Neben Caribou, Feist, Arcade Fire oder dem diesjährigen Gewinner Kaytranada, zählt auch die sich höchst ungewöhnlich anhörende Kehlkopfsängerin Tanya Tagaq zu den Preisträgern der wichtigsten kanadischen Musikauszeichnung, dem Polaris Music Prize.

Mit ihrem letzten Werk „Animism“ heimste die aus der erst 1999 eigens für ihr Volk geschaffenen und von den gigantischen Northwest Territories abgespaltenen Provinz Nunavut stammende Inuit die renommierte Trophäe ein. Nun steht ihr Nachfolger bereit.

„Retribution“ hat es in sich und ist vor allem thematisch ein schwerer Brocken. Hierzulande eher unthematisiert, bewegt die kanadische Öffentlichkeit seit geraumer Zeit mehr und mehr schockierende Aufdeckungen um zum Teil jahrzehntelange Vergewaltigungspraktiken im romantisierten, vereisten kanadischen Hinterland zwischen den weiten Saskatchewans und der Northwest Territories.

Nicht nur Inuit, aber gerade sie sind von der dort völlig Usus gewordenen Tradition des Trampen abhängig, um mal im einzigen Städtchen weit und breit Besorgungen zu erledigen. Dabei kam und kommt es wohl häufiger zu sexueller Gewalt gegen weibliche Inuit und selbst zu Tötungsdelikten. Wie lange der weiße Polizei- und Justizapparat der dortigen Provinzen diesbezüglich skandalöse Aufklärungsarbeit geleistet hat, kommt erst jetzt ans medienwirksame Licht.

Schonungslos schreit, raunt und haucht Tagaq dieses Thema auf „Retribution“ dem Hörer ins Gesicht. Wer keine Stimme hat, geht nicht zur Polizei, wer nicht Teil der Gesellschaft ist, dem glaubt man nicht, selbst wenn er zur Polizei gegangen ist.

Doch dabei bleibt es nicht. Auch das kanadische Fracking-Problem ist aus Sicht der Inuit längst nicht zufriedenstellend gelöst, ganz zu schweigen von den Folgen der Klimaveränderungen für ihr Volk.

Da das Ganze auch noch in Tagaqs zutiefst ungewöhnlichem Kehlkopfgesang präsentiert wird, gleicht die musikalische Erfahrung auf „Retribution“ eher einem Grusel-, manchmal einem Horrortrip.

So ist das vierte Album der gefeierten kanadischen Inuit mit ihrem außergewöhnlichen Gesangsstil vielmehr ein politisches Pamphlet als ein Stück Popmusik – hart, gruselig bisweilen und definitiv unbefriedet, werden keine Gefangenen gemacht auf der Jagd nach Gerechtigkeit und Rache.

Im ARD-Weltspiegel werden bei all dem harten Tobak, den man dort zu sehen bekommt, zwischendurch auch mal Hoffnung stiftende Beiträge eingestreut. Diese Vorgehensweise vermisst man bei Tanya Tagaqs vierten Album schmerzlich.

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