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The Dodos (Credit: Polyvinyl Records)

Das Spiel mit der Geduld – The Dodos im Interview

Das letzte Jahr war für das Duo aus San Francisco kein einfaches. Mussten Sänger Meric Long und Schlagzeuger Logan Kroeber von The Dodos doch Abschied von ihrem plötzlich verstorbenen Tour-Gitarristen Chris Reimer nehmen. Ein Perspektivenwechsel war daraufhin unausweichlich und bewegte die Band dazu einmal ihre gewohnte Arbeitsweise auf den Kopf zu stellen. Kurz vor ihrem Konzert in Berlin trafen wir die beiden Musiker zu einem Gespräch über ihr neues Album und erfuhren welche Rolle die Geduld dabei spielte. Einmal auf dem Sitzpolster des Tour-Vans Platz genommen und den Straßenlärm draussen vor der Tür ausgeblendet, ließen sich The Dodos redselig in die Karten blicken, was den Entstehungsprozess der neuen Platte angeht.

MusikBlog: Diesen Sommer kam euer fünftes Album „Carrier“ heraus. An welchen Ort seid ihr mental für die Aufnahmen daran gereist?

Meric: Wenn ich an die Entstehung von „Carrier“ denke, dann kommt mir ganz besonders ein Ort in den Sinn. Nämlich der Ort, an dem ich lebe. Ich wohne in einem Apartment, das einen ziemlich spektakulären Blick auf San Francisco hat. Genau dort habe ich meine Schreibmaschine stehen und es sind viele Ideen für das Album an diesem Ort entstanden. Ich habe oft dort gesessen, die einzelnen Ideen zu einem Ganzen zusammengefügt und mich versucht zu konzentrieren. Während dieser Zeit ist mein Kopf zu einer Art Raum geworden, zu dem ich vorher noch nie Zugang hatte. Ich wusste genau wie ich diesen Zustand der Konzentration erreichen konnte und war so fleissig wie noch nie zuvor.

MusikBlog: Und wie hast du es geschafft dich in diesen Zustand der Konzentration zu versetzen?

Meric: Mit viel Zeit und Arbeit vor allem in den Morgenstunden. Es braucht eigentlich gar nicht viel, um mental an diesen Ort zu gelangen. Eigentlich nur den Gedanken an diese eine Sache, die ich nicht einmal definieren kann. Ganz ohne jegliche Anstrengung. Du versuchst nichts zu tun und lässt einfach alles auf dich zukommen. Es hat fast schon etwas Meditatives an sich, nur dass ich zur selben Zeit auch etwas dabei aus mir hervorbringe.

MusikBlog: Wer hatte denn die Idee das neue Album auch auf Kassette zu veröffentlichen, wo doch alle Welt sich fast ausschließlich nur noch um eine digitale Veröffentlichung schert?

Logan: Das war die Idee unseres neuen Labels. Wir wussten gar nichts davon bis sie uns die ersten Exemplare geschickt haben. Sie machen das wohl in ähnlicher Weise auch für andere Veröffentlichungen ihres Labels. Wir sind auf unserer Amerika-Tour ins Büro unseres Labels und da habe ich mir einen Haufen Kassetten ihrer letzten Releases abgeholt, was ziemlich cool ist. Verschiedene Plastik-Kassetten in den unterschiedlichsten Farben! Das hat schon etwas an sich.

MusikBlog: Wie lange ist es her, dass ihr euch selbst ein Album auf Kassette angehört habt?

Meric: Das ist noch gar nicht so lange her. Ich habe vor Kurzem einen Stapel Kassetten von einer befreundeten Band aus San Francisco bekommen, die alles auf Kassetten herausbringt. Ausserdem fahre ich ein Auto, in dem ich Kassetten abspielen kann, also ist es die einzige Möglichkeit Musik zu hören.

MusikBlog: Erinnert ihr euch noch an dass letzte Mixtape, das ihr zusammengestellt habt?

Logan: Ich erinnere mich nicht an alle Songs, die darauf waren, aber „My Lovely Man“ von den Red Hot Chili Peppers war dabei. Ich habe das Mixtape einem Freund geschenkt, dessen Freundin mir später gesagt hat, dass das ein ziemlich romantischer Song für einen Freund ist. Mein Mixtape-Versuch war also kein Bombenerfolg nehme ich an…

Meric: Wir haben auf der Tour 2011 mal ein Mixtape von jemanden bekommen. Damals hatte ich aber leider noch keine Möglichkeit die Kassette auch irgendwo abzuspielen. Trotzdem war es toll das ordentlich beschriftete Tape zu haben und die verschiedenen Songs darauf zu sehen, die wirklich cool waren, auch wenn ich sie nicht hören konnte.

MusikBlog: Auf dieser Tour habt ihr ein neues Live-Mitglied in euer Band – Joe Haege (Tu Fawning, 31 Knots). Wie ist es dazu gekommen, dass er euch an der Gitarre unterstützt?

