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Unsere Aufnahme ist ein sehr physisches Erlebnis – Olafur Arnalds And Alice Sara Ott im Interview

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Seit Jahren sind die Grenzen zwischen Pop und Klassik so aufgeweicht, dass es nicht mehr ungewöhnlich ist, wenn beide Genres zusammenfinden. Klassik-Stars interpretieren Popsongs mittlerweile gerne und öffnen sich damit einem breiteren und vor allem jüngeren Publikum. Anders herum sorgt es dann doch eher für Aufsehen, wenn Künstler der populären Musik sich ein klassisches Werk vorknöpfen und damit den Sprung über den eigenen Tellerrand wagen. Mit dem Komponisten Ólafur Arnalds und der Pianistin Alice Sara Ott verschwimmen die Grenzen des Möglichen noch ein wenig mehr. Ihr Album „The Chopin Project“ ist das Ergebnis der Zusammenarbeit zweier Musiker, die auf der Suche nach etwas Neuem waren. Arnalds, der isländische Produzent und Künstler aus dem Indie-Elektro-Bereich und Ott, die deutsch-japanische Pianistin mit Wurzeln in der Klassik. Wir trafen beide vor ihrem Konzert in Berlin, um mit ihnen über die Annäherung an Chopin, standardisierte Aufnahmen und das Menschsein in der Klassik zu sprechen.

MusikBlog: Heute Abend werdet ihr das erste Mal gemeinsam Stücke eures Albums „The Chopin Project“ live spielen. Was sagt euer Bauchgefühl dazu?

Ólafur Arnalds: Das ganze Konzert wird wahrscheinlich voller Fehler sein! (lacht)

Alice Sara Ott: Aber genau das liebe ich ja daran. Dieser Faktor der Unvorhersehbarkeit macht das alles so spannend für uns. Es ist eine Art Weiterführung der Aufnahmen im Studio.

MusikBlog: Wenn nichts mehr hilft, nennt es einfach „Improvisation“.

Ólafur Arnalds: Ganz genau! Es wird auf jeden Fall ein sehr menschliches Konzert werden. Das ist ohnehin charakteristisch für unsere Zusammenarbeit.

MusikBlog: Wie habt ihr euch auf diesen Live-Moment vorbereitet? Gab es viele Proben?

Alice Sara Ott: Leider hatten wir nicht so viel Zeit zum Proben, aber wir werden das hoffentlich auch so hinbekommen. Ausserdem spielen heute Abend auch noch weitere Künstler, da wird es ohnehin ein wenig hektisch und chaotisch zugehen. Das ist immer so, wenn ein Haufen Musiker auf so engem Raum miteinander zu tun hat.

Ólafur Arnalds: Wenn ich das Gefühl hätte, dass wir nicht genug vorbereitet wären, würde ich vermutlich ausflippen, aber ich denke, wir schaffen das, auch wenn wir nicht so viel Zeit zum Proben hatten. Frage mich aber ruhig später noch einmal. (lacht)

MusikBlog: Blieb euch im Vorfeld für die Aufnahmen denn auch so wenig Zeit?

Ólafur Arnalds: Nein, da hatten wir mit Blick auf die tickende Uhr zum Glück etwas mehr Freiraum und konnten in Ruhe alles planen. Diese Zeit brauchte es auch, denn es steckt schon eine Menge Arbeit in allem, da alles Teil eines großen Konzeptes ist. Ausserdem brauchte ich allein schon für die neuen Kompositionen genügend Zeit, um sie mit den Stücken Chopins zu verbinden. Als das geschafft war, mussten die Musiker die Neufassungen erst einmal lernen. Das dauert auch ein wenig und ist ein sehr wichtiger Moment, denn im Studio müssen sie schließlich alles bestmöglich abrufen können. Einige Songs waren ziemlich kompliziert. Ich habe die Musiker ganz schön herausgefordert. Leider musste ich einen für das Album geplanten Song am Ende wieder streichen.

Alice Sara Ott: Oh ich erinnere mich gut daran. Du hast alle damit ganz schön zum Schwitzen gebracht. Es hat mir selbst sehr viel abverlangt, aber trotz allem war es eine schöne Erfahrung, diesen Song zu lernen.

Ólafur Arnalds: Es war wirklich schade, aber nachdem alle Stücke aufgenommen waren, passte der Track nicht mehr so gut zum Rest des Albums. Das passiert manchmal. Theorie und Praxis liegen in der Musik unter Umständen etwas weiter auseinander. Da kann es passieren, dass eine Vision am Ende nicht mehr das hält, was sie einst versprochen hat. Wir haben während der Arbeit an diesem Projekt sehr viel herumexperimentiert. Viele Gedanken wurden umgesetzt, ein paar davon aber auch wieder verworfen.

Alice Sara Ott: Die ganzen Aufnahmen waren ein Prozess, in dem wir einige Male ganz andere Wege eingeschlagen haben als ursprünglich gedacht. Genau das fand ich aber auch so wunderbar daran. Normalerweise gehe ich ins Studio und weiss vorab bis ins kleinste Detail, was passieren wird. Das hat klassische Musik so an sich. Ólafur hatte zwar ebenfalls eine sehr genaue Vorstellung vom Ergebnis, aber hat versucht, diese nicht mit allen Mitteln in die Tat umzusetzen, nur um sich selbst nicht die Blöße zu geben.

