Zittrig, nuschelig, ein bisschen wie Johnny Cash nach dem zweiten Whiskey: Lars Bygdén singt nicht, er raunt eher. Jedes Wort versteht man dabei nicht, aber ein Makel ist das nur bedingt.
„War”, das neue Album des Schweden, ist rau, und zwar auf die gute Art. Folk, Americana und Singer/Songwriter-Tradition treffen auf ein durch und durch gitarrenlastiges Werk mit dramatischem, fast filmischem Zug.
Der Einstieg gelingt behutsam: „Little Things” ist eine soulige Country-Nummer mit warmem Refrain, „Ride The Rainbow” baut mit nervösem Strumming und Flamenco-Klängen eine Spannung auf, die sich erst ganz langsam löst.
Im Titelsong „War” wird es dann richtig groß: E-Gitarre, Akustikgitarre, Slide-Gitarre, hastige Drums und am Ende sogar Queen-artige Mehrstimmigkeit, alles über spanisch anmutenden Akkordfolgen. Bombastisch genug, um in einer Rock-Oper zu landen, und trotzdem wirkt nichts davon aufgesetzt.
Die eigentliche Überraschung wartet in der Albummitte. „Highway” bringt einen four-on-the-floor-Beat und kleine elektronische Spielereien, die sich unauffällig in den akustischen Kern einfügen. Bis hierhin war das Album kaum elektronisch, nun pocht plötzlich ein Club-Beat unter dem Cowboy-Hut, und trotzdem fühlt sich der Song nach weiten Prärien und einem Mann auf Mission an.
Danach darf es wieder klassischer werden: „My Marie” ist ein Country-Liebeslied alter Schule mit Slide-Guitar und herzzerreißendem Picking über eine verlorene Liebe, „Keep My Mind Wandering” kreist danach verträumt um sich selbst.
Entstanden ist die Platte gemeinsam mit Gitarrenlegende Ola Gustafsson im Studio Atlantis in Stockholm, gemischt von Micke Herrström. Die elektronischen Elemente sind dabei analog gedacht: Synthesizer und Beats ersetzen die Instrumente nicht, sie legen sich als Unterbau darunter.
Inhaltlich geht es Bygdén um den Krieg zwischen Vernunft und Gefühl, Wissen und Ignoranz, Gut und Böse. Man hört dem Album an, dass sein Urheber selbst im Strudel steckt: Bygdén wird hin und her gezogen und ringt sich hörbar durch die Konflikte jedes Songs.
Darauf läuft das Finale hinaus: „Give It Everything You’ve Got” ist ein düsterer Noir-Folk-Song mit Doom- und Noise-Anleihen, Vocoder-Stimme und einem abschließenden Gitarrensolo, das einem wohlig kalt den Rücken hinunterläuft. Hier wirkt das Unvermeidliche bereits beschlossen, und der Sänger ruft uns zu, trotzdem alles zu geben, weil uns ohnehin nichts anderes übrig bleibt.
Nach nur acht Songs ist man erschöpft und beeindruckt. Wer Lust hat, in starkes Songwriting abzutauchen und sich von Gitarren durch dunkle Zeiten tragen zu lassen, sollte „War” eine Chance geben.