Meric: Der Typ mit dem wir in Portland aufgenommen haben, hat uns einander vorgestellt. Sein Name schwebte schon lange um uns herum und wir hatten sogar 2011 darüber gesprochen für „No Color“ miteinander zu touren, aber da war er mit seinen anderen Bands beschäftigt. Wir haben ihn also angerufen und zu unserem Glück gab es seine anderen Bands nicht mehr! (lacht)

MusikBlog: Was schätzt ihr am meisten an der Zusammenarbeit mit ihm?

Meric: Er hat so viel Energie! Unsere Live-Shows profitieren sehr davon. Wir setzten zwar auch sehr viel Energie beim Spielen frei, aber Joe legt die Latte noch etwas höher. Um da mithalten zu können, müssen wir uns schon sehr strecken.

Logan: Joe hat immerzu zu allem etwas zu sagen. Und ich meine alles. Das ist cool, denn oft kommt es vor, dass man von jemanden, der ständig redet und seine Meinung preisgibt, total genervt ist. Das ist bei ihm aber nicht der Fall. Gerade heute habe ich mir im Van ein paar Notizen auf Band angehört und auf zwei davon kann man Joe im Hintergrund hören wie er über Essen spricht. Er erzählt wonach sein Smoothie schmeckt usw. Es passiert wohl selten, dass man auf jemanden trifft, der auf eine gewisse Art eine große Klappe hat, aber trotzdem liebenswert ist.

MusikBlog: Bei den Aufnahmen zu „Carrier“ habt ihr eure gewohnten Arbeitsabläufe einmal auf den Kopf gestellt. Viele der Songideen sind auf der Basis der Songtexte sowie der Gitarre entstanden. Muss man als Künstler ab und zu seine Herangehensweise ändern, um voranzukommen?

Meric: Es wäre schon verrückt immer wieder das Gleiche zu tun. Ich sehe das so – wenn ich ein neues Instrument lerne und einen Song schreibe, dann spiele ich lieber mehrere Instrumente, die ich nicht so gut beherrsche anstatt eines perfekt zu spielen. Jedes Mal ganz von vorne anzufangen, ist wohl die leichteste Möglichkeit um voranzukommen. Habe ich also mit einem Instrument nichts weiter zu sagen, nehme ich das nächste in die Hand und schon kann ich damit einen für mich neuen Klang erzeugen, der mich inspiriert. Eigentlich spiele ich meinem Gehirn dabei immerzu einen Streich.

MusikBlog: Wie sehr lastet das Gewicht euer musikalischen Vergangenheit auf euren Schultern, wenn ihr euch an die Aufnahmen zu einem neuen Album macht?

Meric: Die Vergangenheit ist etwas, dem man nicht entkommen kann. Auch da gibt es Wege und Mittel den Verstand auszutricksen und nicht allzu viel über die Vergangenheit nachzudenken. Wir sind drauf und dran ein neues Album aufzunehmen, wenn wir von dieser Tour nach Hause zurückkehren. Bevor wir anfingen zu touren, haben wir bereits im Juli neun ganz neue Songs aufgenommen. Wir freuen uns beide darauf die Platte fertigzustellen und sind mit den bisherigen Aufnahmen sehr zufrieden. Es ist toll mit dieser Gewissheit im Rücken auf Tour zu sein und sich damit auch ein wenig der Vergangenheit zu entziehen. Obwohl wir gerade mit „Carrier“ touren, haben wir schon das nächste Projekt, das auf uns wartet.

MusikBlog: Die Entstehung von „Carrier“wurde nicht zuletzt von eurem ehemaligen Tour-Gitarristen Chris Reimer beeinflusst, der Anfang letzten Jahres verstorben ist. Er soll euch vor allem beigebracht haben beim Songwriting geduldig zu sein. Ist Geduld der Schlüssel zu allem Kreativen?

Logan: Geduld zu haben, wird allgemein gesehen immer als richtig und gut dargestellt, aber ich weiss nicht, ob die Geduld wirklich der Schlüssel zu allem ist. Manchmal muss man eben auch schnell handeln.

MusikBlog: Hattet ihr denn einen langen Geduldsfaden, was die Arbeit an „Carrier“ betrifft?

Meric: Wir waren mit diesem Album auf jeden Fall sehr viel geduldiger als mit den Platten zuvor. Hinsichtlich des Songwritings war das Geduldigsein etwas völlig Neues für mich. Ich bin normalerweise eher jemand, der sofort loslegt und alles schnell erledigt haben möchte. Wenn ich einen Song schreibe, bin ich so lange frustriert bis er im Kasten ist. Chris war bei der Arbeit im Gegensatz zu mir immer die Ruhe selbst und wie eine Seekuh, die einfach spielt und alles auf sich zukommen lässt, egal wohin die Entwicklung geht. Es gibt vieles, was ich von seiner Arbeitsweise und seinen Ansätzen für mich persönlich mitgenommen habe. Allein aus dem Grund, weil es so gegensätzlich zu meiner üblichen Herangehensweise ist. Daher war die Geduld beim Entstehen des neuen Albums der wohl wichtigste Bestandteil für uns. Bevor Chris gestorben ist, haben wir darüber geredet zusammen an Songs zu arbeiten, was für uns als Duo das erste Mal gewesen wäre, dass wir beim Songwriting mit jemanden Dritten kollaborieren. Ich hatte mich sehr darauf gefreut. Allein daher hat es Sinn gemacht etwas von dieser Einstellung mit in das neue Album zu integrieren.

