Generic selectors
Exact matches only
Search in title
Search in content
Search in posts
Search in pages
Foals (Credit Nabil Elderkin)

Wir erlauben den Songs menschlich zu sein – Foals im Interview

Foals haben überlebt. Und nicht nur das. Nach zehn Jahren zählt das Quintett aus Oxford zu den wenigen wirklich erfolgreichen Bands aus den Noughties dieses Jahrhunderts. Dementsprechend sorgte die Veröffentlichung des Titeltracks des neuen Albums „What Went Down“ im Juni für ein kleines Pressefeuerwerk. Kein Magazin und keine Seite, die nicht zumindest ein paar Zeilen für Song und Video übrig hatten. Und die Härte des Songs machte neugierig. Und führte auch ein wenig in die Irre. Denn der Rest des Albums zeigt Foals um einiges reifer und vielseitiger.

Druck verspürte man auch keinen. Im Gegenteil. Die Band ließ verlauten, dass es die entspanntesten Aufnahmen überhaupt gewesen seien. Dabei dürfte die Wahl des Studios wohl auch eine Rolle gespielt haben. „What Went Down“ wurde im Süden Frankreichs in Saint-Rémy-de-Provence eingespielt. Für die Band zwei Monate relaxtes Werken an den zehn neuen Stücken bei Sonne, gutem Essen und viel Rotwein. Wir sprachen mit Gitarrist Jimmy Smith über das Album, Rotwein, Erfolg, zehn Jahre Foals und einiges mehr.

MusikBlog: Hi Jimmy! Wie geht’s?

Jimmy Smith: Prima. Danke! Ich hab‘ gerade mein erstes Bier für heute aufgemacht.

MusikBlog: Na dann, Prost! Ich hab‘ leider gerade keines in Reichweite. Aber legen wir doch einfach mal los. Wie oft hast Du inzwischen „What Went Down“ hören müssen?

Jimmy Smith: (lacht) Seit wir es aufgenommen haben, habe ich es mir gar nicht mehr allzu oft angehört. Immer wenn wir ein Album fertig haben, dann war’s das für mich auch erstmal.

MusikBlog: Hörst Du Dir auch nie eure alten Sachen an?

Jimmy Smith: Nein. Wenn ich ehrlich bin, finde ich so etwas eher seltsam. Vielleicht mache ich das dann später mal, wenn ich alt bin.

MusikBlog: Ok, dann wieder zurück in die Gegenwart. „What Went Down“ macht auf mich einen nachdenklicheren, grüblerischen Eindruck. Gleichzeitig hat es auch mehr Tiefe und bei manchen Stücken mehr Härte als bei seinen Vorgängern. Wie wirkt das Album mit ein bisschen Abstand auf Dich?

Jimmy Smith: Ja, im Prinzip sehe ich das genauso. Mit „Holy Fire“ hatten wir angefangen, unsere Grenzen weiter auszudehnen. Mit „What Went Down“ schieben wir sie jetzt noch ein Stück weiter raus. Wir haben die Songs natürlich wachsen lassen, ohne dass wir uns dabei zu sehr eingemischt haben. Also die Heavy Songs, sind noch eine Spur mehr heavy und böse. Aber es gibt auch mehr Schönheit auf dem Album. Und es geht emotional mehr in die Tiefe. Sogar die Popsongs haben diesmal mehr Pop. Ich glaube, wir haben alles erreicht, was wir uns vorgenommen hatten.

MusikBlog: Gab es diesmal so etwas wie ein übergeordnetes Thema oder Konzept? Zu „Total Life Forever“ hatte Yannis ja davon gesprochen, dass das Album etwas mit Zukunftsforschung zu tun hätte. Und bei „Holy Fire“ war es dann Voodoo.

Jimmy Smith: Nein. Nicht wirklich. Was die Texte angeht weiß ich es allerdings nicht genau. Ich bin nicht derjenige der dazu wirklich etwas sagen kann, denn ich könnte da falsch liegen. Zumindest musikalisch gab es kein anderes Konzept, als absolute Freiheit. Wir lieben es eben zu experimentieren und zu forschen. Das hält unsere Gehirne auf Trab. Ohne das wäre es einfach langweilig. Und die Grundidee war, einfach ein Album zu machen, dass einen Anfang und ein Ende hat und in sich stimmig fließt.

MusikBlog: Zum Experimentieren gehört auch, dass man die Dinge auch einfach mal laufen lässt, um zu sehen was daraus entsteht. Habt ihr viel gejammt oder hattet ihr schon fertige Songs? War diesmal etwas anders, als sonst?

