Ich habe mir irgendwann selbst in den Hintern getreten – Du Blonde im Interview

Vor zwei Jahren lag Beth Jeans Houghton die komplette britische Pop-Branche zu Füßen. Mit ihrem Debütalbum “Yours Truly, Cellophane Nose” stieg die Sängerin aus Newcastle upon Tyne geradewegs in die Top 100 der Longplay-Charts ein. Alle waren happy – die Fans, die vom avantgardistischen Pop-Folk der quirligen Bardin gar nicht genug bekommen konnten, und die Presse, die nach Jahren der Dürre endlich mal wieder eine extrovertierte Künstlerin vor der Linse hatte. Doch bereits während der ersten Live-Shows nach der Albumveröffentlichung beschlich die Sängerin ein ungutes Gefühl. Beth Jeans Houghton spürte eine Veränderung. Ein schleichender Prozess kam ins Rollen, der letztlich alles auf den Kopf stellen sollte. Drei Jahre später ist vom einstigen Hype nichts mehr übrig. Beth Jeans Houghton And The Hooves Of Destiny sind Geschichte. Also alles nochmal auf Anfang. Sprich: neuer Name, neue Band. Et voila: Ladies and Gentlemen, please welcome – Du Blonde. So heißt das neue Projekt der Sängerin. Wir wollten natürlich Genaueres in Erfahrung bringen. Also verabredeten wir uns mit Beth Jeans Houghton zum Vieraugengespräch.

MusikBlog: Hi Beth. Man sagt ja, dass eine Metamorphose immer auch etwas mit Befreiung zu tun hat. Würdest du das unterschreiben?

Beth Jeans Houghton: Ja, absolut. Ich kann nur jedem, der sich in irgendeiner Art und Weise gefangen fühlt, dazu raten, neue Wege einzuschlagen. Es lohnt sich. Ich weiß, dass es schwer ist. Vor allem, wenn man sich in einem Raum eingeengt fühlt, in dem man sich lange Zeit wohlgefühlt hat.

MusikBlog: Mir kam zu Ohren, dass in deinem Fall ein gewisser David Bowie mit in den Veränderungsprozess involviert gewesen sein soll. Stimmt das?

Beth Jeans Houghton: Ja, wobei er selbst davon wahrscheinlich gar nichts mitbekommen hat. (lacht) Ich war vor einiger Zeit in dieser großen David Bowie-Ausstellung. Dort wurde mir klar, wie wichtig es ist, sich nicht verbiegen zu lassen. Ich habe all seine Kostüme gesehen und all die unterschiedlichen künstlerischen Phasen seiner Karriere bestaunt. Dieser Mann hat sich nie leiten lassen. Er hat immer nur das gemacht, was er wollte. Und diese Attitüde war mir irgendwie abhanden gekommen.

MusikBlog: Aber wie kam es dazu?

Beth Jeans Houghton: Das war ein Prozess. Irgendwie glitt mir nach der Veröffentlichung meines Debütalbums alles mehr und mehr aus den Händen. Meine Songs, die Band, unsere Konzerte: Alles fühlte sich irgendwann nicht mehr richtig an. Ich musste etwas verändern.

MusikBlog: Wie fühlt man sich, wenn man merkt, dass man sich selbst fremd wird?

Beth Jeans Houghton: Man fühlt sich schrecklich. Ich bin ja nicht irgendwann morgens aufgewacht und wusste gleich Bescheid. Ich habe monatelang mit mir und meinen Gefühlen gerungen. Ich habe Konzerte gespielt und mit meiner Band rumgehangen. Tief in meinem Inneren spürte ich aber eine Unzufriedenheit, die sich nicht unterdrücken ließ. Dieses ganze Paket stimmte einfach nicht mehr. Dieses Bewusstsein hat mir lange Zeit das Leben zur Hölle gemacht.

MusikBlog: Wie hast du dich letztlich befreien können?

