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Arcade Fire – Live im Astra, Berlin

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Die perfekte Inszenierung mag oft mit einer großen Bühne und einem übertriebenen Aufwand einhergehen, muss allerdings nicht zwangsläufig eng damit verknüpft sein. Den besten Beweis dafür lieferten am Dienstag Abend Arcade Fire, die unter dem Pseudonym „The Reflektors“ ihr neues Album in wohliger Club-Atmosphäre im Berliner Astra vorstellten und selbst im kleinen Rahmen für große Unterhaltung sorgten.

Kurze Zeit vorher hatten bereits verdächtige Tourplakate in der Stadt auf das nicht mehr wirkliche Geheimkonzert der kanadischen Grammy-Gewinner hingewiesen. Wie zu erwarten, waren die Karten innerhalb von ein paar Minuten vergriffen und wurden später für horrende Preise im Internet gehandelt. Große Freude konnte bei all jenen herrschen, die ein Ticket bekommen hatten, denn eins steht fest – in so intimer Atmosphäre wird man die Band der Stunde in Zukunft wohl kaum erleben können. Mit „Reflektor“ veröffentlichte sie gerade letzten Monat ein neues Album, das ihren Status als gefeierte Indie-Rockband auf ein neues, noch höheres Level hebt.

Als wäre ein Besuch der Band in Berlin nicht schon Anlass genug sich in Schale zu werfen, herrschte am besagten Abend obendrein Kostümpflicht für alle Anwesenden. Arcade Fire erbaten sich von ihren Gästen entweder Abendkleidung oder ein Kostüm und die Fans folgten dieser Einladung auf‘s Wort. Horden von gut gekleideten bzw. originell zurecht gemachten Menschen fanden den Weg ins Astra und erinnerten dabei fast schon ein wenig an einen Maskenball. Wer vor den Club-Türen noch in Windeseile dem faden Büro-Outfit etwas entgegesetzen wollte, konnte sich von einer extra für diesen Anlass engagierten Face-Paint-Crew noch die Spuren des langen Tages mit viel bunter Farbe wegwischen und die verschiedensten Muster ins Gesicht malen lassen.

Doch damit der abendlichen Unterhaltung vorab des Konzerts noch nicht genug, denn um den Spaßfaktor zu steigern, hatten sich Arcade Fire noch einige weitere nette Details ausgedacht. Wie zum Beispiel die Inszenierung ihrer eigenen Ankuft am Astra, bei der die Band mit einer weissen Stretch-Limousine vorfuhr, um dann mit übergroßen Masken ihrer eigenen Gesichter unter großem Jubelschrei den roten Teppich entlang zu schreiten. Dicht gefolgt von einer mexikanischen Kapelle im traditionellen Gewand, die den Titelsong des neuen Albums zum Besten gab und dabei von der begeisterten Menge gefeiert wurde.

Für die ersten hundert Gäste folgte dann wenig später schon die nächste Überraschung, denn diese durften unter der Anleitung eines Herren im Skellett-Kostüm und zu den Klängen von „We Exist“ eine spezielle Choreographie einstudieren, die dann im folgenden Set unter höchster Konzentration, aber mit hochgezogenen Mundwinkeln vor den Augen der Band abgespult wurde. Der Rest des Publikums ließ sich aber nicht lange bitten und versuchte sich zur Erheiterung aller an den einzelnen Bewegungsabläufen. Somit wurde das Posen auf der Bühne nebensächlich und der eigene Improvisationsgeist wurde geweckt. Übrigens eine passende Umsetzung des Album-Themas – nämlich die Widerspiegelung der Umgebung und die geförderte Selbstreflexion mittels Interaktion. Dabei wurden vielleicht höchstens die eigenen motorischen Fähigkeiten in Frage gestellt, aber vor allem schürte diese Aktion den hohen Entertainment-Faktor, der ohnehin in jedem Winkel des Astras zu schlummern schien.

Wer vor Beginn des Konzerts immer noch nicht genug Abwechslung hatte, der konnte sich an einer eigens aufgestellten Foto-Wand mit Silhouette der „Reflektors“ die Zeit vertreiben, an der „Arcade-Fire-Bar“ einen Drink nehmen oder der Band persönlich die Hand schütteln. Diese mischte sich nämlich erneut mit aufgesetzten Masken zu ohrenbetäubenden Beats unter die Anwesenden und verweilte dort ein wenig um sich auf Erinnerungsfotos verewigen zu lassen. Dabei sei allerdings dahin gestellt, ob es sich bei der „Band“ wirklich um die Mitglieder von Arcade Fire handelte. Zuzutrauen wäre es ihnen jedoch allemal.

