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Glück ist nicht Schmerzvermeidung – William Fitzsimmons im Interview

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Man muss schon ganz genau hinhören, um William Fitzsimmons zu verstehen. Auch auf seinem sechsten Album „Lions“ haucht der Singer/Songwriter aus Pittsburgh seine melodramatischen Texte über all die Alltagsschmerzen seiner 35 Jahre so leise über die Akustikgitarre, dass man meinen könnte, er sei tief verletzt. Ist der junge Vater aber gar nicht. Im Gegenteil, wie er im Gespräch mit MusikBlog beweist.

William: Hi, wie geht’s dir?

MusikBlog: Gut danke, und selber?

William: Großartig, danke.

MusikBlog: Deine Stimme klingt gesprochen viel kräftiger als gesungen. Ist das überhaupt dieselbe wie auf deinen Platten?

William: Nein, die lasse ich grundsätzlich von einem kleinen Jungen singen, der meine Songs so dünner klingen lässt. Das verkauft sich einfach besser (lacht). Nein, ernsthaft: meine Mutter hat mir eigentlich beigebracht, mit einer männlichen Stimme zu singen. Das ist so ziemlich das Einzige, was ich mir von ihren Ratschlägen offenbar nicht zu Herzen genommen habe.

MusikBlog: Ansonsten hattest du das perfekte Elternhaus für eine Karriere als Sänger?

William: Absolut, meine Eltern sind beide Musiker, es gab bei uns eigentlich immer Musik, ob aus den Boxen oder der Orgel meines Vaters. Deshalb finde ich an meiner Stimmer auch gar nicht so seltsam, dass sie so leise ist, sondern dass ich so unsauber intoniere, nicht aus der Brust, sondern aus dem Kopf. Aber keine Sorge – ich könnte auch lauter singen, wenn ich wollte.

MusikBlog: Warum klingst du dann so fragil, verletzlich?

William: Das bringt die Tiefe meiner Gefühle beim Singen zum Ausdruck. Ich mochte auch bei anderen Künstlern schon früh diese Art, sich auszudrücken. Wenn man als junger Mensch die Musik entdeckt, neigt man ja noch zum Imitieren; so hab auch ich mir das angewöhnt, und es passt auch einfach gut zu ruhigen Folksongs wie ich sie mache.

MusikBlog: Hast du deshalb zur neuen Platte gesagt, wer sie wirklich begreife, würde verstehen, dass ich nicht bloß ein weiterer depressiver Junge mit Bart bin?

William: Absolut. Ich würde mich sogar als alles bezeichnen lassen, was davon das Gegenteil ist. Es gibt in jeder Person diese zwei Seiten der Seele: eine dunkle, eine helle. Bei mir dominiert zurzeit jeweils die letztere.

MusikBlog: Aber woher rührt dann bloß diese melodramatische Stimmung auf deinem neuen Album, in dem es ständig um Trennungsschmerz geht oder wie im Titelstück um „Lions between us / which cut us to pieces“?

William: Das sind Teile meiner Erfahrungen, die ich einfach musikalisch mehr zulasse, je älter ich werde. Ich bin jetzt Mitte 30, da lässt man auch die negativen Erinnerungen zu und beschäftigt sich mit ihnen. Ich will das nicht überdramatisieren, aber in meinem Alter hat man einfach schon einige Verletzungen hinter sich, die es wert sind, thematisiert zu werden. So was passiert dir dein Leben lang und es gibt nichts Schlimmeres, als die schlechten Erfahrungen in sich hineinzufressen. Da habe ich Glück, sie sogar singen zu können.

MusikBlog: Klingt wie eine Therapie.

William: In gewisser Weise ist es das auch. Aber weißt du – ich bin jetzt Vater einer kleinen Tochter und erlebe gerade erstmals das Gefühl, von jemanden bedingungslos gebraucht zu werden. Das ist ziemlich seltsam und lässt mich völlig neu aufs Leben blicken.

MusikBlog: Hat es dich auch musikalisch beeinflusst?

William: Auf jedem Fall, im Vergleich zu vielen Songwritern bin ich nicht mehr so auf mich selbst bezogen, auch wenn das in meinen Songs manchmal so klingt. Man ordnet die eigene Bedeutung in bestimmten Momenten einfach anders ein, wenn ein Baby schreit; dann geht es nicht um dich. Daher singe ich nicht ständig ich, ich, ich. Und immer nur darüber zu singen, wie dreckig man sich gerade fühlt, wird auf Dauer ohnehin langweilig.

