit Raye, dass sie sich um alles selber kümmert. Das wirkt auf mich höchst inspirierend.
MusikBlog: Das ist ein gutes Beispiel, zumal Raye auch Soul und R&B macht, bereits einen Major-Vertrag hatte und diesen aufgelöst hat. Ihre Eltern sind ihr Management.
Robine: Ich finde es richtig cool, dass sie gerade alles selbst aufbaut. Man sieht eindeutig, dass sie wirklich das macht, was sie will. Und so habe ich mir das auch für mich persönlich in den Kopf gesetzt.
MusikBlog: Du hast vorhin gesagt, du möchtest dir eine ‚Community‘ aufbauen. Was stellst du dir darunter vor?
Robine: Im Unterschied zu einer eigenen ‚Community‘ hoffen viele meiner Freunde, die Newcomer oder ‚Upcoming Artists‘ sind, darauf, dass ein Manager vorbeikommt und dass sie einen Booker bekommen und ein Label sie unter Vertrag nimmt. Aber ich habe bemerkt: Wenn du nur die Berufstätigen aus der Industrie hast, die dich mögen, hast du eigentlich trotzdem gar nichts. Ich will niemanden in der Musikindustrie davon überzeugen, mich zu mögen. Ich will einfach Leute erreichen, die zu meiner ‚Fanbase‘ werden.
MusikBlog: Du hast dir zwar Deutschland als Standort ausgesucht, aber anders als in Rayes Heimat London gibt es hier kaum Clubs und Festivals noch Zeitschriften, Strukturen oder eine Szene für Soul-Musik.
Robine: Das stimmt. Aber weil Soul gerade so bekannt durch Raye und Olivia Dean ist, ist es doch sehr populär.
MusikBlog: Deine Songs handeln auf jeden Fall von klassischen Soul-Themen. Kannst du sie in eigenen Worten kommentieren?
Robine: Ja, auf meinem Debütalbum „Motivation“ geht es darum, Stärke in sich selbst zu finden. Die Songs thematisieren, wie du dein eigenes Selbstbewusstsein aufbaust und dich gut fühlst. So wie ich: Ich habe zwar den Dreh, worum es im Leben geht, noch nicht heraus gefunden, aber ich finde, es sollte darum gehen, sich zu umarmen und die guten Sachen aus dem Leben mitzunehmen.
MusikBlog: Es ist also ein psychologisches Album? Wenn wir es aufs vorige Beispiel mit dem Umzug in eine fremde Stadt beziehen: Gehst du selbstbewusst auf fremde Menschen zu oder wenden diese sich an dich?
Robine: In diesem Beispiel war es so: Ich war als Background-Sängerin bei einem Konzert, und der Schlagzeuger sprach mich an, um mich einigen Jazz-Kollegen vorzustellen. Das passte mir sehr gut, weil ich vorhatte, meine Songs nicht mit Pop-, sondern mit Jazz-Musiker*innen zu spielen, da ich wollte, dass die Lieder organisch klingen. Von diesem Tag an, als ich diese Musiker*innen traf, lernte ich dauernd neue Leute kennen. Das geht sehr einfach.
MusikBlog: Weil es dir leicht fällt?
Robine: Ja, ich liebe es, mit Leuten eine Verbindung aufzubauen.
MusikBlog: Welchen Tipp gibt dein aktueller Song „Burned“?
Robine: „Burned“ zeigt, wie wichtig es ist, sich in seinem Körper gut zu fühlen. Das ist wichtig fürs Selbstbewusstsein.
MusikBlog: Wie wohl fühlst du dich in deinem Körper?
Robine: Ich möchte sehr gerne meinen Kleidungsstil ein bisschen verändern. Nicht gravierend anders, aber ich versuche, noch ein bisschen mehr ich selbst zu sein in meinem Stil. Mit Oldschool-Elementen. Eine Zeitlang hatte ich versucht, meine Afro-Haare zu glätten.
MusikBlog: Wenn du live zum Beispiel „Burned“ aufführst, klingt das genauso wie auf Platte?
Robine: Live machen wir einen Song wie „Burned“, im Unterschied zum Album, mit Backing-Sängerinnen – wie im Gospel. Das liebe ich. Aber das gibt es so nur bei Auftritten mit der vollen Band.
MusikBlog: Wenn ihr auftretet, bevorzugst du das ‚indoor‘ oder unter freiem Himmel auf Festivals?
Robine: Ich liebe Festivals, ich finde sie richtig schön, denn du kannst mit den Leuten feiern, sie haben darauf Lust. Der Fokus liegt aber oft darauf, einfach Party zu machen, die krassen Songs zu spielen, bei denen wir wissen oder hoffen, dass die Besucher:innen sie mögen. Und deswegen präferiere ich trotz aller schönen Seiten, die Open Air-Festivals haben, doch ‚Indoor‘-Shows. Denn, wenn du dort dein eigenes Konzert hast, kannst du das Publikum tiefer mitnehmen in deine eigene Musik, mehr erzählen, eine Umgebung kreieren. Es herrscht ein anderer Vibe.
MusikBlog: In welcher Besetzung spielt ihr?
Robine: Normalerweise mit Bass, Drums, Keyboards, Gitarre, zwei Background-Sängerinnen. Und da meine Mutter aus Surinam kommt – das liegt in Lateinamerika – habe ich es bei der Zusammensetzung der Gruppe mit Absicht so gemacht, dass ich auch von ‚POC’s (People Of Colour) umringt bin, um meine eigene Identität wertzuschätzen.
MusikBlog: Da finden sich in einer so großen Stadt naturgemäß mehr infrage kommende Personen.
Robine: Hamburg fühlt sich als gute Basis an. Ich bin sehr glücklich, hier meine Crew gefunden zu haben.
MusikBlog: Gibt es denn ein Instrument, das du selbst spielst?
Robine: Ich begleite mich zwar selbst an der Gitarre, aber das ist nicht das, womit ich mich am sichersten fühle.
MusikBlog: Du benutzt sie also vor allem zum Komponieren?
Robine: Genau, und um mich selbst zu begleiten, wenn ich es einmal machen muss.
MusikBlog: Wer beeinflusst dich beim Schreiben? Ich musste an Anita Baker denken, als ich dich gehört habe.
Robine: Ich habe viel Whitney Houston und Lauryn Hill gehört, zum Beispiel ihr „Doo Wop (That Thing)“. Meine Mutter und mein Vater haben viel Soul bei uns zuhause aufgelegt und mir das somit auf den Weg mitgegeben. Von den aktuellen Künstlerinnen ist es Danielle Ponder. Sie ist eine Rechtsanwältin, die erst, als sie um die 40 war, beschloss: ‚Ich mache etwas Cooles durch Musik.‘ Sie ist eine sehr große Inspiration.
MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.