Jimmy Smith: Das ist bei uns schon recht unterschiedlich. Manchmal entstehen Songs in dem wir fünf einfach zusammen jammen. Auf dem neuen Album sind das zum Beispiel „Night Swimmers“, „Mountain At My Gates“ und „What Went Down“. Diese Stücke gibt es nur, weil wir zusammen in einem Raum waren und losgespielt haben. Davon abgesehen, gibt es Songs die komplett von Yannis sind oder die ich geschrieben habe. Oder wir beide zusammen. Ja, generell arbeiten wir mittlerweile schon ein wenig anders.

MusikBlog: Ist es euch auch schon mal passiert, dass ihr an einem Song gearbeitet habt und irgendwann kam euch der Gedanke „Hm, irgendwie klingt das jetzt nicht mehr sonderlich nach Foals“?

Jimmy Smith: Nein. Jemand hat uns mal gesagt, dass egal, was wir auch machen, es immer wie Foals klingen wird. Es ist Yannis Stimme und es sind die gleichen fünf Leute, die diese Musik machen. Wir werden also nicht anfangen Rap/Rock-Songs zu machen oder so etwas. Es wird immer Foals sein. Aber das Schöne für uns ist, dass wir die Dinge inzwischen frei laufen lassen können und dann sehen, was so alles in uns steckt.

MusikBlog: Ein wichtiges Element in eurer Musik ist Energie. Wie ist das, wenn man im Studio ist und dann quasi auf Kommando den richtigen Druck erzeugen muss?

Jimmy Smith: Oh ja! Das ist ein seltsames Gefühl, wenn Du weißt, dass das dieser Take für die Ewigkeit auch so sein wird, wie Du ihn jetzt spielst. Du kannst nichts mehr daran ändern. Aber das gibt einem dann wieder eine ganz eigene Form von Energie. Wie zum Beispiel bei „What Went Down“. Das ist der erste Take. Wir haben den Song zweimal eingespielt, uns aber dann für den ersten Take entschieden, denn er hatte genau die Energie und die Spannung, die wir haben wollten. Und das entsteht nicht, wenn Du einen Song hundertmal spielst. Ich denke, wir haben inzwischen gelernt, nicht mehr so perfektionistisch sein zu wollen. Wir erlauben es jetzt den Songs, zu atmen und mehr menschlich zu sein.

MusikBlog: Kommt’s trotzdem noch vor das Dir jemand nach Take 25 sagt „Moment mal. Das geht noch besser!“?

Jimmy Smith: (lacht) Äh, ja klar. Das passiert natürlich auch immer noch. Furchtbar!

MusikBlog: „Holy Fire“ habt ihr in London aufgenommen. Diesmal seit ihr auf’s Land gegangen und wart im La Fabrique Studio im Süden Frankreichs.

Jimmy Smith: Wir hatten ein Video von Nick Cave gesehen, wie er dort gespielt hat. Und wir wussten, dass Nigel Godrich, der Producer von Radiohead, es sehr mag und es für eines der besten Studios in Europa hält. Als es uns dann jemand vorgeschlagen hat, haben wir uns die Bilder angeguckt – sie waren wirklich toll – und haben uns gesagt „Wow! Wenn es das Label bezahlt, dann lass uns das Album da aufnehmen“.

MusikBlog: Ich hab‘ mir im Internet auch mal die Studioseite angesehen. Und ja, da sollte man wirklich nicht nein sagen, wenn man die Chance hat, dort eine Platte aufzunehmen. Sieht fast schon mehr nach Ferien aus.

Jimmy Smith: Es war wirklich schön. Und das beste an dem Studio war, dass wir dort auch wohnen konnten. Es gab keine Ablenkungen und man konnte sich voll auf die Musik konzentrieren. Ja, es war so etwas wie ein musikalischer Urlaub.

MusikBlog: Und dabei habt ihr euch gelegentlich auch schon mal ein Gläschen Wein gegönnt. Es wurde gemunkelt, dass während der Produktion 130 Flaschen Rotwein ihren Inhalt lassen mussten.

Jimmy Smith: Ja, ja ich weiß. Das hab‘ ich gesagt. Aber wenn man es sich mal ausrechnet, dann sind 130 Flaschen über zwei Monate allerdings auch nicht so viel. In Wirklichkeit waren es aber sogar noch viel mehr. Wir haben da wirklich schon eine Menge Rotwein getrunken. Aber es war schön. Und irgendwie lag es auch an der Umgebung. Der Wein floss. Das Essen war gut. Das war schon alles sehr entspannend. Perfekte Vibes. Es hätte wirklich nicht besser sein können.