Beth Jeans Houghton: Ich habe mir irgendwann selbst in den Hintern getreten und den Mut aufgebracht, mein Umfeld von meinen zerrissenen Gefühlen in Kenntnis zu setzen. Das war der Schlüssel. Die Ehrlichkeit hat mich gerettet.

MusikBlog: Wie waren die Reaktionen?

Beth Jeans Houghton: Gefreut hat sich natürlich keiner. Zu der Zeit steckten wir gerade mitten in den Aufnahmen für unser zweites Album. Aber ich konnte einfach keine Rücksicht mehr nehmen.

MusikBlog: Wurde irgendwann die Schuldfrage gestellt?

MusikBlog: Nein, niemals. Ich kann auch niemandem einen Vorwurf machen. Meiner damaligen Band schon gar nicht. Das sind alles Musiker. Sie haben meine Songs mit Leben gefüllt, sich immer mehr eingebracht und ihnen ihren Stempel aufgedrückt. Das kann ich alles nachvollziehen und verstehen. Aber dadurch wurden sie mir auch entrissen. Es gibt keinen Schuldigen. Es hat einfach nicht mehr gepasst. That’s it.

MusikBlog: Gab es Überlegungen, die Band zusammenzuhalten und gemeinsam einen Neuanfang in die Wege zu leiten?

Beth Jeans Houghton: Nein. Ich wollte etwas komplett Neues. Mir war wichtig, alles hinter mir zu lassen. Das war nicht einfach; denn die Jungs in meiner Band sind auch alle meine Freunde. Wir hatten immer eine tolle Zeit miteinander.

MusikBlog: Was passiert mit deinen alten Songs? Wirst du Lieder wie “Nightswimmer” oder “Lilliput” für die Du Blonde-Konzerte neu arrangieren?

Beth Jeans Houghton: Nein. Dieses Kapitel ist abgeschlossen.

MusikBlog: Macht so ein radikaler Neuanfang nicht auch Angst?

Beth Jeans Houghton: Meinem Management schlottern schon die Knie. (lacht) Nein, im Ernst: Natürlich ist es ein Risiko. Und es gab viele Leute in meinem Umfeld, die mir dazu geraten haben, meine alten Songs irgendwie mitzunehmen. Aber für mich kam das nie in Frage. Sicher, der Druck ist da. Aber damit kann ich umgehen. Mir ist einfach nur wichtig, dass ich endlich wieder ich selbst sein kann. Du Blonde bin ich. Das ist meine Musik. Und nur das zählt.

MusikBlog: “Welcome Back To Milk” klingt in erster Linie rauer und kantiger. Bisweilen geht es fast schon in die Punk-Richtung. Steckt da ein Sound-Konzept dahinter? Oder hast du die Dinge erst einmal einfach so laufen lassen?

Beth Jeans Houghton: Mehr als die Hälfte der Songs habe ich an einem einzigen Tag geschrieben. Es sprudelte förmlich aus mir heraus. Ich habe mich da voll und ganz auf mein Bauchgefühl verlassen. Und ich bin auch heute noch mehr als zufrieden mit dem Resultat. Ich habe keine Lust mehr, mich anzupassen, eine Rolle zu spielen und den Leuten etwas zu präsentieren, das nichts mit meinem Innersten zu tun hat.

MusikBlog: Es fallen bereits Namen wie Amanda Palmer, Anna Calvi und Courtney Love, wenn es um die musikalische Ausrichtung von Du Blonde geht. Fühlst du dich in dieser Runde wohl?

Beth Jeans Houghton: Ich stehe nicht so auf Vergleiche. Du Blonde ist Du Blonde. Ich habe mich von keiner dieser Damen bewusst inspirieren lassen. Aber die Leute vergleichen nun mal. Das ist Teil des Business. Damit habe ich kein Problem. Solange ich das Gefühl habe, dass ich mich selbst höre, ist alles in Ordnung. Und genauso fühlt sich momentan an. Ich bin endlich angekommen. Nur das zählt.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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