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Family Business – TV On The Radio im Interview

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Wenn es doch immer so einfach wäre, sich ein paar Songs wie Saatkörner aus dem Ärmel zu schütteln. Die aufkeimenden Ideen würden mit ein wenig Pflege wie von selbst reifen und im besten Fall so blühen, dass die Pracht allenfalls noch etwas gestutzt werden müsste. Ganz so simpel ist es natürlich nicht. Selbst nicht für ein so eingespieltes Team wie TV On The Radio, die in ihrer Bandgeschichte mit ihrem neuen Album „Seeds“ bereits ihr insgesamt sechstes Studioalbum vorlegen. Nach einer rund dreijährigen Abwesenheit von der musikalischen Bildfläche beantwortet die Band auf direktestem Wege die ständige Nachfrage, ob es nach dem Tod ihres verstorbenen Bassisten Gerard Smith im Jahre 2011 ein weiteres Album geben würde. Tut es. Und was für eins. Anlässlich dazu trafen wir Sänger und Gitarrist David Kyp Joel Malone am Halloween-Abend im Casual-Look statt Kostüm. Kurz vorher noch ausgestreckt auf dem Hotel-Boden liegend, sitzt uns schon wenig später ein sichtlich lockeres, freundlich dreinblickendes Viertel des New Yorker Quartetts gegenüber. Ebenso unmaskiert wie seine äussere Erscheinung gestaltet sich auch sein Wesen im anschließenden Gespräch über Innovationsprozesse, Happy-Idiot-Momente oder aber auch die vielen Versionen der Realität.

MusikBlog: Mit eurem neuen Album „Seeds“ habt ihr erneut die hauseigene TV On The Radio Trickkiste geplündert, wie es scheint. Wie tief habt ihr die Nasen dieses Mal hineingesteckt?

David Kyp Joel Malone: Wir haben auf der neuen Platte ein paar neue Sachen ausprobiert und viele Songs dafür geschrieben. Ich würde also sagen, dass wir unsere Nasen ziemlich tief hineingesteckt haben. Am Ende müssen es so um die fünfzig Songs gewesen sein, die innerhalb der Album-Sessions entstanden sind. Davon waren natürlich nicht alle formvollendet, aber wir waren irgendwann mit dieser Ansammlung an Songs soweit, dass wir ungefähr wussten, wohin das neue Album uns bringen würde. Danach haben wir dann sogar noch ein paar mehr Tracks geschrieben. All das ist uns aber nur möglich, weil wir zwischen den jeweiligen Alben immer genügend Zeit vergeht, so dass überhaupt wieder etwas Neues entstehen kann. Es gibt daher eigentlich immer genug vorhandenes Material, das jeder von uns beisteuert.

MusikBlog: Euer Sound wird gerne mit dem Begriff „innovativ“ beschrieben. Was bedeutet dieses Wort für dich in einem Zeitalter, wo der Musik keine Grenzen gesetzt sind? Und wie bewahrt ihr euch diesen Status als zeitgenössische, innovative Band?

David: Ich kann nur von mir behaupten, dass ich mich nicht unter Druck gesetzt fühle, immer etwas Neuem hinterher jagen zu müssen. Vielmehr habe ich mich immer wieder in Situationen wiedergefunden, in denen meine Lebensumstände zu diesem Klangbild beigetragen haben. In dieser Hinsicht waren einerseits die Orte, an denen ich gelebt habe, wichtig für mich und andererseits die Menschen, denen ich dort begegnet bin. Das alles ist immer inspirierend gewesen. Heute habe ich allerdings das Gefühl, weniger von dem musikalischen Geschehen um mich herum mitzubekommen. Es gibt da nach wie vor dieses kleine Fenster, durch das ich auf Neues schauen kann, aber ich bin nicht übermäßig fokussiert darauf. Niemand in der Band befasst sich explizit mit neuen musikalischen Strömungen und schöpft daraus den Drang, innovativ zu sein. Wenn es also wahr ist, dass wir kreativ so sehr vorwärts streben, dann nur deswegen, weil wir so viel wie möglich an unserer Musik arbeiten. Je mehr wir das tun, umso besser und präzisierter ist das Ergebnis. Was die Menschen womöglich als innovativ betrachten, ist unter Umständen einfach nur der unverfälschte Sound von TV On The Radio.