MusikBlog: Welche Atmosphäre schwebte euch für die Aufnahmen dieses Albums vor?

Alice Sara Ott: Unsere Sicht der Dinge war nahe am Ausdruck „Perfektion ist Unvollkommenheit“.

Ólafur Arnalds: Für uns war es wichtig, dass die Atmosphäre und auch die Umgebung bei den Aufnahmen schön ist und wir uns darin wohlfühlen können. Es ging uns nicht darum, an einem perfekten Ort aufzunehmen. Es reicht völlig, wenn man irgendwo ist, wo man ungezwungen miteinander kommunizieren kann, so dass all die Ideen den nötigen Raum haben sich zu entfalten. Es hat nichts damit zu tun, ob das Piano richtig gestimmt oder eventuell Lärm im Studio ist. Das kann alles dazu beitragen, dass es am Ende passt. Uns lag nichts ferner, als einen perfekten Sound zu erschaffen, so wie man es normalerweise von klassischen Aufnahmen kennt. Die Tradition hat das so vorgeschrieben, aber wir wollten einem anderen Ansatz folgen.

Alice Sara Ott: Das stimmt. Alles klingt immer so „sauber“. Fast schon „steril“, wenn man sich viele klassische Aufnahmen anhört. Die Technik ist mittlerweile so weit fortgeschritten und die Instrumente sind ebenfalls auf einem hervorragendem Stand, so dass damit die besten Voraussetzungen geschaffen sind, um genau dieses sterile Hörerlebnis zu kreieren. Dadurch ist der Standard zwar unheimlich hoch, aber alles klingt eben auch sehr ähnlich, was die Art der Aufnahme angeht. Der Zuhörer hat sich schon so daran gewöhnt, dass er es als seltsam empfindet, wenn eine Aufnahme davon abweicht. Zum Beispiel, wenn Dinge mit einfließen, die auch bei einer Live-Performance normal sind, wie das Knacken eines Stuhls oder dergleichen.

Ólafur Arnalds: Weisst du, was ich immer über Steinway-Flügel sage? Sie sind großartige Instrumente zum Üben. (lacht) Was ich damit meine, ist diese Perfektion, die sie ausstrahlen. In einem Konzert sind sie so langweilig! Jede Note klingt immer gleich.

Alice Sara Ott: Du bist gemein, es gibt wunderschöne Steinway-Flügel!

Ólafur Arnalds: Das stimmt schon, ich habe auch schon auf ein paar sehr guten gespielt.

Alice Sara Ott: Aber du hast schon Recht – wir wollten genau von dieser Perfektion abrücken. Wir wollten das Menschsein Teil dieses Projektes werden lassen. Leider muss ich sagen, dass mein Atem auch dazu gehört. Als ich ihn das erste Mal auf der Aufnahme hörte, war ich total erschrocken.

Ólafur Arnalds: Mir gefällt das sehr, denn so geht bei all dem Spiel mit der Tradition nicht das Menschliche dabei verloren. Die vor einem liegende Stille wird nicht nur durch das Spiel gefüllt, sondern vor allem mit dem Mensch, der dahinter steckt. Wir haben die Mikrofone manchmal mitten im Piano angebracht, einfach um den physischen Aspekt des Spiels auch mit aufzunehmen. So hört man ab und zu ein Knacken, wenn es eben so ist.

Alice Sara Ott: Das alles war für mich sehr ungewohnt. Ich dachte anfangs wirklich, dass ich wie ein Pferd atmen würde und sah da keinen großen Unterschied. Es war ja nicht einmal so, als ob ich etwas ganz verrücktes gespielt hätte. Nein, bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass ich nach nur ein paar einfachen Noten scheinbar so laut atme wie ein Pferd! (lacht)

Ólafur Arnalds: Kennst du die Atmung, die man beim Yoga ausführt? Mich hat das doch sehr daran erinnert! (lacht)

Alice Sara Ott: Oh Gott, höre sofort auf mit diesen Geräuschen! Wenigstens war mein Atem nicht so verstimmt wie deiner.

Ólafur Arnalds: Ich schnarche dafür nicht, wenn ich spiele. (lacht)

Alice Sara Ott: Hey, ich schnarche nur, wenn ich betrunken bin. Das hätten wir auch einmal ausprobieren sollen! Das nächste Mal, wenn wir im Studio sind, gehen wir vorher einen zusammen trinken und danach setze ich mich ans Piano und schaue, was passiert. Das könnte spannend werden.

Ólafur Arnalds: Lass uns das auf jeden Fall machen!

Alice Sara Ott: Am besten heute nach der Show.

