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WhoMadeWho (Credit Jonas Bang)
WhoMadeWho (Credit Darup Associates/Indigo)

Wir können auch ohne den Spaßfaktor Musik machen – WhoMadeWho im Interview

Mehr Gitarren. Weniger Faxen. Und am Ende doch ein Album, das sich nicht vor den anderen Werken des dänischen Trios verstecken muss. Mit „Dreams“ holen WhoMadeWho zum fünften Mal mit der Elektro-Dance-Keule aus, geben sich allerdings nicht mehr ganz so ungezügelt und spaßig wie bei den anderen Studiosessions. Die Songs sind deutlich von mehr Ernsthaftigkeit und Emotionalität durchzogen. Schläftig oder gar übersensibel wirken die Tracks trotzdem noch lange nicht. Dafür versteht es die Band viel zu gut, im richtigen Moment wieder aufzudrehen und die Leichtigkeit zurückzuholen. Während Schlagzeuger Tomas Barfod in Vorbereitung auf das am Abend stattfindende Konzert in ohrenbetäubender Läutstärke die vor ihm liegenden Felle bearbeitet, rücken Bassist Tomas Høffding und Sänger/Gitarrist Jeppe Kjellberg derweil näher, um sich unsere Fragen ins Ohr schreien zu lassen und ebenso schallend ihre Antworten zurückzuwerfen. Das stumme Wortresultat ihrer Ansichten über „Dreams“ gibt es hier nachzulesen.

MusikBlog: Der Titel „Dreams“ eures neuen Albums lädt gerade dazu ein einmal in Sachen Träumen nachzuhaken. Liegt es im Wesen des Künstlers großen Träumen nachzujagen?

Tomas Høffding: Da ist schon etwas Wahres dran, wenn ich so darüber nachdenke. Ich glaube jeder Musiker kennt das Gefühl, sich Träumereien hinzugeben. Als kleine Jungs wünschen sich doch viele Kinder einmal Rockstar zu werden, aber den wenigsten gelingt das auch. Ich kann nach einer Tour oder einem langen Tag im Studio nach Hause kommen und wenn ich auch nur anfange, mich über die harte Zeit zu beschweren, werde ich schief von meinen Freunden angeguckt und sie sagen: „Was willst du? Du lebst immer noch den Traum schlechthin, also hör auf, dich zu beschweren“. Und sie haben natürlich Recht damit. Daher fühlen wir uns manchmal so, als ob wir den Traum von vielen Menschen da draussen mit uns herumtragen würden. Es ist ein großes Privileg für uns, Musik machen und davon leben zu können. Und trotzdem hören wir nicht auf zu träumen.

Jeppe Kjellberg: Ja, ich träume ständig irgendwelches Zeug. Jeder Musiker hat doch z.B. den Traum, einen Song oder ein Album zu machen, das wirklich eine große Bedeutung für eine Menge Menschen hat. Wir bewegen uns zwar auf einem vergleichsweise niedrigen Level, was das angeht, aber bekommen trotzdem mit, dass unsere Musik den Leuten etwas bedeutet. Das ehrt uns ungemein und wir freuen uns über Kanäle wie Facebook direkt die Reaktionen der Fans mitzubekommen. Es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass es Menschen gibt, die unsere Songs mit bestimmten Erfahrungen in Verbindung bringen. Ob sie nun zu einem Lied von uns Sex haben oder etwas anderes tun. In ein paar Jahren, wenn sie diesen Song wieder hören, werden sie vielleicht zurück in die Vergangenheit gezoomt und wissen genau, wie sie sich gefühlt haben.

MusikBlog: Oftmals müssen Träume der Realität weichen und werden von ihr verdrängt, weil diese sicherer erscheint. Inwiefern ist „Dreams“ ein Produkt von Träumereien und Visionen, aber auch der Realität mit der ihr konfrontiert werdet?

Jeppe Kjellberg: Wir haben diesen Workflow, der uns bei jeden Album dahin führt, unseren inneren Visionen zu folgen. Wir hören im großen Maße auf unser Bauchgefühl und versuchen eigentlich immer, uns von unseren Gefühlen leiten zu lassen. In dieser Hinsicht ist „Dreams“, wie auch die Alben davor, ein Produkt unserer Träumereien, die dann letztendlich zu etwas Realem werden. Wenn wir am Ende damit auch noch andere Menschen erreichen, umso besser. Natürlich sind wir in unserem Tun sehr egoistisch, was die Entwicklung der Band betrifft und dokumentieren diesen Weg mithilfe unserer Songs. Man kann die Spielereien, aber vor allem auch die Leidenschaft und Liebe fühlen, die wir dabei in unsere Songs stecken.

