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Lanterns On The Lake (Credit Annett Bonkowski/MusikBlog)

Der Biss ins finanzielle Hungertuch – Lanterns On The Lake im Interview

Mit „Until The Colours Run“ legten Lanterns On The Lake aus England Ende letzten Jahres ihr zweites Album vor. Finanzielle Schwierigkeiten haben allerdings dazu geführt, dass die Band beinahe ihre Karriere an den Nagel gehangen hätte und die Songentwürfe notgedrungen in einer Kiste vergraben worden wären. Und doch fanden die Musiker um Sängerin Hazel Wilde herum einen Weg hinaus aus der Krise und stellten sich der Herausforderung mit wenig finanziellen Mitteln ein Album aufzunehmen. Wir sprachen mit Hazel über die großen und kleinen Stolpersteine auf dem Weg zum fertigen Album und erfuhren, warum Laterns On The Lake nicht davor zurückschrecken auch politische Themen in ihre Songs miteinfließen zu lassen.

MusikBlog: Seit der Veröffentlichung eures zweiten Albums sind mittlerweile ein paar Monate vergangen. Verändert sich nach so viel Zeit eure eigene Wahrnehmung, was die Songs angeht?

Hazel Wilde: Ja, sehr sogar. Besonders, weil man ab dem Punkt der Veröffentlichung anfängt die Songs wirklich loszulassen. Sie gehören einem nicht mehr im selben Maße wie vorher. Das Feedback der Fans trägt ebenfalls dazu bei, dass man die Songs teilweise etwas anders wahrnimmt. Man erfährt, was die Songs anderen Menschen bedeuten und das verändert die eigene Perspektive. Ausserdem verwandeln sich die Songs je mehr wir sie live spielen. Plötzlich entdeckt man eine neue Seite an ihnen und bestimmte Aspekte scheinen nicht mehr so zu sein wie am Anfang.

MusikBlog: Ist das ein eher ein beunruhigendes oder aufregendes Gefühl für dich?

Hazel Wilde: Es fühlt sich gut an. Ich mag es, wenn mir dadurch ein neuer und interessanter Blickwinkel auf die Dinge eröffnet wird. Gerade, wenn ich unsicher bin und mich manchmal frage, ob ein bestimmter Song gut aufgenommen werden wird. Dann stellt sich hinterher heraus, dass er zu den Lieblingen der Fans im Set gehört und ich fange an mehr Selbstbewusstsein zu entwickeln, was mein Songwriting angeht. Für unser neues Album „Until The Colours Run“ haben wir viele der Stücke vorab live gespielt, um die Reaktion des Publikums zu testen und uns selbst auszuprobieren bevor wir eine endgültige Fassung der jeweiligen Songs hatten. Das hilft unter Umständen sehr dabei die Songs richtig zu formen und Klarheit zu gewinnen, vor allem was die Dynamik angeht. Es kommt immer auf den Song an – „Elodie“ hat sich im Studio und im Vergleich zur Live-Version kaum verändert, „Until The Colours Run“ klingt dagegen kaum noch wie die Interpretation auf der Bühne.

MusikBlog: Die Arbeit an eurem zweiten Album war von einigen Schwierigkeiten begleitet. Welche Hürden musstet ihr im Verlauf des Albumprozesses überwinden?

Hazel Wilde: Alle reden immer vom „schwierigen“ zweiten Album, aber wir hatten mit Herausforderungen zu kämpfen, die eigentlich nichts mit einer kreativen Sackgasse oder ähnlichen Problemen zu tun hatten. Im Gegenteil, wir fühlten uns ausgesprochen kreativ und waren leidenschaftlich dabei an den Songs zu arbeiten, aber wir mussten während dieser Zeit der Tatsache ins Auge blicken, dass wir finanziell am Hungertuch nagten. Deswegen sind wir auch nicht ins Studio gegangen, sondern haben einfach einen Raum gemietet, wo wir die Songs aufgenommen haben. Die größte Herausforderung für uns war es also mit den nicht ganz optimalen Umständen klarzukommen, zumal uns auch das nötige Equipment fehlte. Dadurch klingt das Album im Nachhinein ganz anders als wir uns das vorab vorgestellt haben, aber das ist okay.