MusikBlog: Wenn da einmal kein neues Album unterwegs ist…

Alice Sara Ott: Ich weiss nur nicht genau, wie wir das dann promoten sollen. Wer kauft uns denn sowas? (lacht)

MusikBlog: Warum denkt ihr, scheuen so viele Aufnahmen davor zurück, sich mit einem modernen Ansatz wie eurem alten Traditionen anzunähern?

Ólafur Arnalds: In der Klassik ist es oft so, als ob alle einem Rekord nacheifern, der irgendwann in der Vergangenheit einmal aufgestellt wurde. Jemand hat eine aussergewöhnlich gute, nahezu perfekte Aufnahme gemacht und diese wird dann als so gut erachtet, dass sie als Maßstab für alle weiteren gilt. Folglich haben viele Musiker Angst, diesem Standard nicht mehr zu entsprechen und wollen etwas ähnliches erreichen. Sie trauen sich plötzlich nicht mehr, aus der eigenen Perspektive heraus etwas aufzunehmen, sondern über ihren Köpfen schwebt diese eine Aufnahme, der man am besten so nahe wie möglich kommen sollte. Sie ist so etwas wie der Präsident unter den Aufnahmen und mit dem spielt man nicht herum, weil es sonst einen Aufschrei gibt.

Alice Sara Ott: Vieles hat auch damit zu tun, dass man heutzutage alle etwaigen Fehler im Nachhinein ausbügeln kann. So etwas gab es damals natürlich nicht. Man hatte nur diese eine Chance, es richtig zu machen.

Ólafur Arnalds: Klassische Musik aufzunehmen, heisst immer, die im Studio stattfindende Live-Performance in ihrer größten Reinheit aufzunehmen. Am besten ohne den Einfluss von störenden Elementen jeglicher Art. Dieser Ansatz ist meiner Meinung nach auch in Ordnung, aber funktioniert eben nicht in der Popmusik. In dieser spielt die Technologie eine viel größere Rolle. Es ist manchmal wichtiger, mit wem du an welchem Ort und mithilfe welcher Mittel aufnimmst als die Komposition selbst. Schon allein ein einziges Mikrofon kann da den entscheidenden Unterschied ausmachen und der Aufnahme eine ganz andere Note geben. In der Klassik wird all das gerne ignoriert. Man will nicht, dass die Technologie einen so großen Teil des Prozesses ausmacht. Wenn man sich unsere Version von „Nocturne in G Minor“ anhört, ist der Klang eher nostalgisch und weicht doch sehr von den gängigen Aufnahmen ab, die man woanders zu hören bekommt. Die Noten und der Rhythmus sind gleich, aber das Hörerlebnis ist dennoch ganz anders.

MusikBlog: Habt ihr das Gefühl, dass die Hörer von klassischen Stücken zu lange unterschätzt wurden, was ihre Hörgewohnheiten angeht?

Ólafur Arnalds: Ich kann mir gut vorstellen, dass es auch schon früher Hörer gegeben haben muss, die mehr von einem Stück wollten als die nächste Interpretation, die nahe am Standard ist. Aber dennoch war die Nachfrage vor zehn Jahren noch nicht hoch genug, und die Meinungen gingen noch nicht so weit auseinander wie heute. Jetzt sehnen sich die Menschen immer mehr danach, dass sich ihnen neue Perspektiven beim Hören eröffnen und die Interpreten andere Ansätze suchen.

Alice Sara Ott: Das Komische ist, dass eine perfekte Aufnahme dem Hörer viel weniger abverlangt als ein Stück, dass davon abweicht. Bei unseren Versionen wird der Hörer dazu gezwungen, allem sehr viel Aufmerksamkeit zu schenken. Er muss seine Ohren regelrecht dafür aufsperren. Unsere Aufnahme ist im Vergleich ein sehr physisches Erlebnis. Sie geht darüber hinaus, nur auf mentaler Ebene etwas zu bewirken. Man fühlt sich automatisch in den Raum versetzt, in dem die jeweiligen Songs aufgenommen wurden. Man ist als Hörer sehr viel mehr involviert.

MusikBlog: Hattet ihr als Musiker zu irgendeinem Zeitpunkt Berührungsängste, was Chopin angeht?

Ólafur Arnalds: Ich war definitiv von Unsicherheiten geplagt, was Chopin angeht. Ich musste diese erst ablegen, bevor ich mit der Arbeit an diesem Album beginnen konnte. Immerhin war ich dabei, mich mit einem der größten Komponisten anzulegen (lacht). Ausserdem wollte ich mich in keinster Weise über Chopin stellen, als ich mir seine Stücke vornahm. Mir ging es nicht darum, etwas zu erschaffen, von dem ich am Ende sagen konnte, dass es „besser“ war als das Original. Für mich lag die größte Herausforderung darin, die gemeinsame Schnittstelle zwischen mir und Chopin aufzuspüren, in der ich seinem Werk vielleicht etwas hinzufügen konnte, indem ich Elemente von ihm nehme, um damit etwas Neues zu erschaffen, das aus meiner Feder stammt. Genau deswegen war ich die ganze Zeit über sehr nervös. Ich hatte Angst, dass sich Menschen durch meine Arbeit angegriffen fühlen könnten.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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