MusikBlog: Gibt es noch Überraschungsmomente im Studio oder wenn ihr zusammen als Band Songs schreibt?

David: Ja, die gibt es auf jeden Fall nach wie vor. Das Songwriting ist aber auch eine Herausforderung für uns, die immer größer wird, je länger wir zusammen arbeiten und je besser wir unsere jeweiligen musikalischen Persönlichkeiten kennen. Egal, wie sehr diese im Laufe der Zeit wachsen, die Basis bleibt dennoch gleich. Das Spannende dabei ist, sich dieser Herausforderung dennoch jedes Mal wieder aufs Neue zu stellen. Wir können zum Glück auf unser gegenseitiges Vertrauen bauen. Alles andere würde nur zu einer gescheiterten Beziehung untereinander führen. Aber es gibt definitiv Momente, in denen dieser Glaube aneinander auch einmal in Frage gestellt wird, aber am Ende des Tages muss man sich das Vertrauen zueinander wieder vor Augen halten.

MusikBlog: Ihr habt als Band in den letzten Jahren eine Menge durchgemacht. In welcher Gemütsverfassung befandet ihr euch als die Arbeit an „Seeds“ begann?

David: Ich war in allererster Linie sehr enthusiastisch, als wir loslegten und klar war, dass wir wieder zusammen etwas machen würden. Du wurdest wahrscheinlich im Vorfeld dazu angehalten, mich nicht auf eine bestimmte Sache anzusprechen, die in vielen Gesprächen, die ich bisher geführt habe so etwas wie der Elefant im Raum war (Anm. d. Red. Anspielung auf den Tod ihres Bassisten Gerard Smith im Jahre 2011). Daher weiss ich es sehr zu schätzen, dass du mich so indirekt danach fragst. Nachdem Gerard gestorben war, sind wir sofort auf Tour gegangen und haben das letzte Album promotet. Wir wussten wohl alle nicht anders mit der Situation umzugehen, als zusammen mit den Menschen unterwegs zu sein, die Gerard sehr gut kannten. Zumindest am Anfang erschien uns das allen als die beste Möglichkeit, um diesen schweren Verlust überhaupt zu begreifen und ansatzweise zu verarbeiten. Ich weiss nicht, ob es letztendlich klug war, auf diese Weise damit umzugehen, aber wir haben es einfach getan.

Es war keine einfache Situation für uns, aber das wäre in vielerlei Hinsicht auch auf anderem Wege nicht anders gewesen. Dennoch brauchten wir nach dieser Tour noch einmal eine richtige Pause für uns. Es muss ungefähr ein Jahr gewesen sein, in dem wir alles ruhen ließen. Ich wurde in den letzten Wochen während unserer Promo-Tour oft von Journalisten gefragt, ob wir uns jemals gefragt haben, wie und ob es mit der Band weitergehen würde. Natürlich weiss man nie genau, was die Zukunft bringt, aber bezüglich der Band haben wir uns nie die Frage nach dem Aufhören gestellt. Eine Familie ist und bleibt schließlich eine Familie. Geliebte Menschen wie deine Großeltern oder Eltern mögen dich vielleicht verlassen, aber man bleibt trotzdem eine Familie, verstehst du? Eine Familie stellt sich nicht die Frage, ob sie nach einem Verlust in dieser Form weitermachen wird und so war es auch bei uns. Unsere musikalische Verbindung zueinander ist wie eine Art Familie für uns. Es war daher an der Zeit, sich gemeinsam fortzubewegen.

MusikBlog: Habt ihr in dieser von dir angesprochenen Pause voneinander bewusst den Raum weit aufgemacht, um mit der Gesamtsituation als Individuen umzugehen?

