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Algiers (Credit Annett Bonkowski/MusikBlog)

Wenn du bei Aufnahmen eine unbeschwerte Zeit hast, machst du etwas falsch – Algiers im Interview

Einschneidende Gitarren, Percussions mit Faushieb-Charakter und Vocals, die sich im aufwühlenden Klangbett aus rohem Post-Punk gemischt mit traditionellem Gospel-Flair bishin zur Eruption aneinander reiben. Algiers vereinen mit ihrem selbst betitelten Debüt diese gewaltigen Gegensätze auf musikalischer Ebene mit dem Drang, ihren politischen Unmut tief schürfend und packend zum Ausdruck zu bringen. Mittlerweile in New York und London angesiedelt, bietet das Trio auch über ein paar Ländergrenzen hinweg dutzende Gründe, warum sich einem beim Namen Algiers ehrfurchtsvoll die Nackenhaare aufstellen sollten. Wir trafen die drei Herren vorab der Veröffentlichung ihres Albums, um mit ihnen bei Kokoswasser und Kaffee über ihre politisch-kreative Stimmen, ihren instinktiven Zugang zur Musik und ihre gemeinsame Zeit im Studio zu sprechen.

MusikBlog: Euer selbst betiteltes Debüt klingt wie die Ausgeburt einer aufbrausenden und heftigen Fusion von Gospel und Punk. War der Schaffensprozess der Songs seinem Intensitätsgrad nach zu urteilen ebenso gewaltig?

Ryan Mahan: Es war für uns ein sehr interessanter Prozess, die Entwicklung der Songs mit zu verfolgen, bis das Album fertig war. Wir waren vorher noch nie so lange zusammen im Studio, was eine Herausforderung für uns war. Dennoch waren wir in der Lage, in dieser besonderen Umgebung so miteinander zu kommunizieren, dass wir mit der Situation wuchsen – sowohl als Individuen als auch als Band. Wir haben uns schon lange Zeit davor intensiv mit den Songs auseinandergesetzt. Vielleicht wirkten die Stücke deswegen nicht mehr so fremd oder angsterfüllt auf uns. Im Gegenteil, wir wollten sie noch mehr in diese Richtung treiben und dunkler erscheinen lassen.

Franklin J. Fisher: In Anbetracht unserer geografischen Lage, die räumliche Trennung zwischen London und New York, war der Prozess schon vorab der Aufnahmen nicht so einfach für uns zu bewältigen. Aber selbst, als wir dann im Studio an einem Ort waren, dauerte es ewig, bis wir mit der Produktion loslegen konnten, was sehr frustrierend war. Alles, was wir wollten, war, die Songs klanglich nach unseren Vorstellungen zu formen. Dafür mussten wir uns ihnen aber auf eine neue Art nähern. Selbst unser Toningenieur brauchte ein wenig Zeit, um genau zu verstehen, was wir mit den Songs vor hatten. Es war kein einfaches Unterfangen, wenn man bedenkt, wieviel Zeit wir bereits damit verbracht hatten, unser klangliches Konzept zu durchdenken. Wir mussten lernen, dass sich Außenstehende erst in all das hineinfühlen mussten.

Ryan Mahan: Wir wollten bei den Aufnahmen nicht nur uns selbst immer weiter voran treiben, sondern vor allem die allgemeine Auffassung von all dem, was die Menschen mit denen in unserem Sound vereinten Genres verbinden. Das Ziel war es, in neue Sphären vorzudringen und noch härter dafür zu arbeiten.

MusikBlog: Wie nahe seid ihr dabei an eure eigenen Grenzen gekommen?

Franklin J. Fisher: Wie heisst es so schön: “ Wenn du bei den Aufnahmen eines Albums eine unbeschwerte Zeit hast, machst du mit Sicherheit etwas falsch.“ Darin steckt meiner Meinung nach viel Wahres.

MusikBlog: Wie erklärt man den mitwirkenden Personen am Album in eurem Fall am besten, was man mit den Songs vor hat?

Ryan Mahan: Das ist eine gute Frage, wo wir normalerweise schon damit kämpfen, jemandem eines unserer Demos vorzuspielen. Einfach aus dem Grund, weil man das Konzept dahinter voll und ganz durchschauen muss, um sich wirklich darauf einlassen zu können. Sei es auf der visuellen, lyrischen oder allgemein ästhetischen Ebene, die wir als Band verfolgen. Es ist sehr schwierig, jemanden in der Anfangsphase daran teilhaben zu lassen. Gleichzeitig sind wir aber sehr an kommunikativen Prozessen interessiert und daran, eine kreative Verbindung mit anderen Menschen herzustellen, auch wenn diese nicht immer einfach ist. Wir leben zwar in einem digitalen Zeitalter und sind miteinander vernetzt, aber meist nur oberflächlich und ohne eine tiefer gehende Verbindung zueinander zu schaffen. Für uns war es trotz aller Schwierigkeiten hilfreich, mit anderen über unsere Arbeit zu kommunizieren. Mit unserem Produzenten Tom Morris zu arbeiten, hat es tatsächlich einfacher gemacht, weil er uns gut kennt.

