Kleines Orchester auf der Spitze der Titanic- Katzenjammer im Interview

Schrill, bunt, laut, vielfältig, exotisch: Willkommen in Katzenjammers schillernder Seifenblasenwelt. Die vier Norwegerinnen geben sich seit jeher erfolgreich Mühe, ihre exzentrische Musik voller Hummeln auf Albumlänge einzufangen. Ob es nun die treibenden Melodien, herzigen Lyrics oder wilden Performances sind: Die taffen Multiinstrumentalistinnen stecken einen Haufen Energie in ihre Musik – so geschehen auf ihren bisherigen Platten-Prachtexemplaren “Le Pop” und “A Bar In Amsterdam”. Doch mit “Rockland” kommt ein recht dezenter Name für das Album Numero 3 daher. Nicht nur der Titel des Drittlings fällt weitaus vernünftiger, bodenständiger und gediegener aus – auch die Songs werden zunehmends nackiger. Solveig erklärt uns, warum – und wo die moralischen Grenzen von Kunst, oder aber der Nutzen sich von Politik fein fernhaltender Lyrics liegen.

MusikBlog: Ich erinnere mich noch unheimlich gern an euren ersten Auftritt auf deutschem Lande, beim zauberhaften Fusion Festival. Die Veranstaltung vereint auf wunderbare Weise Kunst, Performances und Musik unter einem klangvollen Namen. Besitzt eine solche Fusion auch in eurer Musik einen maßgeblichen Stellenwert?

Solveig: Oh ja! Ich persönlich habe mich schon mein Leben lang der Kunst verschrieben und wollte definitiv in diesem Bereich arbeiten. Tatsächlich war es niemals mein Plan, eines Tages mit einer Band auf der Bühne zu stehen. Doch in unserem Fall gehen Kunst und Musik Hand in Hand, etwa im Rahmen einer CD, des Artworks oder Merchandises. Außerdem ist es meiner Meinung nach wirklich wichtig, dass Musik die Kunst inspiriert, wie sie auch von ihr inspiriert wird – etwa von und durch Filme und Co. Schließlich ist Musik nicht von all den anderen Sparten abzugrenzen, sondern als eine große bunte Welt zu sehen.

MusikBlog: Gibt es denn eurer Meinung nach auch Regeln und Grenzen, derer sich eben diese Welt annehmen sollte? In jüngster Zeit haben wir erlebt, welche Vorfälle sich in Frankreich etwa in Folge des scheinbaren Diffamierens anderer Religionen in weitest gefasster Kunstform ereignet haben.

Solveig: Nun ja, ich denke, dass Kunst – als eine Reflektion dessen, was Leute aus ihrem Empfinden heraus artikulieren – ganz klar frei sein sollte. Sie müssen sich ohne Einschränkungen frei äußern und ausdrücken können, dabei aber natürlich immer einen gewissen Respekt vor anderen Kulturen und anderen Sichtweisen haben. Kunst darf aber kein Mittel der Respektlosigkeit sein!

MusikBlog: Solcherlei Sichtweisen oder Statements gebt ihr auf keinem eurer drei Alben bisher ab. Aus der Politik scheint ihr euch herauszuhalten. Wollt ihr mit eurem fröhlichen Sound von der Misere lieber ablenken, die Welt eher mit guter Laune verbessern?

Solveig: Ich sehe Katzenjammer als kleines Orchester auf der Spitze der Titanic. Wenn die Welt um uns herum in Angst und Dunkelheit zu versinken droht, dann ist Katzenjammer eben die Band, welche für all die verängstigten Leute spielt. Wir wollen den Menschen Freude bringen, ganz einfach Fröhlichkeit. Gerade jetzt, bei all den Dingen, die in der Welt passieren, halten wir uns politisch neutral und versuchen, eine andere Facette hineinzubringen.

MusikBlog: Eine andere Facette, die habt ihr zum einen schon in die Welt gebracht: An einer Universität für populäre Musik wurde im Zuge der Entwicklung von Girlbands ein Vortrag gehalten, der bei euch als selbstbestimmtes Frauenkollektiv endete. Ihr, Emanzipation und ein universitärer Kontext – was hält man davon?

Solveig: Um Gottes Willen, natürlich ist das extrem schmeichelnd! Als wir mit dem ganzen Bandsein angefangen haben, hegten wir keinerlei Erwartungen und Vorstellungen davon, was aus uns werden würde. Allein die Rückmeldungen unserer Fans kamen uns unfassbar überschwänglich vor. Das ist unheimlich schmeichelnd – und alles andere als vollkommen selbstverständlich. Natürlich habe ich hier und da auch schon etwas über das Emanzipationsimage nachgedacht. Es ist großartig, wenn Leute davon ausgehen, dass wir als Figuren für die Emanzipation fungieren können – denn bei der Ausübung von Kunst ist gerade die Freiheit für uns extrem wichtig. Da zählt nicht zuletzt auch eine Gleichberechtigung herein, ob nun der Geschlechter, Religionen oder sonst etwas.

MusikBlog: Gewisse Freiheiten sind euren bisherigen Alben tatsächlich anzuhören. „Le Pop“ klang nach einem verrückten Potpourri der Ausgelassenheit, „A Kiss Before You Go“ verschrieb sich eher einem maritimen Schunkelstil – doch was stellt „Rockland“ nun für euch dar?