David: Ja, vermutlich haben wir das, obwohl ich nicht genau weiss, was jeder von uns im Einzelnen in dieser Zeit gemacht hat. Ich kann nur für mich sagen, dass ich bis heute nicht ganz sicher weiss, wie ich damit umzugehen habe. „Die fünf Phasen des Sterbens“ nach Elisabeth Kübler-Ross (amerik. Psychiaterin) sind mir zwar bekannt, aber das heisst noch lange nicht, dass man deswegen damit an sich arbeiten kann. Wir haben unser ganzes Leben lang Zeit, uns an all diejenigen Menschen zu erinnern, die uns auf diesem Weg verlassen und ebenfalls so viel Zeit, uns auf den Tod als unausweichliches Ereignis vorzubereiten. Und doch brechen uns Ereignisse wie dieses jedes Mal das Herz und treffen uns tief. Ich kenne niemanden, dem das nicht so ergeht.

MusikBlog: Den Albumtitel einmal bildlich genommen – als ihr gemeinschaftlich die Samen für die neuen Songs gesät habt, wie kann man sich eure eigene Erwartungshaltung vorstellen, mit der ihr die Songideen bis zur Blüte begleitet habt? Gab es für das Ergebnis konkrete Hoffnungen oder habt ihr euch von der „Ernte“ überraschen lassen?

David: Ich hatte keine konkrete musikalische Hoffnung für das neue Album, sondern vielmehr den Wunsch, dass die Songs jemand Fremdem Freude bereiten oder auch Trost spenden würden. Andere Künstler haben die Gabe, mit ihrer Musik eben solche Gefühle in mir zu wecken, da wäre es schön zu wissen, dass unsere neuen Songs auch dazu in der Lage sind. Genau aus diesem Grund habe ich überhaupt erst angefangen, Musik zu machen. Es gibt kaum ein schöneres Gefühl. Ich bin mit so viel Musik aufgewachsen, die mich in dieser Form bewegt hat. Ich denke da zum Beispiel an die alten Motown Sachen. Mir gefällt die Vorstellung, dass Künstler etwas schaffen, das auch noch Jahrzehnte später von Menschen geschätzt und als ähnlich berührend empfunden wird. Das genau macht einen Großteil von dem aus, was Musik für mich persönlich darstellt. Daher geht meine Hoffnung hinsichtlich unserer Musik in genau diese Richtung.

MusikBlog: Als Gärtner mag man noch so viel Saatgut in den Boden streuen, am Ende kann man doch nie genau sagen, ob am Ende etwas Brauchbares herauskommen wird. Warum ist „Seeds“ für dich, aller kleineren oder größeren Erfolgschancen zum Trotz, ein ganz persönlicher Triumph?

David: Es ist interessant, wie sich deine Frage vom Albumtitel ausgehend zu etwas entwickelt, dass das Wort „Seeds“ so sehr umschließt und mit den Songs im eigentlichen Sinne assoziiert. Du gibst etwas einen Namen und plötzlich entstehen da all diese Verbindungen im Kopf. Wir selbst haben bei der Arbeit nicht bewusst so auf den Begriff „Seeds“ reagiert. Aber um auf deine Frage zurückzukommen, es ist schon allein deswegen ein Erfolg für mich, weil uns niemand dazu gezwungen hat, wieder ins Studio zu gehen. Wir haben dieses Album gemacht, weil wir es machen wollten. Die meiste Zeit über als wir daran gearbeitet haben, hatten wir nicht einmal ein Label.

MusikBlog: Würdest du das als im Nachhinein als optimale Ausgangslage bezeichnen?

David: Ja, es war befreiend, auf diese Weise an etwas Neuem zu arbeiten. Für mich ist es die perfekte Basis, um kreativ tätig zu sein. Du fängst an zu arbeiten, bringst es noch frisch zu den zuständigen Leuten und dann kannst du weitersehen. Sie wissen sofort, was sie bekommen und du kannst dir sicher sein, dass sie auch wirklich dahinter stehen, wenn sie das Produkt haben wollen. Normalerweise hat man diese Möglichkeit eines Neuanfangs nicht sehr oft. Die meisten können das von ihrem Debüt sagen und das war’s dann auch schon. Daher war es besonders schön, sich mit „Seeds“ wieder in diesem Rahmen zu bewegen.

MusikBlog: Hat der Weggang von Interscope zur Harvest Records einfach sein sollen?

David: Ja, das war vermutlich Schicksal (lacht).

MusikBlog: Sowohl Album als auch Record Label passen dem Namen nach darüber hinaus einfach auch zu gut zusammen – mit „Seeds“ streut ihr neue Songs unter die Menschen, die dann mit Hilfe eures Labels „geerntet“ werden.