MusikBlog: Verstecken sich in „Lions“ womöglich sogar fröhliche Momente, die ich nur noch nicht entdeckt habe?

William: Die gibt es. Ich würde es aber nicht Fröhlichkeit nennen, eher Freude. Sie findet sich immer wieder auf diesem Album. Ich weiß, das klingt merkwürdig, aber weil es sich so echt anfühlt, was ich singe, macht es mich auch fröhlich. Ich lese gerade ein Buch von F. Scott Fitzgerald und er schreibt darin, „Glück ist die ersten 20 Minuten nach dem Unglück“. Mir gefällt dieser Gedanke, denn Glück ist eben nicht immer nur, vor Freude durch die Gegend zu hüpfen, sondern den Moment zu genießen. Nicht möglichst viel Geld zu verdienen, sondern die schlimmen Dinge des Lebens überstanden zu haben und nach vorn zu blicken.

MusikBlog: Entsprechend stark weicht deine Stimmung auf der Bühne von der auf den Platten ab?

William: Stimmt. Denn der da auf der Bühne – das bin ja ich. Ein glücklicher Mensch, der auch die traurigen Seiten seines Lebens zulässt, die Wellenbewegungen der Gefühle. Viele meiner Zuhörer empfinden das als seltsam, aber noch mehr als bereichernd.

MusikBlog: Und am Ende ist dieses Wechselbad der Gefühle das bessere Entertainment.

William: Richtig. Gutes Entertainment kennt nie nur eine einzige Gefühlsregung. Die Suche nach dem umfassenden Glück führt ohne Umweg in die Langeweile. Mein Glück zum Beispiel ist nicht die Abwesenheit von Unglück, sondern die Herausforderung, in Richtungen gestoßen zu werden, in denen ich mich womöglich unwohl fühle. Nochmals: Das ist auch ein Teil des Erwachsenwerdens, mit dem man ja nie ganz fertig wird. Glück ist nicht Schmerzvermeidung.

MusikBlog: Hat es denn mit Erfolg zu tun?

William: Das spielt eine Rolle, womöglich mehr als es sollte. Mein Bedürfnis im Zusammenhang mit dieser Platte ist allerdings bereits befriedigt: Dass sie überhaupt existiert. Ob sie sich gut verkauft, ist zweitrangig; dass es sie gibt, macht mich froh. Früher habe ich mir bei meinen Alben mehr Gedanken darüber gemacht, wie Publikum und Kritiker sie aufnehmen; bei dieser hier ist das anders. Trotzdem berührt einen natürlich jede Kritik, das ist nicht zu vermeiden. Aber ich werde diese Platte auch lieben, wenn sie in sechs Monaten niemand gekauft haben wird.

MusikBlog: Was ziemlich unwahrscheinlich ist, angesichts des Erfolgs, den deine vorige Alben und Auftritte hatten.

William: Vielleicht, ja.

MusikBlog: Kannst du ungefähr erklären, warum jemand mit einer so leisen Stimme und einem so langen Bart auch außerhalb der USA so erfolgreich ist?

William: Weil Emotionen universell sind, unabhängig von der Sprache. Du kannst ja auch instrumentelle Musik hören und sie bringt dich ebenso zum Weinen wie die tollsten Texte. Musik kann da so viel bewegen, aber sie tut es in jedem anders. Tschaikowski löst im einen Patriotismus aus und im nächsten Wehmut. Deshalb ist es mir auch egal, ob meine Texte wortwörtlich verstanden werden, solange jeder versucht, seine eigene Erfahrung damit zu machen. Zuhören ist ein Prozess. Mir ist egal, was Bob Dylan mit „Girl From The North Country“ gemeint hat; was es in mir auslöst, ob es meine Seele berührt, das ist von Bedeutung.

MusikBlog: Welche Musik berührt deine eigene Seele sonst noch so?

William: Jede, die meinen Kopf und mein Herz in Richtungen treibt, die sie noch nicht kannten. Voriges Jahr ist mir das mit der neuen Platte von The National „Trouble Will Find Me“ passiert. Ich habe sie gekauft, als ich selber grad im Studio war und sie hat mich so heftig getroffen, dass ich sofort ein paar Zeilen schreiben musste. Wäre doch schön, wenn das anderen bei meinen Songs ähnlich ginge.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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