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Lamb (Credit Butler)
Lamb (Credit Butler)
Lamb (Credit Butler)

Lamb – Backspace Unwind

Es gibt nur wenige Bands, die sich über einen langen Zeitraum hinweg musikalisch behaupten können und es überhaupt so lange miteinander aushalten. Aufgeblasene Egos, kreative Sinnkrisen oder das Leben mit all seinen Überraschungen verhindern oftmals, dass die Zusammenarbeit sich über mehr als ein paar Jahre erstreckt. Lamb haben diesen Widerständen getrotzt und veröffentlichen nach ihrem Debütalbum im Jahr 1996 mittlerweile ihre sechste Platte. Ok, zwischendurch nahmen sie sich rund fünf Jahre lang eine Auszeit voneinander, aber diese sollte niemals endgültig sein. Vielmehr diente sie dazu, sich als Individuen weiterzuentwickeln.

Eigentlich waren Andy Barlow und Lou Rhodes schon immer zwei gegensätzliche Pole, die sich aber dennoch kreativ zueinander hingezogen fühlten und die die musikalische Erfüllung dank einer einzigartigen Dynamik im gemeinsamen Songwriting fanden. Barlow, zuständig für das elektronische Spielfeld mit all seinen Raffinessen, und Rhodes als vokales Aushängeschild mit deutlichem Hang zum Folk und einer stimmlichen Intimität, die sie den programmierten Beats ihres Kollegen Barlows gegenüberstellte. Dennoch war diese Fusion beider Teile von Lamb niemals ein Duell, sondern vielmehr die Summe aus einem facettenreichen Potenzial, das auf immer neue Weise miteinander in Einklang gebracht wurde.

Nachdem Barlow auch als Produzent für andere Musiker, wie zum Beispiel dem Briten David Gray, tätig wurde, widmete sich Rhodes dem Schreiben und verfasste neben drei akustisch gehaltenen Soloalben als Autorin auch Kinderbücher. Diese Ausflüge abseits von Lamb hielten beide aber nicht davon ab, wieder zu ihren musikalischen Wurzeln zurückzufinden und so legten sie vor eineinhalb Jahren den Grundstein für ein neues Studioalbum: „Backspace Unwind“. Auf diesem ist erkennbar, dass die getrennte Zeit voneinander dazu beigetragen hat, dass die neuen Songs keinesfalls dem bloßen Aufwärmen der eigenen musikalischen Vergangenheit zu verdanken sind.

Um den Kopf für neues Material freizubekommen und nicht in eine Art Routine zu verfallen, zog es beide Musiker sogar nach Indien, wo sie sich auf die Suche nach neuer Inspiration für ihre Songs machten. Ob ihnen die Sandkörner am Strand zu neuen Impulsen verhalfen, ist nicht gewiss, zumindest fanden Lamb dort aber Spuren, die sie zurück in ihrer englischen Heimat in die Tat umsetzten. Ganz auf ein Urlaubsfeeling mussten sie dort ebenfalls nicht verzichten, nahmen sie einen Teil der Songs in ihrem „The Lookout“ betitelten Studio mit Panoramablick über die umliegende Natur auf. Fernab von jeglichen urbanen Einflüssen und der damit einhergehenden Unruhe entwickelte das Duo neue Songs, die dennoch nichts an Dringlichkeit oder fehlender Spannung vermissen lassen.

Lou Rhodes besann sich beim Schreiben der Songtexte sogar auf eine Form der „freien Assoziation“, die ihr dabei half in einem Zustand ähnlich der Meditation die passenden Worte aus ihrem Inneren hervorzuholen und mit der Musik Barlows zu verknüpfen. Der daraus entstandene Sound orientiert sich weniger an dem Versuch Club tauglich zu sein, sondern mehr daran die Grenzen zwischen elektronischem Grundgerüst und pop-klassischen Zügen verschwimmen zu lassen. Vor Jahren hätte man Lamb womöglich nicht zugetraut das Piano einmal zum Wegbereiter für eine Hand voll Songs werden zu lassen. Heute klafft zwischen dieser Vorstellung und dem klanglichen Ergebnis kein Abgrund mehr und die Band lässt sich obendrein sogar von Streichern begleiten.

In vielerlei Hinsicht nehmen Lamb auf „Backspace Unwind“ das Tempo zugunsten einer entspannten Grundhaltung heraus, in der sie jedoch nicht stoisch verharren, um plötzlich durchweg sanft oder gemäßigt einem Idyll nachzujagen. Nur legen es die Songs auf den ersten Blick nicht darauf an den Hörer zu überfallen. Darin liegt gerade der besondere Reiz der neuen Platte, die es vermag das Spiel mit der Intensität ungezwungen bis zum Finale fortzuführen. Lamb gelingt damit der Selbstversuch auch nach nunmehr fast zwanzig Jahren ein aufgeschlossenes, progressives und unkonventionelles Album zu produzieren.

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