David: Das stimmt! Ich muss zugeben, dass das wirklich sehr gut zusammenpasst, obwohl das keinesfalls eine bewusste Entscheidung war, beide Namen inhaltlich so aufeinander abzustimmen. Viel bewusster war dagegen unser Entschluss, unserem Label etwas unerhört Gutes zu präsentieren. Ich glaube, das haben wir auch mit dem Album und dem dazu begleitenden Film geschafft. Das lag vor allem daran, dass wir ein unglaublich tolles Team um uns herum hatten, das großartige Arbeit geleistet hat. Und das, obwohl wir als Band sicherlich nicht die höchste Priorität bei Interscope waren, da sie einfach viel kommerziell erfolgreichere Künstler unter Vertrag haben. Das ist nun einmal Tatsache. Ich werde als Musiker, abgesehen davon, dennoch immer weiter Musik machen und brauche diesen Status nicht.

MusikBlog: Was sind für dich Dinge, die ein Label deiner Meinung nach mitbringen muss, damit du mit ihm zusammenarbeiten kannst?

David: Du hältst als Künstler generell Ausschau nach einem Label, das dir das höchste Maß an Ehrlichkeit und Begeisterung entgegenbringt. Darüber hinaus ist es wichtig zu wissen, was sie für dich als Musiker und deine Kunst leisten können. Es fällt mir schwer, über solche Sachen zu sprechen, ohne dabei einen komischen Beigeschmack im Mund zu bekommen, denn ich war mit all meinen Projekten und Bands bisher schon bei so vielen Plattenfirmen und kann ein Lied davon singen. Allerdings war ich noch nie irgendwo unter Vertrag, wo es kein Team aus leidenschaftlichen Musikfans gab, das alles zum Laufen gebracht hat. Es ist im Ganzen immer ein sehr heikles Thema. Zumal sich im Studio alles wie eine spirituelle Erfahrung anfühlt und danach alles schnell diesen kommerziellen Charakter annimmt. Das ist natürlich nicht nur die Schuld der Industrie und ich will mir nicht anmaßen, mit dem Finger auf Menschen zu zeigen, denn ich bin ja aktiv an diesem Prozess beteiligt. Daher fällt es einem manchmal umso schwerer, sich nicht an diesen Aspekten zu reiben.

MusikBlog: Kam euch zwischenzeitlich der Gedanke, dass es auch ohne ein Label funktionieren könnte?

David: Es ist wahrlich kein ungewöhnlicher Schritt, den mittlerweile immer mehr Musiker gehen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass es für eine Band wie uns ein völlig unmöglicher Schritt gewesen wäre, aber dennoch meine Bedenken, dass all die verschiedenen Aufgabenbereiche , die damit einhergehen, auf Leute abgewälzt worden wären, die schon damit beschäftigt sind, uns in anderer Hinsicht den Rücken freizuhalten. Ich denke da besonders an Jaleel (Schlagzeug), der uns schon wirklich oft den Hintern gerettet und vor Schlimmeren bewahrt hat. Wir sind schon so oft in Schwierigkeiten geraten, was bestimmte Entscheidungen anging. Ausserdem sehe ich mich nicht gerade als Business-Typ und ich kann deswegen auch nicht die Aufgaben übernehmen, die für diese Art des Musikerdaseins gefordert werden.

Ich möchte einfach jemanden an meiner Seite wissen, der weiss, was er da tut. Wenn diese Aufgaben nicht so viel Zeit in Anspruch nehmen und uns vielleicht nur am Wochenende oder ein paar Wochen auf Tour begleiten würden, dann könnte ich es mir durchaus vorstellen, dass wir das als Band gemeinsam auf die Reihe bekommen. Ich kenne ein paar Leute, die das wunderbar auf eigene Faust und dabei einen tollen Job machen. Es kommt eben nur darauf an, wie viel Geschick du dafür mitbringst. Wenn du noch relativ klein bist, was deine Fanbase angeht, oder diese im Gegensatz dazu riesig ist, dann ist es unter Umständen einfacher diesen Schritt zu wagen. Bist du dem Erfolg nach jedoch eher in der Mitte davon angesiedelt, wird es schwierig. Gerade, weil es in diesem Bereich so viele Bands gibt, die neben dir existieren. Der Wettbewerb auf diesem Niveau ist einfach sehr groß. Es ist genau der Punkt, an dem das Gerüst der Musikindustrie eine Band zu Fall bringen kann.