MusikBlog: Welche Auswirkungen auf eure band-interne Kommunikation hatte die Tatsache, dass ihr endlich einmal über die Grenzen von London und New York hinweg auf direktem Wege an einem Ort an euren Songs arbeiten konntet?

Franklin J. Fisher: Es hat sich sehr positiv auf unsere Zusammenarbeit ausgewirkt und den ganzen Prozess ganz sicher um einiges beschleunigt. Normalerweise führen wir jeweils unterschiedliche Leben an unterschiedlichen Orten auf der Welt. Im Studio war es schön, zu sehen, dass wir dennoch schnell auf einen gemeinsamen Nenner kamen. Was uns sonst einen Monat Arbeit gekostet hätte, entstand mitunter innerhalb von nur einer Woche, was mich sehr glücklich gemacht hat. Lee, wolltest du gerade etwas sagen?

Lee Tesche: Nein, ich habe nur aufmerksam zugehört.

Franklin J. Fisher: Und ich dachte schon, du wolltest dich äussern.

Lee Tesche: Haha, ich kann auch etwas zum Thema sagen! Geografisch so weit voneinander entfernt zu sein, hat unsere Art, zusammen Musik zu machen, sehr geprägt und beeinflusst sie noch immer. Daher habe ich es als interessante Erfahrung empfunden, einmal ganz direkt an Ideen mit den anderen zu arbeiten.

Ryan Mahan: Es braucht eine Menge Vertrauen, über so eine große Distanz gemeinsam Songs zu schreiben. Oft ist es so, dass jeder von uns seine eigenen Entwürfe an die anderen schickt und sich ein Feedback erwartet. Würde ich dir ein Demo schicken, würdest du es unter Umständen bizarr finden. Bei Lee und Franklin kann ich mir dagegen sicher sein, dass sie instinktiv einen Zugang dazu finden, egal wie verschroben meine Ideen auch sein mögen. Im Studio ist alles viel größer und schneller, so dass man anders auf die Dinge reagieren muss. Ausserdem ist es spannend, den anderen beiden bei ihrer Arbeit zuzusehen, da ich diesen Einblick sonst nicht habe. Es war toll, Lee dabei zu beobachten, wie er die Gitarren oder das Piano förmlich auseinander nahm. Oder Franklin zu sehen, wie er durch die Höhen und Tiefen seines Gesangs ging, weil es eine so komplizierte Angelegenheit war.

Franklin J. Fisher: Ich bildete mir manchmal ein, nicht genau dieses Gefühl einfangen zu können, was mir vorschwebte. Also vertagte ich manche der Aufnahmen für die Vocals auf später. Zwischendurch drehten wir ein Video und kaum stand ich daraufhin bei Tom Morris im Studio, funktionierten die Takes auf Anhieb. Es ist schon komisch, denn ich brauchte manchmal wirklich nur einen Anlauf, bis es genau so war, wie ich es ursprünglich geplant hatte. Der Studiowechsel hat mir dabei geholfen, meine Stimme dahin zu bringen, wo ich sie hin haben wollte.

MusikBlog: Welche Studio-Umgebung schwebte euch denn vor, um diese Fülle an Inhalten und klanglichen Experimenten adäquat nach aussen transportieren zu können?

Ryan Mahan: Ehrlich gesagt, hatten wir keine konkrete Vorstellung davon, wie diese aussehen sollte. Jetzt hätten wir dahingehend wohl mehrere Ideen, aber zu der Zeit, als wir das Album aufnahmen, hatten wir noch kein grundlegendes Konzept für die räumliche Beschaffenheiten, in denen die Songs entstehen sollten. Wir waren sehr entspannt, was die Gegebenheiten anging und arbeiteten einfach mit dem, was uns zur Verfügung stand, ohne das unnötig in Frage zu stellen. Unser 4AD Studio befand sich in einem Keller und genau darüber lagen die Arbeitsräume der Label-Mitarbeiter. Die Dynamik, dort aufzunehmen war toll. Du hockst unten im Keller und nimmst eine verdammte Platte auf, während sich genau über dir alle wie Erwachsene verhalten und wichtige E-Mails verschicken. Es ist schon komisch, wie sehr man sich an einen Ort wie diesen anpassen kann. Gerade, wenn man bedenkt, wie unromantisch wir unsere Demos, bei Tageslicht vor unseren Computern sitzend, bei uns zu Hause aufgenommen haben.

MusikBlog: Ist es noch etwas vom Mysterium Studio-Erfahrung übrig geblieben?

