Damien Rice – My Favourite Faded Fantasy – Klanggemälde und Grandezza

Der irische Singer/Songwriter Damien Rice gehört gewiss zu den Besten, die das Genre seit der Jahrtausendwende hervorgebracht hat. Mit seinen Alben „O“ (2003) und „9“ (2006) spielte er sich in die Herzen des entsprechenden Publikums. Danach machte er sich rar, gab zwar Konzerte und veröffentlichte 2007 zwei Live-Platten, neues Studiomaterial blieb jedoch außen vor. Aus Sicht des Künstlers verständlich, denn nach zwei derartigen Großtaten wuchs die Erwartungshaltung naturgemäß in unbeschreibliche Höhen.

Damien Rice begann in der Band Juniper (später Bell XI), die er jedoch vor der Aufnahme eines Albums verlassen hat, weil er sich vom Label in eine kommerzielle Richtung gedrängt sah. Danach ging der Ire quasi den Weg von ganz unten, verdingte sich als Straßenmusiker, um schließlich eine Band zu gründen, mit der er durch die Pubs und Cafes von Dublin streifte. Über den Produzenten und Filmmusiker David Arnold wurde Rice der Weg zu seinem Debütalbum geebnet. Dieses und dessen Nachfolger „9“ waren überaus erfolgreich, mehrere Singles waren in den Charts, viele seiner Songs wurden in Kinofilm- und TV-Produktionen verwendet. Kritiker wie Publikum zeigten sich von Damien Rice begeistert.

Bei vielen der bisherigen Aufnahmen war Lisa Hannigan seine Gesangspartnerin, mit der er sich jedoch während einer Tour 2007 überwarf. Die Frage, wie sich dieser Umstand auf seine kommenden Veröffentlichungen auswirken würde, blieb viele Jahre unbeantwortet, doch nun darf seine Anhängerschar dem neuen Werk namens „My Favourite Faded Fantasy“ (produziert von Rick Rubin) lauschen.

In der Regel sitzt der Rezensent mit Stift oder Tastatur vor den Lautsprechern, um erste Notizen niederzuschreiben. In eher seltenen Fällen, legt er diese sofort zur Seite, weil er vom Gehörten dermaßen in den Bann gezogen wird. Damien Rice‘ neues Werk zählt zu diesen Alben, die mit wahrhaftigen Emotionen im Innersten berühren, aufwühlen und echten Trost spenden. Kaum ist der erste Ton erklungen, ist zu spüren, dass Damien Rice zu den wenigen zählt, die ein Gefühl mit einer entwaffnenden Ehrlichkeit direkt an den Hörer weiterleiten können, in ihm einen emotionalen Strom erzeugen, der selbst nach Verklingen des letzten Tons präsent bleibt. Viele der Songs von „My Favourite Faded Fantasy“ bleiben als Seelen-Tattoos, schwingen Gedanken oder Ahnungen gleich in Tag- und Nachtträumen mit.

Der Singer/Songwriter knüpft nahtlos an seine beiden großartigen Alben an, von einem wie ihm erwarten und wollen wir keine Innovationen. Er gibt uns die ganz großen Gefühle, findet Worte und Musik für die in hintersten Seelenwinkeln verborgenen Gemütszustände, für die unsereins in Sprachlosigkeit versinkt. Jeder Ton, jede Phrasierung hat hier nicht nur Berechtigung, sondern Bedeutung. Dabei verfällt Rice keinesfalls in Weinerlichkeit, nichts ist bedeutungsschwanger und dennoch ist er ein Meister der Dramatik.

Manchmal schwellen und rauschen die Klänge wie Meereswellen heran, übermächtig und in einer Grandezza, die mit den Worten majestätisch und überschäumend nur annähernd jenen Klanggemälden gerecht werden. Die Streicherarrangements sind nicht von dieser Welt, tauchen in tiefste und dunkelste Schichten des Unterbewusstseins oder schwingen engelsgleich empor. Mittendrin die Stimme des Meisters, die ungefiltert die Emotionen preisgibt. Wenn einer seine Gefühlswelt über die Zunge transportieren kann, ist es Damien Rice.

Die Geschlossenheit von „My Favourite Faded Fantasy“ lässt kaum zu, einen der acht Titel besonders hervorzuheben, denn jene viel zitierte atmosphärische Dichte ist hier geradezu greifbar. Kein Singer/Songwriter war 2014 imstande in dieser Form abzuliefern, insofern müssen wir hier vom Album des Jahres sprechen. Und Lisa Hannigan? Sie ist eine große Künstlerin, aber ein Damien Rice kann auch ohne sie bestehen. Er flüstert dir ins Ohr, nach und nach macht sich Gänsehaut breit, langsam stellt sich das Nackenhaar auf und Körper und Geist werden von einer wohlig-tiefen Wärme erfasst. Von einer Welle des Trostes, der Melancholie und einer leuchtenden Schönheit.

Die Floskel ‚Das Warten hat sich gelohnt‘ schieben wir beiseite und rufen aus: Die Hoffnung und Sehnsucht hat sich erfüllt!! Mit diesem Album wird das Leben noch trauriger und schöner als es bislang war. Amen.

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