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Wir machen das aus Idealismus – Molotow-Betreiber Andi Schmidt im Interview

Fast 20 Jahre lang hat Andi Schmidt das berühmte Molotow unter der Hamburger Reeperbahn betrieben. Mit dem Ende der Esso-Häuser musste auch der Musikclub schließen. Zwischenzeitlich, beteuert Schmidt. Dennoch ist die momentane Heimatlosigkeit Molotow ein weiterer herber Schlag für den einst so stolzen Independent-Standort Hamburg. MusikBlog sprach mit Andi Schmidt über Idealismus, die Nähre zum Reeperbahn Kiez und Wirtschaftsförderung durch die Stadt Hamburg.

MusikBlog: Wenn nach so vielen Jahren Arbeit der eigene Club plötzlich dicht macht – wie fühlt sich das an?

Andi Schmidt: Erstmal beschissen, zumal wir ja dachten, mindestens bis Sommer weitermachen zu können, und plötzlich mussten wir über Nacht räumen. Aber das Molotow wird es auf jeden Fall weitergeben. Es macht bloß Pause.

MusikBlog: Das klingt zweckoptimistisch.

Andi Schmidt: Man muss immer optimistisch sein. Zunächst mal hat das Molotow nur seine Location verloren. Deshalb arbeiten alle im Club gerade fieberhaft daran, ein adäquates Ausweichquartier zu finden.

MusikBlog: Adäquat heißt am gleichen Ort, also in den umkämpften Esso-Häusern, die vor wenigen Tagen endgültig geräumt und noch im Frühjahr abgerissen werden sollen?

Andi Schmidt: Ja, die Esso Häuser werden jetzt wohl noch schneller abgerissen als ursprünglich angedacht. Adäquat heißt am gleichen Ort und vor allem, zu gleicher Miete.

MusikBlog: Und da macht der Eigentümer mit?

Andi Schmidt: Der Eigentümer hat die Zusage, dass er uns zu gleichen Konditionen wieder in den geplanten Neubau einziehen lässt, wieder zurückgezogen, weil die Möglichkeit besteht, dass die Politik von den Vereinbarungen abrückt, was den Anteil an Eigentumswohnungen in dem Bau angeht. Weniger Eigentums- und mehr Sozialwohnungen sind für sie nicht wirtschaftlich genug, und deshalb können sie ihre Garantie nicht aufrechterhalten, sagen sie. Das ist eine Ausrede und ein klarer Bruch gegebener Versprechen, aber nicht zu ändern. Eine höhere Miete können wir einfach nicht zahlen.

MusikBlog: Weil es wirtschaftlich nicht lief im Molotow?

Andi Schmidt: Einen unabhängigen Club wie unseren betreibt man nicht aus Wirtschaftserwägungen. Wir alle machen das aus Idealismus, denn damit verdient man so wenig, dass es am Ende eines Jahres schon als Erfolg gilt, keinen Verlust gemacht zu haben.

MusikBlog: Und wo soll es dann hingehen?

Andi Schmidt: In Steinwurfweite, allernächster Umkreis, alles andere funktioniert nicht.

MusikBlog: Also wieder Zweckoptimismus.

Andi Schmidt: Na ja, weiter weg ist illusorisch, weil, wenn man abseits vom Vergnügungsviertel mit seinen Sonderregelungen im Wohngebiet landet, gibt es sofort Ärger mit den Anwohnern, sobald die Musik Zimmerlautstärke überschreitet. Wir suchen ausschließlich in Kieznähe.

MusikBlog: Von der Politik, die ja seit langem eher die Event- als Subkultur fördert, ist da vermutlich kaum Hilfe zu erwarten, oder?

Andi Schmidt: Der Bezirk Mitte ist sehr kooperativ und hilfreich. Wenn vor fünf Jahren ein Club in Schwierigkeiten geraten wäre, hätte es von politischer und behördlicher Seite eher ein Schulterzucken gegeben. Das ändert sich gottseidank gerade ein bisschen, wenn auch sehr, sehr langsam. Hamburg vermarktet sich zwar seit jeher als Musik- und Szenestadt, als Stadt der Beatles und so…

MusikBlog: ..Die Marke Hamburg…

Andi Schmidt: …Aber schon der Starclub wurde hier mit allen Mitteln bekämpft. Es gab einfach nie ein Gefühl dafür, was Live- und Club Kultur eigentlich bedeutet. Oft ist früher sogar Musik Club mit Strip Club gleichgesetzt worden nach dem Motto: „Da läuft ja auch Musik“. Da hat sich heute sowohl beim Bezirk als auch die Kultursenatorin viel zum Besseren geändert.

MusikBlog: Und fühlt sich dabei der Musik an sich oder eher der Marke Hamburg verpflichtet?

Andi Schmidt: Schwer zu sagen, ich hoffe der Musik. Es ist es leider so, dass der Musikstandort Hamburg immer uninteressanter wird. Früher war das gerade im Independentbereich der deutsche Hotspot schlechthin. Künstler und Fans kamen in Scharen hierher, heute gehen sie in Scharen nach Berlin, weil es dort im Augenblick das gibt, was es hier früher gab: Günstige Räume für unkommerzielle Kultur. Das liegt allerdings nicht nur an der Politik.

MusikBlog: Sondern?

Andi Schmidt: Auch an den Anwohnern, zumindest den neuen. Die ziehen hierher, weil es schick und crazy ist, aber wenn sie abends fernsehen wollen, wollen sie es schön ruhig haben wie zuvor in Poppenbüttel.

MusikBlog: Ist das schon das Ende der Clubkultur in Hamburg?

Andi Schmidt: Nein, denn es wird sicher immer wieder neue Orte für Konzerte geben. Aber die Gefahr, dass irgendwann immer mehr, was sich nicht rechnet durchs Raster fällt, ist schon groß.

MusikBlog: Und was fällt vom Booking des Molotow in diesem Frühjahr durchs Raster?

Andi Schmidt: So gut wie nichts. Unsere geplanten Konzerte und viele unserer Partys finden an anderen Orten wie Übel & Gefährlich, Haus 73 auf dem Schulterblatt oder dem Hafenklang statt. Die Unterstützung war da riesig für uns und das freut uns sehr.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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