MusikBlog: Hat ein „Happy Idiot“ eurem Song nach im Leben alles richtig oder falsch gemacht?

David: Ich kenne den Typen nicht so gut, muss ich gestehen (lacht)!

MusikBlog: Gab es Situationen in deinem Leben, in denen du dich selbst schon einmal als „Happy Idiot“ gefühlt hast?

David: Ich habe mich noch nie in meinem Leben als „Happy Idiot“ bezeichnet. Soviel steht fest. Es kommt aber schon vor, dass ich mich der Selbstevaluation hingebe und dabei zum „Sad Idiot“ werde! (lacht) Ich schätze, wenn man verliebt ist, kann man irgendwann an den Punkt kommen, an dem man sich wie ein „Happy Idiot“ fühlt, aber hoffentlich ist dieser Zustand nicht ernsthaft idiotisch. Ich weiss sogar sehr genau, dass er das eigentlich nicht ist. Es ist schon beängstigend, wie verletzlich man sich fühlen kann, besonders wenn man weiss, wie die Dinge im Leben manchmal laufen und vor allem ausgehen.

MusikBlog: Vielleicht ist es gerade diese Tatsache, die viele Menschen letztendlich dazu bewegt, sich viel zu lange vorzumachen, dass sie in einem Glückszustand verharren würden, obwohl die Realität längst andere Formen angenommen hat.

David: Damit hast du ganz sicher Recht. Weisst du, was mich immer verwundert? Dass so viele Menschen einem bestimmten Ideal nachhängen. Es ist wie mit einem Museum, das man betritt. Irgendjemand bestimmt, was dort hineingehört, man wächst mit speziellen Vorstellungen auf, bastelt sich eine eigene kleine Welt zusammen, die dann irgendwann einmal ins Wanken gerät, weil man als Erwachsener erkennt, dass die Realität doch viel komplizierter ist, als man es angenommen hatte. Ich wollte als Kind immer in einem Museum arbeiten. Das war mein größter Wunsch. Bis ich erkannt habe, dass es bisweilen grotesk ist, wie sehr die Inhalte und die damit verbundene Politik in solchen Institutionen bewusst geformt werden.

MusikBlog: Wie sähe denn deine Vorstellung aus, was die Vermittlung solcher Inhalte angeht?

David: Ich würde mir wünschen, dass es Prinzipien gäbe, die einem erlauben, die verschiedenen Facetten und Versionen der Realität in sich aufzunehmen. Besonders, was die Verbreitung von Kunst angeht. Die Musik innerhalb der Kirche ist so ein Fall. Wie toll ist es, wenn eine Gruppe von Menschen in einer Kirche zusammen singt, aber oftmals geschieht dies nicht, ohne den religiösen Aspekt unbeachtet zu lassen. Musik ist so eine kraftvolle Kunstform, die sowohl in solchen Gemeinschaften als auch als Unterhaltungsform eine unglaubliche Wirkung erzielen kann. Es geht einfach darum, dass man der Musik und dem Individuum den nötigen Raum zugesteht, sie nicht nur als eine Form wahrzunehmen.

MusikBlog: Übt die Musik noch eine ebenso starke Anziehungskraft und Faszination auf dich aus, wie zum Beispiel in deiner Kindheit?

David:  Manchmal tut sie das ganz gewiss. Es war als Kind sicherlich einfacher, sich von einem Song hinreissen zu lassen als das jetzt der Fall ist, aber ich habe dieses Gefühl noch immer, wenn ich selbst an Musik arbeite oder auf der Bühne stehe. Okay, ich flippe nicht mehr regelrecht aus wie damals, aber ich bin schon noch begeisterungsfähig. Es fällt mir nur schwerer, die nötige Zeit zu finden, um mich wirklich auf ein Stück zu konzentrieren und es fokussiert in mir aufzunehmen. Darum habe ich letztes Jahr meine Musikanlage zu Hause aufgerüstet, um wieder verstärkt aufmerksamer Musik zu hören. Das gilt vor allem für Vinyl. Es gab eine Zeit, in der ich Musik wirklich nur über mein Telefon konsumiert habe.

