Chicks On Speed – Artstravaganza

Was haben ein hohes Medien- und Kunsttheorikertier, eine eigenwillige Lennon-Witwe und ein Aktivistenjüngling gemeinsam? Peter Weibel, Yoko Ono und Julian Assange vereint nun ein gemeinsamer Auftritt auf „Artstravaganza“, dem neuen Schaffen der Chicks On Speed, welches verrückter als die Summe der bizarren Zusammenstellung ist.

Nichts für schwache Nerven ist die Kunst der starken Frauen Melissa Logan und Alex Murray-Leslie, welche sich mit einem ganzen bunten Künstlerhaufen im Rücken nicht nur in keine Schublade stecken, sondern gleich in keine feste Richtung weisen lassen. Chicks On Speed sind nicht einfach nur eine Band – sie sind ein Künstlerkollektiv. Filme- und Modemacher(innen, im Sinne des überquellenden Feminismus-Gehaltes) sind mit an Bord und sorgen für ein dick geschnürtes Rundum-Paket, welches exzentrische Auftritte, gehaltvolle Ausrichtungen und den starken Hang zum Aktivismus bietet.

Möchte man es zuerst als Electrotrash abstempeln, wird im Nu ein Electroclash daraus: Zu viele Informationen, Ideologien und wohlüberlegt-verrückte Expressionen stecken hinter dem Konzept der Frauen. Der Sinn: Die Utopie, die wir uns selbst schaffen können. Die Plattform: Das Internet, die Matrix, die Daten, welche neben Gefahren auch Freiheiten bergen.

Fast beliebig und lieblos könnte das Album daherkommen, wie eine dahingerotzte Kunst. Doch so nebensächlich die verzerrten Vokalfetzen und zerrissenen Sprechbände eingeflochten denn gesungen werden, als seien sie einem wahllosen Gespräch, einer mitgeschnittenen Rede, einer Diskussion unter Gleichgesinnten zufällig entnommen, so wunderbar ist das Ganze aneinandergeklebt und durchdacht. Die Grenze zwischen Kunstausübenden und Hörenden wird aufgebrochen, um die Kunst auf eine nahbare Stufe zu heben.

Das Ganze bildet ein explosives, provokant-ideologisches Gemisch aus zusammengeschusterten und schwerlich fassbaren Samples. Da können wabernde Subschichten auf kindliche Melodien treffen („Beat Is Happening“) oder in Form des kunterbunten, Mashup-angehauchten „Coyote Hustle“ ordentlich durchgeackert werden.

Die Tracks gestalten sich dermaßen tanzbar, dass selbst die Akteurinnen zum „dance until your pants fall off“ („Text, Vodka & Le Rock’n’Roll“) aufrufen. Dafür wird oftmals der wilde Dembow ausgepackt, welcher die Lebensweisheiten und Metaphern in aller Ausgelassenheit untermauert. Der 12minütige, durchgängige Bass-Stampfer „Time (Strobe Light)“ kommt mit seinen verfälschten Saxofon-Improvisationen erweiterten Bewusstseinszuständen gleich. „God“ steigt aus dieser Masche zunächst aus: Nach einer vorerst ruhigen und schwammigen Soundbasis, welche eine Plattform für die zerfetzten Anprangerungen Assanges bildet, entwickelt der Track sich in einem großen Crescendo zu einem wahren Dubstep-Monster.

Nach über einer Stunde Laufzeit ist deutlich: Vieles lässt sich an unserer Gesellschaft kritisieren und verbessern. Chicks On Speed sehen eine Möglichkeit zur Kommunikation dessen in der Kunst. Der recht kritische Büsser meinte etwa zum Potential der Popkultur: „Pop befreit nicht die Gesellschaft, höchstens unsere Ohren. Immerhin.“ Chicks On Speed befreien also nicht uns, aber unsere Sinne. Und das auf beeindruckende Art und Weise. Immerhin.

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