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Wir spielen gern da, wo es wehtut – Feine Sahne Fischfilet im Interview

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Die Punk-Rock Band Feine Sahne Fischfilet hat es von Mecklenburg-Vorpommern aus längst auf die ganz großen Bühnen der Konzertrepublik gebracht. Auch wegen Jan „Monchi“ Gorkow, dem charimatischen, schwergewichtigen, meinungsstarken Sänger des Sextetts mit Ska-Einschlägen. Im Interview erzählt er, was es mit der vierten Platte in fünf Jahren auf sich hat, warum der Titel „Bleiben oder gehen“ nicht nur eine Frage des Standorts ist und wie wichtig ihm kleine Gigs in ländlichen Jugendclubs sind.

MusikBlog: Monchi, euer neues Album heißt „Bleiben oder gehen“. Wer ist damit gemeint, wer soll bleiben, wer soll gehen?

Monchi: Wir legen mit dem Titel weder fest, wer bleiben oder gehen soll, noch von wo oder wohin. Aber wenn man sich ins Album rein hört, stellt sich diese Frage in nahezu jedem Lied, deshalb bot sich das auch für die ganze Platte an.

MusikBlog: Geht es dabei um den Ort, an dem ihr lebt – Mecklenburg-Vorpommern?

Monchi: Ja, aber auch um persönliche Dinge. Wie hält man sich in einer Beziehung, wie lange kämpft man für eine Sache, was ist, wenn jemand anderes stirbt? „Bleiben oder gehen“ ist ganz sicher kein Konzeptalbum, wo alles von Beginn an ineinander übergehen soll. Der Titel kam da ganz zum Schluss.

MusikBlog: Beschreibt er auch die Frage, ob das Glas halb voll oder halb leer ist?

Monchi: Absolut.

MusikBlog: Und – in eurem Fall?

Monchi: Unterliegt das einer ständigen Ambivalenz. Man könnte uns zum Beispiel für ganz harte Kerle halten, die in so einem Umfeld bleiben. Aber auch wir diskutieren immer wieder mal, zu gehen, entscheiden uns allerdings bislang immer dagegen, weil vor Ort zu bleiben, wo nicht immer alles so rosig ist, auch eine Aussage trifft. Ich wohne sehr gern dort, zehn Minuten von der Ostsee, in der Nähe meiner Familie, auch wenn es sicher schönere Orte auf der Welt gibt. Aber ich stehe auch nicht unter dem gleichen Druck wie andere in meinem Umfeld.

MusikBlog: Zum Beispiel?

Monchi: Das erste Lied handelt von einem Freund, der sich nach seinem Diplom anderthalb Jahre lang überall zwischen Ückermünde und Schwerin beworben, aber nur Absagen gekriegt hat und dann nach Berlin gegangen ist. Auch unser Schlagzeuger hat darüber nachgedacht, aber wir haben uns gemeinsam entschieden, da zu bleiben, wo wir am meisten bewegen können.

MusikBlog: Zumal ihr bewusst an Orte geht, wo ihr nicht willkommen seid.

Monchi: Das stimmt. Ich habe nie viel davon gehalten, sich in den Wohlfühlecken beweihräuchern zu lassen, sondern mochte es schon immer dort am meisten, wo es schwierig ist. Deshalb spielen wir gern da, wo es weh tut. Wo die kulturelle Alternative zur Bushaltestelle die Dorfdisco ist, um etwas zu reißen. Das ist für mich der Begriff von Bleiben. Andererseits gibt es in Mecklenburg-Vorpommern nicht nur rechte Schweine, sondern massenhaft coole Leute.

MusikBlog: Die euch brauchen?

Monchi: Die wir brauchen! Ohne Freunde, die vor Ort zu uns stehen, würden wir vieles von dem, was wir machen wollen, überhaupt nicht hinkriegen.

MusikBlog: Was hält euch sonst noch dort – Heimatverbundenheit?

Monchi: So würde ich das nicht nennen. Heimat ist ein Zufallsprodukt, wo man halt geboren wurde. Für mich ist die Gegend der Ort, an dem ich gern lebe. Ich komme immer dorthin zurück, wo ein Großteil meiner Freunde, meiner Familie ist und nicht zuletzt meiner Musik ist.

MusikBlog: Die habt ihr mal als Werkzeug bezeichnet, nicht als Kunst.