MusikBlog: In Zeiten, in denen viele gute Bands Probleme haben, seid ihr recht gut im Rennen. Alle eure Alben sind in mehreren Ländern in die Charts gegangen. Ihr spielt lange Touren durch große Hallen. Was bedeutet für Dich Erfolg?

Jimmy Smith: Es bedeutet, dass ich von der Musik leben kann und mir keine Sorgen um einen anderen Job machen muss. Das ist für mich so ziemlich das beste, das ich mir vorstellen kann. Wir sind keine Millionäre. Wir haben nicht viel Geld, aber wir haben genug, um als Band überleben zu können. Und das ist wirklich ein großartiges Gefühl. Wir haben Glück gehabt. Wie Du schon gesagt hast, es gibt im Moment viele Bands, die aus finanziellen Gründen scheitern. Die Plattenverkäufe sind rückläufig und solche Sachen.

MusikBlog: Die eher miese Vergütung durch Musikstreamingdienste ist natürlich für viele Bands auch ein ziemliches Problem.

Jimmy Smith: Ja genau! Das Streaming ist ein wesentlicher Faktor. Es ist für eine Band niemals härter gewesen, Geld zu verdienen und dadurch überleben zu können. Es ist absolut lächerlich, was man mit seiner Musik durch Streaming verdient. Es ist reiner Diebstahl!

MusikBlog: Ich denke mal, dass ihr wie viele andere Bands einen Großteil eures Geldes hauptsächlich durch Livespielen und Touren verdient. Und ich gehe mal davon aus, dass ihr auch so etwas wie ein Privatleben habt. Kollidiert das ständige Unterwegssein nicht auch schon mal damit?

Jimmy Smith: Es ist natürlich nicht gerade ideal für eine Partnerschaft, aber es ist ok. Wir haben sehr stabile Beziehungen und sehr verständnisvolle Partner. Das klappt schon.

MusikBlog: Foals gibt es jetzt genau zehn Jahre. Wie siehst Du eure Entwicklung über diesen Zeitraum? Und wo steht ihr gerade?

Jimmy Smith: Ich glaube, wir sind inzwischen nicht mehr ganz so neurotisch. Und wie ich schon vorher gesagt habe, sind wir nicht mehr ganz so perfektionistisch bei dem, was wir machen. Früher hatten wir immer eine klare Vorstellung davon, was wir tun wollten und wie die Sachen klingen sollten. Und daran haben wir mit fast militärischer Strenge festgehalten. Inzwischen sind wir in unseren Dreißigern. Haben vier Alben gemacht und fühlen uns sehr wohl mit dem, was wir machen und damit, wer wir sind. Diese Selbstsicherheit gibt uns viel mehr Freiraum, auch andere interessante Seiten in der Musik auszuprobieren. Ich denke, die spannendste Zeit in Foals zu sein ist gerade jetzt.

MusikBlog: Wie würdest Du nach dieser Zeit eure Beziehung zueinander beschreiben. Ist es reine Freundschaft? Oder habt ihr es solange miteinander ausgehalten, weil es hauptsächlich eine gut funktionierende Jobbeziehung ist?

Jimmy Smith: Hm, schwer zu sagen. Es ist irgendwie alles. Man kann es nicht so einfach beschreiben. Es ist, wie in einer wirklich seltsamen, abgefuckten Familie zu sein. (lacht) Es gibt viel Liebe. Nicht selten gibt es auch gelegentliche Ausbrüche von Hass. Heftige Streitereien. Diese ganzen Sachen eben. Aber es ist schön! Sie sind meine Brüder.

MusikBlog: Also alles ganz normal.

Jimmy Smith: Ja genau, wie Menschen eben. Wie bei jedem anderen auch.

MusikBlog: Ihr habt schon einiges erreicht. Gibt’s noch irgendwelche besonderen Ziele, die ihr im Visier habt?

Jimmy Smith: In erster Linie wollen wir natürlich immer bessere Alben machen, so dass wir selber damit zufrieden sein können. Solange es Spaß macht, werden wir weitermachen. Aber jetzt geht es erst mal darum, mit der neuen Platte rund um den Globus zu reisen und jede Halle, in der wir spielen, abzureißen. Wir freuen uns wirklich darauf, wieder live zu spielen.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

Schreibe einen Kommentar