Den Club-Underground hat Paul Kalkbrenner natürlich schon längst hinter sich gelassen. In den sieben Jahren seit „Berlin Calling“ ging es für den 38-jährigen beständig aufwärts. Seine letzten beiden Alben landeten ohne Umwege direkt in den deutschen Top Ten. Und mittlerweile zählt Kalkbrenner genauso zum Inventar prominenter deutscher Kulturaktiver wie Udo Lindenberg, Til Schweiger oder auch Helene Fischer. Dabei hat er auch keine Berührungsängste mit nationalen Großereignissen und war so zum Beispiel live bei der 25 Jahrfeier zum Mauerfall oder der WM Party 2014 in Berlin zu sehen. Der sympathische Technostar für Konsensraver zwischen 8 und 88 also? Positiv, angenehm normal geblieben und nicht abgehoben.

Aber egal wie man das betrachten mag, Kalkbrenner ist im Lauf der letzten 18 Jahre seinen eigenen Weg gegangen und hat sich seinen Status in Myriaden von Gigs, sechs Alben und ziemlichem persönlichen Einsatz erspielt. Und sein breiter Erfolg ist somit natürlich das Resultat seiner Beharrlichkeit und seiner intensiven Bindung zur Musik.

Bleibt die Frage wie sich das auf seine kreative Weiterentwicklung ausgewirkt hat. Nachprüfen kann man das jetzt anhand seines neuen Albums „7“. Und da zeigen sich schon rein äußerlich ein paar Veränderungen. „7“ ist zum Beispiel sein erstes Album auf einem Major Label. Und dies stellte ihm auch sein riesiges Archiv zur Verfügung, so dass er sich frei und ohne Rücksicht auf langwierige, umständliche Rechteklärungen durch ein paar Klassiker samplen konnte.

Außerdem ermöglichte es ihm der Erfolg, seine Live-Aktivitäten deutlich runterzufahren. Denn dadurch, dass er inzwischen mit weitaus weniger Auftritten mehr Geld verdient, konnte er sich wieder intensiver auf die Produktion im Studio konzentrieren. Nach eigener Aussage hat er seine beiden letzten Alben in eher knapper Zeit „zusammengelötet“, weil er ständig unterwegs sein musste. Für „7“ nahm er sich immerhin anderthalb Jahre Zeit.

Die bewusste Zielsetzung von „7“ liegt darin, jetzt auch international stärker Fuß zu fassen, mitunter natürlich auch in Amerika. Techno hat zwar dort seine Wurzeln, ist aber erst Jahre später im Mainstream angekommen. Dem momentan grassierenden zweckgebundenen Party-EDM/Dubstep a la David Guetta oder Skrillex will Paul Kalkbrenner mit „7“ allerdings hörintensivere Albumqualität entgegensetzen. Was auch nicht wundert, denn eigentlich fühlte er sich bei der Produktion ganzer Alben immer wohler, als bei einzelnen Clubtracks.

So sind die zwölf Stücke dann auch in Tempo und Sound eher gemäßigt und stilistisch schon eher im Tech-Trancebereich zu finden. Die vorherrschende Stimmung ist ausgeglichen, hell, transparent und wird hin und wieder mit einer Prise Melancholie gewürzt. Große emotionale Dramatik wird man auf „7“ allerdings nicht finden. Ein Highlight ist „Cylence 412“, das auf einem flott goovendem Gitarrenriff basiert. Gegen Ende lädt eine gepfiffene Melodie dazu ein, ebenfalls seine Lippen zu spitzen und auch mal wieder eine Runde zu pfeifen.

Besonders auffallend sind natürlich die drei Stücke, in denen er Vokalspuren gesamplet und bearbeitet hat. Was den freien Zugriff auf das Sony/Columbia-Archiv angeht, konnte Kalkbrenner der Versuchung widerstehen, sich wie ein Kind im Süßwarenladen zu bedienen. Er hat sich nicht von Elvis bis Miles Davis querbeet durch alles gesamplet, sondern hat sich auf drei markante Gesangs-Spuren von D-Train, Luther Vandross und Grace Slick beschränkt. Diese Reduktion spricht für seinen Geschmack.

Wie auch schon im Synthie-Funk Original von 1982 sorgt auf „Cloud Rider“ das kräftige Organ von D-Train Sänger James Williams für eine soulige Komponente, die mit einem strammen Beat getriebenem Piano-Thema kombiniert wird. „Feed Your Head“ löst den metallisch-kühlen Gesang Grace Slick’s aus dem Jefferson Airplane-Klassiker „White Rabbit“ und gibt ihm im Verbund mit einem stark rhythmisierten Streichersoundmotiv eine andere Art von Dramatik. Und mit der sinnlichen Stimme von Luther Vandross kann man natürlich auch nicht viel falsch machen. Auf „A Million Days“ stellt er die Gesangslinie aus „Never Too Much“ in einen easy flowenden neuen Kontext.

Schräger, derber oder clubbiger wird es seltener auf „7“. Allein das von einer zerrigen Basslinie angetriebene „Mothertrucker“ und der Marschiersound von „Align The Machine“ fallen etwas aus der recht ausgeglichenen Stimmung des Albums.

Unter dem Strich bereitet einem „7“ kaum Probleme. Alles ist überwiegend leicht und schnell zugänglich und konfrontiert einen nicht mit allzu abgedrehten Ideen. „7“ wird Paul Kalkbrenner‘s Karriere garantiert keinen Knick bescheren. Und die gelungene und druckvolle Produktion wird ihm auch weiter den Respekt seiner Kollegen erhalten. Man wird sehen, ob er damit auch international verstärkt punkten kann. Für das Cover hätte er sich allerdings schon etwas Spannenderes einfallen lassen können.

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