Solveig: Auf „Rockland“ ging es uns wirklich um die Essenz der Songs. Wir haben ordentlich ausgemistet und die Instrumentation etwas nackiger ausfallen lassen, um diese einfach besser herauszustellen. Wir haben also wirklich alles geradeheraus gespielt und die Toppings beiseitegelassen, um uns auf die Songs und Lyrics zu fokussieren.

Musikblog: Aber keine „Toppings“ – führt das nicht zu einem Verlust der Verspieltheit?

Solveig: Nicht unbedingt – es kam ganz einfach die Zeit, dass die Mädels und ich uns sicher genug gefühlt haben, ohne diese auszukommen. Ganz ursprünglich klang Katzenjammer eben mal so, alles andere kam nach und nach dazu – doch wir möchten uns mit „Rockland“ noch einmal auf unsere Wurzeln zurückbesinnen, als eine Art Wieder-nach-Hause-kommen.

MusikBlog: Eure Wurzeln liegen ja vor allem in der Liveperformance. Und das hört man dem Album an: Selbst eure Stimmen klingen, als hättet ihr im Studio während der Aufnahmen wild getanzt.

Solveig: Ganz genau, das stimmt! Ich habe versucht, beim Singen möglichst viel rumzuhampeln. Es gibt einfach Songs, zu denen man tanzen und glücklich sein muss. Um das zu intensivieren, haben wir das Album alle zusammen live aufgenommen. Das war eines unserer Ansprüche an uns selbst: So natürlich wie möglich eine CD zu erstellen, die ganz nah an unseren Liveperformances funktioniert.

MusikBlog: Und wenn das Aufnehmen mitsamt Tanznebeneffekt beendet ist: Wie neugierig seid ihr auf die Meinungen eurer Fans und auch jene der KritikerInnen?

Solveig: Ich persönlich bin unheimlich gespannt auf die Meinungen unserer Fans, denn eben die sind unsere wichtigsten KritikerInnen. Gerade nun, da das Album ein wenig abgespeckter ist, ist es auch nahbarer und persönlicher. Ich habe mich noch nie allzu sehr um die Kritiker gekümmert, auch keine Kritiken gelesen, aber dennoch geht es immerhin um mein eigenes Produkt – umso mehr bin ich natürlich trotz alledem gespannt, inwieweit es allgemein von den Medien angenommen wird.

MusikBlog: Eure erste Single, „Lady Grey“, hat so einige Schnittstellen mit bereits Althergebrachtem. Ihr nutzt nun beispielsweise die typischen vier Akkorde, die auch schon Youtube-Videos füllen und beispielsweise an Milows „You And Me (In My Pocket)“ erinnern. Auch der Refrain zeigt einmal mehr auf, was “The Moffats” so in den 90ern gemacht haben. Eine Feststellung, mit der man leben kann?

Solveig: Aber ja, das stört mich gar nicht. Denn natürlich werden gerade im Radio eben jene Lieder gespielt, die auch sehr eingängig sind. Wir haben jedoch ein unfassbar vielfältiges Album, welches nicht nur durch den einen Song repräsentiert wird. „Lady Grey“ ist eben ein catchy Song.

MusikBlog: Und er basiert auf einer sehr liebreizenden Geschichte. Wenn „Rockland“ verfilmt werden würde – wovon würde dieser Film handeln?

Solveig: Ein Film könnte etwa die „Katzenjammer“-Welt von innen zeigen, die liebliche Seifenblasenwelt, innerhalb derer wir mit unseren Fans kommunizieren – und das von allen Seiten: Wie wir es managen, auch durch schwerere Zeiten zu gehen und dass es nicht einmal halb so glamourös ist, den Rock’n’Roll zu leben, wie es den Anschein hat. Es ist viel Arbeit – nicht nur das reine Musikleben betreffend, sondern auch das soziale. Man muss mühsam viele Bindungen aufrechterhalten und doch immer mit einem Fuß schon wieder in der Tür stehen. Manchmal kann es wirklich verrückt sein, in einer Band zu spielen. Es ist verdammt nötig, sich immer wieder miteinander hinzusetzen und zu schauen, zu wem man geworden und wer man wirklich ist.

MusikBlog: Harte Arbeit hattet ihr auch bei der Songauswahl zu eurem Album – 83 Songs standen in den Startlöchern. Wie verwurstet ihr jene Ideen, die es nicht auf das Album geschafft haben?

Solveig: Natürlich mussten wir schauen, welche Songs am besten zusammenpassen und ein Album bilden, statt einfach nur ein paar aneinander geklatschte Songs pressen zu lassen. Aber die anderen Ideen werden nicht irgendwo hinter Schloss und Riegel gehalten oder gar nie wieder hervorgekramt. Sie werden sicherlich in das ein oder andere Projekt einfließen, weiterentwickelt, vielleicht sogar auf einem neuen Album Platz finden, wer weiß.

MusikBlog: Schlussendlich, da ihr alle ja Multiinstrumentalisten seid: Was wäre das Instrument, welches Du Deinem potentiellen Zukunftskind als erstes in die Hand drücken würdest, aus eurer bisherigen Erfahrung gesprochen?

Solveig: Ich wollte schon immer ein Saiteninstrument spielen, etwa Geige oder Cello. Das wäre also eine tolle Wahl, für die Du allerdings unfassbar üben musst. Wir spielen halt viele Instrumente, diese aber auf unsere ganz eigene Art und Weise: Wir studieren sie nicht und achten auch nicht diktatorisch auf gewisse Techniken – wir spielen, wie es passt.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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