MusikBlog: Brian Eno ist einer von vielen Künstlern, die behaupten, dass ihm Songideen während des Schlafs erscheinen, so dass er sich wünschte diese einmal aufnehmen zu können. Wonach würden eure Träume klingen, hättet ihr die Möglichkeit diese aufzunehmen?

Tomas Høffding: Wahrscheinlich würden meine Träume wie diese abgefahrene Keyboard-Melodie klingen, von der ich einmal geträumt habe. Oder wie dieses Stück, dass Tina Turner einmal für mich in einem meiner Träume gesungen hat. Ich war total davon geflasht, gerade weil ich sicher war, dass das Lied nicht von ihr stammte. Ich habe versucht es hinterher aufzuschreiben, aber fand dann nichts Besonderes mehr daran. Das geht Künstlern vermutlich oft so, wenn sie versuchen, das Gehörte im Nachhinein zu dokumentieren. Um ernsthaft Musik zu machen, braucht es Talent, aber eben auch viel harte Arbeit und die Tatsache offen für Neues zu sein. Es gehört mittlerweile nicht mehr viel dazu, einen Song am Computer entstehen zu lassen. Es gehört vielmehr Mut dazu, eine Melodie nicht als nebensächlich abzutun, sondern zu entscheiden, sie als Träger des Songs zu behalten.

Jeppe Kjellberg: Doch selbst wenn du diese Melodie erst einmal gefunden hast, ist es immer noch schwierig, diese dann auch zu kommunizieren und aus den anderen Bandmitgliedern herauszuholen. Das ist wirklich harte Arbeit, auch wenn das viele Leute nicht glauben wollen. Es ist längst nicht so romantisch wie immer alle denken.

Tomas Høffding: Mir können noch so vielen Musiker erzählen, dass ihnen Melodien im Traum erscheinen, aber dieser Fall trifft wohl für mindestens 99% der Künstler nicht zu. Die warten teilweise vergeblich darauf, dass ihnen im Traum die Erleuchtung kommt. Den Rest des Tages liegen sie dann dem Staat auf der Tasche und schreiben grauenvolle Songs. Je mehr du manchmal deine Gefühle in einen Song steckst, umso schrecklicher hört sich dieser dann am Ende an. Es kann schnell passieren, dass du deine Emotionen mit denen der Musik verwechselst. Ich war auch lange Zeit dieser Typ, der traurige Songs auf seiner Gitarre spielte. Das Schöne an dieser Band ist aber, dass wir ganz zwanglos an unseren Songs arbeiten können. Wir kommen morgens ins Studio, trinken zusammen Kaffee und legen los! Und obwohl wir bei diesem Album in einer Art Büro-Atmosphäre gearbeitet haben, konnten wir dennoch einiges an Emotionen in den Songs zum Ausdruck bringen. Unsere vorherigen Alben waren eher spielerisch und intelligent. Für „Dreams“ haben wir dieses Image mal beiseite gelegt und wollten nicht komisch sein oder uns hinter einer ausgeklügelten Produktion verstecken.

MusikBlog: Habt ihr nun die Formel dafür gefunden, sowohl Songwriter als auch Entertainer zu sein?

Jeppe Kjellberg: Ich glaube, wir sind als Band schon immer beides gewesen. Wir haben schon früh festgestellt, dass wir die Live-Energie unserer Bühnenshow nicht wirklich auf unsere Alben übertragen können. Das funktioniert einfach nicht. In der Vergangenheit haben wir versucht, beides ein wenig voneinander zu trennen. Die Live-Show war eine Sache, die Albumaufnahmen eine andere. Während wir bei Konzerten dynamisch sind und sehr viel positive Energie erzeugen, erlauben wir es uns im Studio dagegen weitaus emotionaler und damit auch persönlicher zu sein. Mit diesem Album ist es uns gelungen, diese Seite noch ein wenig deutlicher herauszukehren und wir können auch ohne den Spaßfaktor Musik machen.