MusikBlog: Allein aus praktischen Gründen?

David: Ja, genau. Wenn man ständig auf Tour ist, macht es einfach Sinn, sich ein mobiles Gerät mit Musik vollzuladen. Das klingt jetzt vielleicht wie ein Klischee, das alte Männer gerne aufgreifen, aber es ist wirklich eine ganz andere Erfahrung, Musik in Form von Vinyl zu genießen. Das Hörerlebnis ist viel aktiver geprägt, schon allein, weil man die Platten umdrehen muss. Egal, ob man nüchtern oder stoned ist, die Erfahrung ist eine andere. Ich merke das bei mir, wenn ich in meiner Küche sitze und mir ein paar Platten anhöre. Ich höre jetzt wieder viel bewusster Musik als vorher. Das ist ein großartiges Gefühl, sich der Musik einen Moment lang voll und ganz hinzugeben. Dann wiederum bin ich viel zu selten zu Hause, um dieser Tätigkeit nachzugehen. Ich habe vorhin versucht, inmitten all der Interviews einen freien Kopf zu bekommen. Also schnappte ich mir ein paar Wasserfarben und ließ im Hintergrund ein paar alte Rap-Videos im Fernsehen laufen während ich malte. Es war schön, sich trotz der Musik ganz ungezwungen etwas anderem zu widmen.

MusikBlog: Wie konkret nimmst du in diesem Bewusstseinszustand die Musik in dir auf?

David: In solchen Momenten kann ich die Musik gut in mir aufnehmen, ohne dass ich sie zum Beispiel anfange zu analysieren. Erst recht, wenn mir die Musik auf Anhieb gefällt. Sobald ich aber ein wenig tiefer in ein Stück eintauche, und sei es, weil ich es einfach nur länger höre, dann fange ich schon an, intensiver darüber nachzudenken. Wenn ich etwas gar nicht mag, analysiere ich es dagegen sofort. Es ist immerhin eine Möglichkeit, herauszufinden, was andere Musiker so treiben und wie sie es anstellen. Unter Umständen komme ich auch dahinter, warum sie manche Dinge bewusst so gewählt haben. Es interessiert mich schon, die Beweggründe dahinter zu verstehen.

MusikBlog: Ich bekomme schon wilde Handzeichen, die signalisieren, dass wir zum Ende kommen müssen. Im Grunde genommen, haben wir die Zeit schon längst überschritten.

David: Ich rede aber gerne mit dir. Wir hören noch nicht auf. Frag mich noch etwas. Oder noch besser, ich frage dich etwas. Verkleidest du dich an Halloween? Das ist so ein Riesending, wo ich herkomme. Jeder macht mit.

MusikBlog: Um ehrlich zu sein, geht Halloween ziemlich an mir vorbei. An dir offenbar zumindest dieses Jahr auch, denn sonst hättest du dich doch anlässlich des heutigen Promotages auch ein wenig in Schale werfen können.

David: Haha, das habe ich mir verkniffen, aber wir haben mit TV On The Radio vor ein paar Jahren einmal eine Show an Halloween gespielt, bei der wir uns alle kostümiert haben.

MusikBlog: In welcher Stadt habt ihr euch diesen Spaß erlaubt? Und als was warst du verkleidet?

David: Das war in St. Louis…Ich war sexy Santa! Das lag schon allein aufgrund meines Bartes klar auf der Hand (lacht).

MusikBlog: Das war natürlich deine Idee, nehme ich an?

David: Richtig! Das hat so viel Spaß gemacht. Besonders, weil es zu einem Zeitpunkt geschah, dessen Kontext überhaupt nicht lustig war. Das war aber vermutlich eine einmalige Sache.

MusikBlog: Ich glaube, wenn wir noch eine Sekunde länger reden, werde ich eigenhändig aus dem Zimmer geworfen.

David: Das wagen sie nicht. Aber wenn wir schon zum Ende kommen müssen, dann lass dir gesagt sein, dass es mich wirklich sehr gefreut hat, mit dir zu reden. Das machen wir mal wieder.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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