Monchi: Das ist ein paar Jahre her und war schon damals ein Zitat. Heute sehe ich das ein bisschen differenzierter. Feine Sahne Fischfilet wurde nicht gegründet, um irgendetwas Großes zu bewegen. Wir waren Schüler, hingen gemeinsam ab, bis unser Basser gefragt hat, ob ich nicht mal singen möchte und bald darauf haben wir im Jugendclub gespielt. Wer das bei uns macht, hat fast automatisch irgendwann mal Nazis da. Daraus hat sich eine Art Zwang entwickelt, sich dagegen zu positionieren. Wenn du wie ich in einer 3.000-Seelen-Stadt aufwächst, hat man sich genau das ja auch immer von anderen gewünscht. Denn da gab es ja nichts außer der Kieskuhle. Das kulturelle Angebot, das wir jetzt liefern, hätte ich mir damals sehnsüchtig als Zuhörer gewünscht.

MusikBlog: Andererseits ist eure Zielgruppe dem Jugendclub längst entwachsen.

Monchi: Schon, aber gerade in diesem Bewusstsein empfinde ich es umso mehr als Privileg, heute bei Rock am Ring auf der großen Bühne zu spielen und morgen in Grimma im Plattenbaugebiet. So geil es ist, vor 8.000 beim Hurricane zu spielen – vor 350 Leuten im Jugendclub, wo garantiert bald Nazis abhitlern und die Kids einschüchtern, ist auf seine Art genauso geil. Und beides gehört zu unserer Band.

MusikBlog: Die also erst nach und nach zur politischen Band geworden ist?

Monchi: Am Anfang waren wir eher Dorfbauern, die besoffen an der Bushaltestelle Scheiben kaputt kloppten und nebenbei Punk-Rock mit erbärmlichen Texten machten, weil wir die Ärzte gut fanden. Mit 16, 17 ging’s noch nicht politisiert, das kam erst im Laufe der Zeit. Aber nicht aus einer Position der Selbstsicherheit, genau zu wissen, wie der Hase läuft, sondern als Entwicklungsprozess. Wir machen unsere Release-Partys immer in Vorpommern. Nach der letzten kam eine alte Lehrerin zu mir und meinte, sie hätte unseretwegen eine AG gegen rechts gegründet. Das ist ein viel größerer Erfolg als Konzerte vor Tausenden von Leuten. Sowas treibt uns alle an.

MusikBlog: Was euch außerdem anzutreiben scheint, ist Wut, die aus den meisten Songs und Platten brüllt. Stimmt das?

Monchi: Absolut, aber nicht nur auf andere oder die Verhältnisse, sondern auch auf uns selbst. Gerade politisch ist Wut für uns ein wichtiger Motor und manchmal wird daraus echter Hass, wenn man mitbekommt, wie der Verfassungsschutz uns beobachtet und gleichzeitig gezielt Nazistrukturen aufbaut. Die Sache mit der NSU oder die rassistische Politik in den USA – das kann ich nicht nüchtern betrachten.

MusikBlog: Übersetzt sich diese Wut musikalisch auch in den Sound und macht ihn roher?

Monchi: Ich glaube schon, da steckt auch viel Aggressivität drin.

MusikBlog: Könntet ihr denn auch filigraner, wenn es eure Stimmung erlaubte?

Monchi: Anfangs wohl nicht, mittlerweile schon. Wir sind auch gute Musiker in der Band, allein unser Gitarrist spielt ja, seit er Zwölf ist. Auf dem neuen Album sind mehrere Trompetensätze und sogar Flügelhörner – das sind richtige Könner. Aber auch der Sound ist besser geworden. Unser zweites Album haben wir noch im Kinderzimmer aufgenommen, jetzt sind wir in Hamburg ins Studio gegangen, haben drei Monate dran geschliffen und auch mal was verworfen.

MusikBlog: Kann es passieren, dass ihr musikalisch noch mal andere Richtungen nehmt?

Monchi: Schwer zu sagen, weil wir uns nicht festlegen wollen. Schubladendenken ist mir sowieso zuwider. Antifaschistische Zecken – okay. Aber musikalisch halten wir uns alle Türen offen. Zumal niemand von uns nur Punk-Rock hört. Jakobus zum Beispiel…

MusikBlog: Euer Trompeter.

Monchi: Der hört nur klassische Musik, sonst nix.

MusikBlog: Das wär’s doch.

Monchi: (lacht) Oha, nee. Vielleicht wird das nächste Album ja Hip-Hop. Weiß niemand.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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