MusikBlog: Ist es schon einmal vorgekommen, dass ihr es als anstrengend empfunden habt andere Leute mit euren Songs zu unterhalten oder könnt ihr auch auf Knopfdruck den Party-Modus anschalten?

Tomas Høffding: Nein, dazu sind wir nicht in der Lage. Du hast ganz Recht mit deiner Vermutung, denn es kann in der Tat mühselig sein, immer für Unterhaltung zu sorgen. Wenn die Fans zu unseren Konzerten kommen, erwarten sie schließlich etwas Verrücktes. Also schulden wir es unserem Publikum, aufgedreht und unterhaltsam zu sein. Dieses Gefühl kann man natürlich nicht von einem Moment zum anderen in einem selbst wachrufen, wenn man sich z.B. nicht unbedingt danach fühlt, auf die Bühne zu gehen. Da musst du dann unter Umständen tief durchatmen oder wie in meinem Fall einen großen Schluck aus der Vodka-Flasche nehmen. Wir nehmen keinerlei Drogen, aber ein wenig Alkohol muss manchmal sein, damit man loslegen kann. Zum Glück spielen wir nicht so viele Konzerte, dass wir befürchten müssen als Alkoholiker zu enden. (lacht)

Jeppe Kjellberg: Es passiert ja so gut wie nie, dass wir keine Lust haben auf die Bühne zu gehen. Gerade wir zwei lieben das Gefühl, dort unser Ding zu machen und genießen die Interaktion mit dem Publikum.

Tomas Høffding: Du bist echt gut darin mit den Fans zu kommunizieren. Ein wahrer Entertainer! Mir macht das zwar auch Spaß, aber ich kann das längst nicht so gut und natürlich wie du.

MusikBlog: Ihr hattet im Rahmen der Veröffentlichung des Songs „The Morning“ eine App, mit deren Hilfe die User nicht nur vom Song geweckt wurden, sondern ebenfalls Bilder von sich nach dem Aufwachen machen und anschließend posten konnten. Zu welchem Song würdet ihr am liebsten aufwachen, wenn ihr die Wahl hättet?

Jeppe Kjellberg: Wenn es nach mir ginge, würde ich am liebsten von gar keinem Song oder Geräusch geweckt werden. Ich hasse es morgens aus dem Bett geklingelt zu werden.

Tomas Høffding: Da stimme ich dir zu. Ich wache ich lieber in völliger Stille von alleine auf.

MusikBlog: Habt ihr morgens ein Ritual, das ihr befolgt?

Jeppe Kjellberg: Das kann man so sagen, denn wir sind im letzten Jahr alle Väter geworden und seitdem haben wir morgens zumindest so etwas wie eine Routine. Unser Weckruf klingt also eher wie ein „wääääh!!!“.

Tomas Høffding: Sobald ich wach bin, trinke ich ausserdem immer einen Liter Wasser.

Jeppe Kjellberg: Du bist so clever!

MusikBlog: Der Song „Hiding In Darkness“ wurde von eurem Trip ins Berliner Berghain inspiriert. Was ist so für euch so anziehend an der Nacht?

Jeppe Kjellberg: Als Band haben wir anfangs nur nachts in irgendwelchen Clubs gespielt und als DJ’s war das nicht anders. Wir sind dadurch sehr mit der nächtlichen Clubszene vertraut. Tomas und ich waren zwar nie am Hardcore-Clubbing interessiert, aber der Besuch im Berghain hat mich schon sehr beeindruckt und seine Spuren hinterlassen. Die Energie an diesem Ort ist einmalig. Es hat sich fast so angefühlt, als ob das Publikum explizit dort Zuflucht vor dem Tageslicht sucht. Viele der Leute kommen dort ja zum Tanzen hin, aber es gibt natürlich auch diejenigen, die lieber Drogen nehmen und Gay-Sex haben. Im Berghain kann man völlig frei sein, was das angeht. Das passiert in unserer Gesellschaft doch so gut wie nie, da man schnell aneckt. Mir gefällt es, dass das Berghain genügend Raum dafür bietet. Das Gute daran ist, dass der Club seit so vielen Jahren die unterschiedlichsten Menschen anzieht und sich sein Image nicht zum Negativen verändert hat.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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