Tanya Tagaq – Animism

Das Album beginnt mit einer Coverversion des Pixies-Songs „Caribou“, doch sehr viel weiter reichen Tanya Tagaqs Zugeständnisse an den Indiepop nicht. Tagaq ist kanadische Inuk und hat den traditionellen Kehlkopfgesang der Inuit für ihre Kunst perfektioniert – und stellt schier unglaubliche Dinge mit ihrer Stimme an. Sie gurrt, raunt, brummt, heult, seufzt und gibt Gutturallaute von sich; die Stücke tragen zum Teil zwar vordergründig unauffällige Titel wie “Rabbit”, “Howl” oder “Flight”, aber man sollte nicht darauf bauen, “verständliche” Lyrics präsentiert zu bekommen.

Tagaq setzt ihre Stimme als Instrument ein: Als leadingvocal, aber auch verfremdet und als ihre eigene Backgroundsängerin. Manchmal ist man sich nicht sicher: Sind es Wölfe, andere Tiere oder Taqaq selbst, was in “Damp Animal Spirits” zu hören ist? Verschiedene Lebewesen oder nur eines? Überhaupt Lebewesen? Ein Blick auf die Label-Info verrät immerhin, dass Perkussionist Jean Martin, Programmierer Michael Red (Low Indigo) und Opernsängerin Anna PardoCanedo an den Aufnahmen beteiligt waren.

Produziert wurde “Animism” von Jesse Zubot, dem kanadischen Geigen-Wizard, der durch Kollaborationen mit u.a. Dan Mangan oder Stars-Sängerin Amy Millan und nicht zuletzt seine eigene Band Great Uncles Of The Revolution bekannt ist – okay, es gibt also doch Verbindungen zur popkulturellen Welt. Darüber hinaus ist Tanya Tagaq beileibe keine Pop-Novizin: Frühere Alben wurden für die renommierten Juno-Awards nominiert, sie begleitete bereits das Kronos Quartet und Björk als Gastkünstlerin (“Gastsängerin” wäre ein zu enger Begriff) auf deren Tourneen.

Dennoch ist Tagaq keine Popkünstlerin im üblichen Sinn, dafür ist ihre Musik – selbst verglichen mit Björk, deren aktuelles Album “Vulnicura” auch wieder alle Kategorisierungsbedürfnisse ad absurdum führt – zu ungewöhnlich, ungewohnt. Sie verbindet elektronifizierte Industrial-Sounds mit den bereits erwähnten Tier(?)-Lauten und Kehlkopfgesang, was absolut artifiziell und doch organisch wirkt. Die digitale und die “natürliche” Welt gehen auf “Animism” faszinierende Verbindungen von unmittelbarer Intensität ein, wobei Tanya Tagaq keine Sekunde ins Esoterische abdriftet.

Auch wenn es kaum Textstellen gibt, an denen man sich thematisch entlanghangeln könnte, ist Tagaqs Ansinnen stets klar: Der Mensch hat die Verbindung zur Umwelt verloren und täte gut daran, die belebte und unbelebte Natur wertzuschätzen. “Animism” sei ihr bislang politischstes Werk, sagt Tagaq – der Schlusstrack “Fracking” mit seinen unheimlichen Zischgeräuschen und angsterfülltem Gehechel belegt das sehr eindrucksvoll.

Tanya Tagaq macht Musik, wie man sie zuvor noch nie gehört hat – mit “Animism” begibt man sich auf unbekanntes Terrain, doch mit Tagaq als Schamanin geht man gestärkt aus dem Abenteuer hervor.

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