Franklin J. Fisher: Da ist ganz sicher noch Raum für viel Mysteriöses geblieben, zumindest was meine Person angeht. Die Zeit im Studio hat mir gezeigt, dass man diesen Teil der Arbeit wirklich lieben muss, um etwas auf die Beine zu stellen, was ich sehr schätze. Jetzt will ich es sogar umso mehr und noch viel tiefer in diese Welt eintauchen.

Ryan Mahan: Lee und ich haben schon mehrere Male in einem Studio aufgenommen, aber es ist dennoch jedes Mal wieder eine Herausforderung, der wir uns gerne stellen.

Franklin J. Fisher: Oh, ich habe gerade völlig vergessen, dass ihr beide schon viel mehr Erfahrung auf diesem Gebiet gesammelt habt als ich. Ich klinge noch so jungfräulich beschwingt! Ihr habt immerhin schon ein paar Alben aufgenommen.

Ryan Mahan: Ja, ein paar sehr schlechte! Lee, dagegen, hat eher etwas Gutes vorzuweisen, was Album Aufnahmen angeht. Oder nicht?

Lee Tesche: Ich bin noch ganz darin vertieft, über die Zeit nachzudenken, in der wir  in unseren Schlafzimmern Musik gemacht haben…

MusikBlog: Ihr seid eine im Kern tief politische Band. Viele Musiker sträuben sich dagegen, überhaupt als politisch zu gelten. Warum habt ihr in dieser Hinsicht keine Berührungsängste?

Franklin J. Fisher: Ich habe diesen Schritt noch nie verstanden. Warum sollte man sich seiner politischen Gesinnung entziehen, gerade als Musiker? Immerhin bekommt man als Künstler eine Plattform geboten, über Dinge zu sprechen, die wirklich von Bedeutung sind. Man kann natürlich auch die ganze Zeit über sich selbst reden. Politische Aussagen zu treffen, ist für mich eine ausgemachte Sache.

Ryan Mahan: Für uns stand dieser Punkt niemals zur Debatte, denn die Band existiert im Grunde genommen gerade, weil wir uns mit solchen Themen beschäftigen und Dinge ausgraben, die man vielleicht als unangenehm erachten könnte, wie zum Beispiel Kapitalismus, Gewalt, Zerstörung usw. Vieles in unserer Musik beruht genau darauf. Ausserdem sind wir alle sehr am politischen Geschehen um uns herum interessiert. Ich habe sogar Politikwissenschaften studiert und mich insbesondere mit dem Begriff der Revolution auseinandergesetzt. Deswegen war es schon immer ganz natürlich, mich auch in der Musik diesen Themen zuzuwenden. Zudem kommen wir alle aus Atlanta, Georgia, wo Rassismus gegenwärtig ist und die politischen Zustände absolut repressiv sind. Unsere Musik kann durchaus als Reaktion darauf gewertet werden.

MusikBlog: Waren es allein die politischen Zustände eurer Heimatstadt, die euch dazu bewogen haben, wegzugehen?

Lee Tesche: Es gab andere Gründe, wie zum Beispiel unsere jeweiligen Bildungswege, aber die politische Lage hat definitiv dazu beigetragen, dass wir Atlanta verlassen haben. Wir fühlten uns dort alle zunehmend wie Fremde. Auch kreativ gesehen, gab es für uns kaum Herausforderungen, was mit der musikalischen Landschaft zu tun hatte, in der wir uns zu dieser Zeit befanden. Es war Zeit für uns, dem Ganzen zu entfliehen, gerade weil wir dort aufgewachsen sind und so viele Jahre damit verbracht haben, uns auf die Suche nach unserer Identität zu begeben.

MusikBlog: Ist eure Stimme in Bezug auf politische Themen im Vergleich Individuum vs. Künstler eine andere? Wie geht ihr damit um, eure Meinung beispielsweise im Rahmen eines Songs kund zu tun?

Franklin J. Fisher: Für mich persönlich war es kein Problem, beide Stimmen miteinander zu verbinden. Meine Situation hat mir diesen Schritt erleichtert. Als ich nach New York gezogen bin, konnte ich keinen Job als Lehrer finden. Also fing ich an, als Empfangschef für eine französische Bank zu arbeiten. Zwei Jahre später wurde ich dann als Administrator beschäftigt. Obwohl die Mitarbeiter nett waren, blieb das Arbeitsklima politisch beklemmend. Allein schon die Tatsache, immer diese Bänker reden hören zu müssen, die sich zu den Republikanern zählten, war schlimm genug. Meine einzige Zuflucht in dieser Zeit war das Verfassen von Songtexten. Viele von ihnen sind an jenem Tisch entstanden, an dem ich Tag für Tag saß und nicht über das reden konnte, was mir politisch wichtig war oder besonders in diesem Umfeld gegen den Strich ging. Ein wirklicher Diskurs war dort über Jahre hinweg gar nicht möglich. Alles, was mir übrig blieb, war zu lächeln, um durch den Tag zu kommen. Nur für den Gehaltsscheck am Ende des Monats.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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