Es ist schade, dass viele Musiker heutzutage so sehr dafür kämpfen müssen ihren Lebensunterhalt durch die Musik zu bestreiten. Wir mussten die Albumaufnahmen auch zwischen unsere Büro- und Bar-Jobs quetschen und haben uns natürlich die Frage gestellt, ob es überhaupt noch einen Sinn ergibt mit der Band weiterzumachen. Trotzdem bedeutet uns die Musik alles und ich bin froh, dass wir unsere Leidenschaft nicht an den Nagel gehängt haben.

MusikBlog: Welchen Unterschied hätte es denn für das Album gemacht, hättet ihr die gewünschten finanziellen Mittel zur Verfügung gehabt und die Songs damit nach euren Vorstellungen formen können?

Hazel Wilde: Wir wären wohl vor allem zufriedener mit der klanglichen Qualität der Stücke gewesen. Leider waren zum Beispiel die Mikrofone, die uns zur Verfügung standen, nicht gerade die besten. Deswegen hat der Sound des Schlagzeugs im Allgemeinen auch einen viel größeren lo-fi-Charakter als wir das beabsichtigt haben. Andererseits gefällt mir die Tatsache, dass die äusseren Umstände damit Teil des Albums geworden sind. Mittlerweile haben wir akzeptiert, dass wir wohl gar nicht problemlos an Songs arbeiten können. Irgendetwas stellt sich uns scheinbar immer in den Weg, wie die Vergangenheit gezeigt hat. Vielleicht brauchen wir diesen Kampf in gewisser Weise, um überhaupt kreativ zu werden. Jedenfalls kann ich von mir behaupten, dass ich im glücklichen Zustand weitaus weniger produktiv bin. Der kreative Funke ist dann irgendwie weg.

MusikBlog: Passiert es dir oft, dass dir das eigene Glück den Weg zum Songwriting versperrt?

Hazel Wilde: Nein, das passiert eher selten. Ich glaube, ich habe mich in meinem Leben noch nie vollkommen glücklich gefühlt. Jedenfalls nicht in dem Maße, dass ich innerlich absolut zufrieden und ruhig war. Dieses Gefühl kenne ich nicht. Ich habe immer den nächsten Schritt oder das nächste Ziel vor Augen.

MusikBlog: Diese innere Rastlosigkeit rührt also eher daher, dass du stets auf der Suche nach dem eigenen Seelenfrieden bist?

Hazel Wilde: Vermutlich. Ich mache mir aber generell viel zu viele Sorgen über alles Mögliche, als dass ich das Gefühl hätte diesen Seelenfrieden wirklich zu finden.

MusikBlog: Über was zerbrichst du dir dabei besonders den Kopf?

Hazel Wilde: Zum einen darüber, wie es mit der Band weitergehen soll, wenn es sowieso nicht mehr allzu viele Menschen gibt, die für Musik bezahlen wollen. Zum anderen, warum ich ständig Fragezeichen im Kopf habe! (lacht)

MusikBlog: Auf „Until The Colours Run“ befinden sich mehrere textliche Hinweise, die auf die wirtschaftlichen und politischen Missstände Englands aufmerksam machen bzw. diese aufgreifen. Musik wird oft als Sprachrohr verwendet, um Kritik am System zu üben. Inwiefern empfindest du es als deine künstlerische Pflicht das politische Geschehen zu kommentieren?

