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Tobias Jesso Jr (Credit Annett Bonkowski MusikBlog)
Tobias Jesso Jr (Credit Annett Bonkowski MusikBlog)

Tobias Jesso Jr. – Live im Grünen Salon, Berlin

Ruhe, bitte. Oder weniger förmlich „Shut up!“. Zwei Worte, die Tobias Jesso Jr. gleich zu Beginn seiner Show im Grünen Salon in Berlin mit einem Augenzwinkern in Richtung des Publikums äussert. Dieses verhält sich zwar sehr respektvoll, aber ein leises Murmeln im Saal ist eben kaum ganz zu unterbinden. Eigentlich gibt es ohnehin keinen Grund dem groß gewachsenen Lockenkopf nicht die volle Aufmerksamkeit zu schenken. Muss man doch sein gesamtes Set lang darauf gefasst sein eine verbale Finte zu verpassen.

Mit seinem Debütalbum „Goon“ hat er sich nicht nur in die Herzen der Fans, sondern ebenfalls der Kritiker gespielt. Die Songs wirken wie aus der Zeit gefallen und bestechen durch ihr schlichtes Gewand, das dem aus Vancouver stammenden Songwriter genügend Raum bietet sich aufopferungsvoll durch seine Emotionen durchzuarbeiten.

Schlicht bleibt auch das Motto seines Auftritts im Grünen Salon, der nur spärlich beleuchtet ist. Einzig allein ein Piano und eine Akustikgitarre befinden sich auf der Bühne, vor der sich die Zuschauer bereits dicht genug drängen, um die Temperatur im Raum stetig steigen zu lassen oder den Atem des Hintermanns im eigenen Nacken zu spüren. Auch die kanadische Frohnatur muss sich samt des Rotweins in der Hand von hinten durch die Menge schlängeln.

Kaum hat er am Flügel Platz genommen, wird schnell deutlich, dass neben den Songs noch ein Unterhaltungsprogramm auf ganz anderer Ebene winkt. Tobias Jesso Jr. ist zweifelsohne zu Scherzen aufgelegt und genießt die Interaktion mit seinen Fans. Bereits nach ein paar Songs schaukelt sich die Stimmung im Raum unaufhörlich nach oben. Wortwitz reiht sich an Wortwitz, die Situationskomik wird zum passenden Gegenspieler der sehnsüchtigen, nachdenklichen Songs und der Hauptakteur des Abends sammelt im Minutentakt Sympathiepunkte.

Die Ernsthaftigkeit der vorgetragenen Lieder wird dadurch aber nicht gebrochen. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass Tobias Jesso Jr. jeden Moment dazu nutzt den darin transportierten, teils schweren Inhalt nicht konstant auf den Schultern der Anwesenden ablegen zu wollen oder sich selbst zwischenzeitlich einen Hauch Leichtigkeit zu verschaffen. Währenddessen genießt er im Scheinwerferlicht die absolute Narrenfreiheit und präsentiert sich als zugänglicher, charmanter Gastgeber, der seinen Zuschauern Song für Song Tipps gibt oder Anekdoten erzählt.

Und doch gelingt es ihm spielend die Essenz seiner Songs unmittelbar so vor dem Publikum auszubreiten, dass dieses sich mühelos darauf einlassen kann. Nicht einmal die wiederholten Grimassen beim Singen können den Stücken etwas anhaben. Tobias Jesso Jr. weiss um seine nicht besonders vorteilhafte Mimik und fordert die Fans an einer Stelle im Konzert dazu auf Fotos von ihm zu machen, bei denen er sich redlich Mühe gibt klassische Posen am Flügel einzunehmen. Gute und vor allem der Realität entsprechende Fotos existieren laut dem Sänger nämlich ohnehin nicht.

Doch wen kümmert der Gesichtsausdruck eines Songwriters, wenn dieser über den ganzen Abend hinweg höchst authentisch wirkend sein Herz öffnet und Songs wie „How Could You Babe“, „The Wait“, „Without You“ oder auch  „Just A Dream“ hinaus lässt, die die Zuschauer mit einem sanften Kopfnicken und geschlossenen Augen nachempfinden können bis sich einem die Nackenhaare aufstellen.

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