MusikBlog: Hatte dieser Vorsatz auch etwas damit zu tun, dass ihr dieses Mal zu Hause in San Francisco aufgenommen habt?

Meric: Bei allen anderen Alben war es immer das gleiche Spiel. Logan und ich sind in ein Flugzeug gesprungen, haben uns in einem Studio weit weg von allem eingenistet und in kurzer Zeit die Songs aufgenommen. Das Geduldigsein über das wir eben sprachen, hat auch die Entscheidung begünstigt zu Hause in San Francisco aufzunehmen. Sie war teil des ganzen Entschleunigungsprozesses, in dem wir uns befanden.

MusikBlog: Bei unserem letzten Interview hast du, Logan, davon gesprochen dich bei der Zusammenarbeit mit dem Magik*Magik Orchestra eher wie ein Zuschauer gefühlt zu haben, weil alles so beeindruckend war. Ging es dir bei der erneuten Zusammenarbeit für „Carrier“ ähnlich?

Logan: Das letzte Mal als wir mit dem Orchester zusammengearbeitet haben, fand alles in einem viel kleineren Rahmen statt. Ich bin immer noch jedes Mal ganz von Ehrfurcht ergriffen, wenn ich sie spielen höre. Ich mag es immer noch als Zuhörer dabei zu sein, weil es immer neue Musiker gibt und etwas Aufregendes passiert. Zwischen den Takes spielen sie andauernd irgendwelche verrückten Sachen und stellen ihre Virtuosität unter Beweis. Bei den Aufnahmen zu „Carrier“ war ich aber wohl nicht mehr ganz so hypnotisiert von ihrem Spiel wie bei unserer ersten Zusammenarbeit mit dem ganzen Orchester.

MusikBlog: Eure Songs besitzen die Fähigkeit innerhalb kürzester Zeit ein komplexes Klangbild zu erschaffen, das zwischendurch immer wieder zu einem vergleichsweise minimalistischen Ansatz zurückkehrt. Wie komplex stuft ihr selbst eure Art des Songwritings ein?

Logan: Ich glaube es gibt zwei Songs, bei denen wir uns selbst damit überrascht haben, dass wir beide Formen des Musikmachens miteinander in Einklang gebracht haben. Zum einen ist das „Transformer“ auf unserem neuen Album und zum anderen ein noch nicht veröffentlichter Track, der auf das nächste Album kommt. Obwohl unsere Songs gerne die Grenzen der Komplexität austesten, ist der minimalistische Ansatz gerade trotzdem sehr präsent in allem was wir tun. Schon allein deshalb, weil nur ein kleiner Anteil an Leuten an allem mitwirkt, was unsere Musik betrifft. Du hast recht, wir schwingen immer zwischen beiden Klangwelten hin und her, obwohl ich unsere Musik wohl eher als minimalistisch einstufen würde. Wenn ich, was die Musik angeht, an The Dodos denke, dann fällt mir sofort dieser volle, klare Sound ein, der unsere Songs begleitet, der für mich eher zum Minimalismus tendiert. Joe (Haege) zum Beispiel dudelt ständig auf seiner Gitarre herum und beim ihm passiert andauernd etwas, auch während des Soundchecks. Wenn ich uns dagegen betrachte, wirken wir in unseren Ansätzen eher minimalistisch.

Meric: Melodisch gesehen sind unsere Songs recht simpel und minimalistisch gehalten. Was ich von Joes Spiel mitnehme, ist der Wunsch nach mehr Veränderungen hinsichtlich der Melodik und der Akkorde. Ich weiss nicht warum, aber ich bin was das alles angeht doch eher zurückhaltend. Vielleicht liegt es an der fehlenden Fähigkeit das in den Songs umzusetzen oder meiner natürlichen Tedenz solche melodischen Entwicklungen überhaupt zuzulassen. Rhythmisch gesehen sind wir dagegen weniger minimalistisch, weil es innerhalb unserer Songs kaum Freiräume gibt. Wir sind ständig damit beschäftigt die Lücken zu füllen, die sich vor uns auftun.

MusikBlog: Tut ihr das, weil ihr Angst vor einem Moment der Stille habt?

Meric: Ja, vielleicht. Für mich ist es eine größere Herausforderung einen minimalistischen Song zu schreiben, weil ich schon immer sehr bestrebt und ängstlich zugleich war. Das spiegelt sich auch in meinem Songwriting wider und darum fällt es mir auf der Bühne schwer die Pausen zwischen den einzelnen Songs zu füllen. Bei mir muss immer alles zack, zack, zack gehen. Das ist nicht unbedingt gut oder schlecht, sondern einfach die Art und Weise wie ich funktioniere. Ich würde das manchmal gerne ändern, aber es gibt eben auch diese natürlichen Grenzen, die mich davon abhalten diesem Wunsch nachzugehen.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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