Hazel Wilde: Ich empfinde es nicht so sehr als meine Pflicht. Dennoch wäre es meiner Meinung nach falsch nicht auf solch signifikante Ereignisse einzugehen, die letztendlich jeden von uns betreffen. Wenn unsere Songs also solche Themen aufgreifen, dann eher daher, weil wir uns ganz natürlich damit beschäftigen. Wir greifen reale Dinge um uns herum auf und verarbeiten sie in unseren Songs. Warum sollten wir uns also vor politischen Tatsachen verschließen? Ehrlich gesagt, überrascht es mich immer wieder, dass nicht mehr Künstler dieses Terrain betreten. Gerade Bands wie wir, die aus dem Nordosten Englands kommen, wo die Arbeitslosigkeit immer weiter steigt und die Armut zunimmt. Wir sind dort täglich mit diesen Konflikten konfrontiert. Da wäre es komisch, wenn diese Missstände nicht den Weg in unsere Musik finden würden. Es würde sich so anfühlen, als ob wir sie bewusst ignorieren.

MusikBlog: Viele Bands zieht es nach London, wo es vielleicht einfacher ist über solche Zustände hinwegzusehen. Aus den Augen, aus dem Sinn…

Hazel Wilde: Ja, da hast du Recht. Das kann dazu führen, dass andere thematische Schwerpunkte gesetzt werden. Wenn man als Band schnell erfolgreich wird und plötzlich Großstadtluft in London oder L.A. schnuppert, dann verschieben sich wohl die Prioritäten, was die Texte angeht und man hat nicht mehr viel gegen das man rebellieren kann. Wir haben uns aber nie Gedanken darüber gemacht wegzugehen und mögen die Gegend, in der wir leben. Unsere Familien und Freunde sind dort, was uns sehr wichtig ist.

MusikBlog: Es ist eine ganze Weile her, dass Protestsongs musikalisch eine Rolle gespielt haben. Heutzutage wird eher mit dem Image als dem kreativen Output rebelliert.

Hazel Wilde: Und das nicht zu knapp! Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass viele wirklich wichtige Dinge im Laufe der Zeit an Bedeutung verlieren und damit auch ihr Einfluss schwindet. Aus etwas Substanziellem wird eine Belanglosigkeit und die Leute fangen an sich womöglich noch darüber lustig zu machen. Nehmen wir doch einmal die ganze Feminismus-Debatte. Wenn du sagst, du bist eine Feministin, dann wirst du schief angeguckt und dein Anliegen wird kaum ernst genommen. Dabei ist das nach wie vor ein großes Thema. Genauso verhält es sich mit jemanden, der Liebe und Frieden auf der Welt proklamiert. Der wird dann gleich als Hippie dargestellt, obwohl er doch für eine gute Sache kämpft. Wenn man also als Musiker politische Themen anschneidet, bewegt man sich automatisch auf sehr dünnem Eis.

MusikBlog: Und doch sind viele dieser Themen heute noch genauso relevant wie damals. Oder nicht?

Hazel Wilde: Absolut. Nur konnten Protestsongs damals mehr Menschen erreichen, die dieselben Ideale hatten. Irgendwann gab es aber diesen Punkt, an dem man mit einem Song nicht mehr so viel Einfluss ausüben konnte. Ich wünschte Musik könnte wieder mehr Veränderungen herbeirufen. Kann es sein, dass ich im falschen Jahrzehnt lebe? (lacht)

MusikBlog: Zumindest lassen sich politische Sachverhalte und die daran geübte Kritik nicht so gut in einem Werbespot verkaufen wie eine unbeschwerte, sorglose Einstellung zum Leben.

Hazel Wilde: Stell dir doch mal einen politisch motivierten Klingelton vor! (lacht)

MusikBlog: Euren Songs wird oft ein Leinwand-Charakter nachgesagt. Könntest du dir vorstellen im Bereich Filmmusik tätig zu werden?

Hazel Wilde: Ich würde wahnsinnig gerne an einem Soundtrack arbeiten. Für eine Komödie wäre ich wohl nicht besonders gut geeignet, aber ich könnte mir vorstellen ein Drama zu vertonen.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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