Da sich wohl bei so vielen Verlockungen ohnehin niemand für eine Vorband interessiert hätte, legten Arcade Fire dann kurz nach 20.30 Uhr selbst los und verwandelten das recht karge Astra binnen Minuten in einen schillernden, fröhlichen Ort mit Karnevals-Feeling über dem die Disco-Kugel zurecht die zuckenden Lichter in alle Richtungen reflektierte und die aufgehübschte Menge wie auf Knopfdruck den Party-Modus verinnerlichte. Arcade Fire hätten ihren Auftritt und damit ihre fulminante Interpretation des eigenen Rollenspiels wohl nur mit einem Gastauftritt von David Bowie toppen können, der dem Opener „Reflektor“ aber wie zu erwarten fernblieb. Auch ohne dieses Bonbon ließen sich die zahlreichen Fans das anschließende Set schmecken.

Wo andere Bands auf Hits setzen und neue Songs fast schon beiläufig einstreuen, drehen Arcade Fire den Spieß um und legen den Fokus auf ihr gegenwärtiges Schaffen. Für ihr Konzert in Berlin bedeutete das acht neue Stücke ihres Albums „Reflektor“ und nur wenig altes Songmaterial. Keine schlechte Bilanz und erst recht kein Grund zur Traurigkeit, denn schließlich war die Band nach Berlin gekommen um die neuen Stücke einer Art Live-Probe zu unterziehen. Mit Erfolg. Die Songs wurden mit so viel Enthusiasmus vonseiten des Publikums aufgenommen, dass man den Eindruck gewinnen konnte gerade Zeuge eines Greatest-Hits-Sets zu sein.

Ob „Flashbulb Eyes“, „You Already Know“ oder „Normal Person“ – es gab keinen neuen Song, der nicht von der großen Anziehungskraft profitierte und das Publikum in Tanzlaune versetzte. Auch wenn der Band mit immerhin neun Mitgliedern auf der Bühne des vegleichsweise kleinen Astras kein großer Freiraum gegönnt war, nutzte zumindest Sänger Win Butler häufig die Gelegenheit auf dem kleinen Steg ganz nahe am Publikum sein Bühnencharisma zu versprühen oder sich Getränke über den erhitzten Kopf zu schütten. Immer darauf bedacht sein Outfit nicht in Mitleidenschaft zu ziehen oder das Equipment vollzutropfen. Da wurde ihm gerne Nachschub in Form von Bier aus den ersten Reihen gereicht, den Butler scherzend mit den fragenen Worten kommentierte, ob der edle Spender auch ja nichts Ansteckendes wie Syphillis hätte. Also bitte!

So überraschend das ganze Drumherum des Konzerts mit all seinen Verrückheiten war, so wenig verwunderlich war die ausgezeichnete Performance der Kanadier, die ihren Ruf als exzellente Live-Band auch am Dienstag Abend wieder 90 Minuten am Stück untermauerten. So spielerisch eng und perfekt aufeinander abgestimmt, inklusive fliegendem Instrumentenwechsel und immer diesem explosionsartig freigesetzten Energieschub greifbar in der Luft, der jeden ihrer Auftritte begleitet. Viele Köche verderben ja angeblich den Brei, aber im Fall von Arcade Fire ist das große Line-Up auf der Bühne eher so unverzichtbar wie das Salz in der Suppe. Jeder Handgriff sitzt und das Schöne daran ist, dass die Band dadurch nichts an Originalität einbüßt oder die leichte Routine ihnen etwas von der überschwänglichen Spielfreude nimmt.

Zugegeben, auch eine so perfekt wirkende Band wie Arcade Fire ist nicht vor kleinen Fehltritten gefeit. Das zeigte der kleine Text-Aussetzer von Win Butler bei der letzten Zugabe „Wake Up“, der in der Euphorie des Abends sogar mit einem amüsierten Blick von Régine Chassagne quittiert wurde – weit bevor ihr Ehemann selbst den Fehler bemerkte. Für das restliche Set galt es allerdings ganz unbeschwert den Trubel und die tanzende Menge bei Laune zu halten, was ihnen auch mit Konfetti-Kanonen, Tanzeinlagen im übergeworfenen Glitzer-Outfit und aufgesetzten Masken oder neonfarbenen Leuchtbändern als Wedel-Accessoire bestens gelang.

Wie bezeichnend, dass das heimliche Motto des Abends dann mit dem wunderbaren „Here Comes The Nighttime“ und der passenden Textzeile „But If There‘s No Music Up In Heaven / Then What‘s It For“ so ausgelassen zelebriert wurde als würde es keine Steigerung dessen geben, was da gerade auf der Bühne passierte. Und es stimmt, ein Abend, der in jeglicher Hinsicht so viel zu bieten hatte, der konnte in der eigenen Vorstellung kaum überboten werden. Dafür hatten Arcade Fire eine meisterhafte Vorstellung abgegeben, die die vergnügten Gäste mit allerhand Konfetti im Haar und vielen abenteuerlichen Erinnerungen hinaus in das öde Alltagsgrau entließ. Mit der Gewissheit, Zeuge eines großen Spektakels gewesen zu sein.

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