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WHY? – Oh Golly / Yes Lord

Yoni Wolf macht aus seinem Innenleben seit jeher große Kunst, und auf seinem neuen Album, das er unerwartet zwei Monate vor dem offiziellen VÖ veröffentlichte, legt er noch einmal eine Schippe Ehrlichkeit drauf. Auf „Oh Golly / Yes Lord“, dem neunten Werk von WHY?, steht der Mittvierziger im Dauerdialog mit sich selbst.

Die beiden Albumhälften tragen Redewendungen seines Vaters als Namen: „Oh Golly“ ist der genervte Seufzer, „Yes Lord“ die dankbare Zustimmung. Wolf selbst nennt es bad attitude vs. good gratitude. Und weil ein Mensch selten nur eine Laune pro Tag hat, kippen die Stimmungen oft schon mitten im Song.

Das merkt man gleich beim Opener „Sin Lite“. Gespenstisch Autotune-Gesang, plätschernde Akustikgitarre, stotternde Beats: Man weiß nie, welcher Sound als Nächstes um die Ecke biegt.

Stilistisch bietet das Album Alternative-Hip-Hop, Indie-Pop und Indie-Rock, dazu kommen Lo-Fi-Beats und einige echte Balladenmomente. Wer Twenty One Pilots für ihren kreativen Umgang mit Stimme und Flow mag, wird sich hier erstaunlich wohlfühlen. Dazu kommt eine Prise Oliver Tree, denn Wolf scheut sich nicht, schräg und verspielt zu klingen.

Nach dem opulent bandgetriebenen Vorgänger „The Well I Fell Into“ (2024) ist die neue Platte noch rap-lastiger. Das Fundament bilden helle Klavierakkorde, schleppende, leicht psychedelische Beats und überirdische Klangflächen.

Wolf verhandelt hier das, was viele von uns kennen: Online-Dating, Dauerscrollen und das Gefühl, dass uns flüchtige Begegnungen ohne Zukunft die Seele aussaugen.

„Chaos Theory“ ist dazu die passende Lo-Fi-Hymne. In „Not Really Stranger“ senkt Wolf seine Stimme ab und klingt dabei so melodramatisch wie Bo Burnham in „All Eyes On Me“.

Dass auch Balladen erlaubt sind, zeigt „Décembre 16th“, ein schräger, seltsam herzlicher Rückblick auf eine vergangene Beziehung.

Der große Reiz liegt im Gesprächston der Texte, der ständig zwischen Ironie und Aufrichtigkeit pendelt. Zwischendurch brechen die weiblichen Gast-Vocals, etwa von Kitty Ray, die Selbstbespiegelung angenehm auf. Auch Melody English sorgt in „What A Punim“ mit gesprochenen Einspielern für willkommene Abwechslung.

Das Ganze wirkt allerdings wild zusammengewürfelt. Dazu gibt es so viel auszupacken und zu entdecken, dass es fast schon überwältigend ist. Eine Lösung für Wolfs Dauerkonflikt liefert die Platte nicht. Muss sie auch nicht: Manchmal besteht die Antwort darin, dass es keine gibt.

Wolf findet in der Musik sein Ventil, um sich selbst zu beruhigen, zu bestärken und auszudrücken. Und dass auch das Schlechte mal sein darf, wenn man es nur rauslässt, ist eine Erkenntnis, mit der man gut durch den Alltag kommt.

Fazit: Chaotisch, ehrlich und berührend. Ein Album für alle, die mit sich selbst auch nicht immer einer Meinung sind.

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