Kein Mischmasch. Keine Kompromisse – Darwin Deez im Interview

Der Kampf gegen Stil-Schubladen wurde schon für einige Musiker zum Problem. Mit dem eigenwillig unbekümmerten Sunshine-Indie Pop seines Debutalbums hatte sich Darwin Smith alias Darwin Deez anno 2010 quasi aus dem Nichts in die Popszene katapultiert. An Songs und Videos wie „Radar Detector“ und „Constellations“ kam man damals genauso wenig vorbei, wie an Deez‘ markanter, mit Stirnband, Locken und Schnurrbart verzierter Gestalt. Schnell entwickelte sich ein kleiner Hype um den New Yorker, der alle seine Songs komplett im Alleingang schreibt und produziert.

Dass er sich allerdings nicht mit der Gute Laune-Pop Schublade zufrieden geben wollte, zeigte 2013 der Nachfolger „Songs For Imaginative People“. Die ambitionierten und teilweise auch ernsteren Songs demonstrierten zwar, dass er als Producer und Musiker über ziemliche Fähigkeiten verfügt. Allerdings konnte er mit seinem musikalischen Richtungswechsel weder bei Kritikern noch Käufern so richtig landen. Mit Album Nummer drei „Double Down“ vollzieht Deez jetzt wieder die Kehrtwende in Richtung wolkenfreier Pop. Wir sprachen mit ihm über das Album, das Alleine-Produzieren, Friedrich Nietzsche, wer Darwin Deez überhaupt ist und diverse andere nette Sachen.

MusikBlog: Wie Deine beiden vorherigen Alben hast du „Double Down“ auch wieder komplett im Alleingang geschrieben, eingespielt und aufgenommen. Ist das nicht ein etwas einsamer Prozess?

Darwin Deez: Es ist nicht wirklich einsam. Es ist mehr so etwas wie Abgeschiedenheit. Was schon ein Unterschied ist. Ich mag es. Es ist eben mein Job, neue Sachen auszuprobieren und mir macht es Spaß, die Songs alleine entstehen zu lassen. Aber ich achte schon darauf, dass ich zwischen den Writing Sessions auch mal eine Pause einlege und dann mit meinen Freunden abhänge.

MusikBlog: Live spielst Du aber auch schon lange mit deiner festen Band zusammen. Beziehst du sie gar nicht mit ein und fragst sie, was sie von den neuen Stücken halten?

Darwin Deez: Nein, ich frage sie nicht. Gelegentlich frage ich schon mal Freunde, die allerdings nicht in der Band sind, nach ihrer Meinung. Aber ich halte die Band solange raus, bis ich fertig bin. Dann spiele ich ihnen die Stücke vor und frage sie, welche Songs ihnen gefallen und welche sie spielen möchten. Und das entscheiden wir dann als Band. Aber aus dem Schreibprozess halte ich sie raus. Ehrlich gesagt, haben sie alle ihren eigenen Musikgeschmack und der deckt sich nicht unbedingt immer mit meinem eigenen. Das ist ok. Ich folge eben meiner Vorstellung und sie lassen mich machen. Und es funktioniert.

MusikBlog: Scheint so, als würdest du dir nur ungern in deinen Job reinpfuschen lassen. Also hundert Prozent Darwin Deez, wo auch Darwin Deez drauf steht?

Darwin Deez: Es geht mir um das geschlossene Gesamtbild. Das ist der Grund. Kein Mischmasch. Und keine Kompromisse. Es ist meine eigene reine und unverfälschte Vorstellung davon, wie die Songs klingen sollen. Die einzige Sache, die dem dabei eine Grenze setzt, ist die Tatsache, dass ich auch alles selber aufnehme und einspiele. Aber selbst das ist nicht unbedingt eine Limitierung, sondern eine weitere Ebene von Wahrheit und Realität, die meine Songs dadurch erhalten. Es kommt eben alles von mir. Selbst wenn ich ein paar Sounds auf der Festplatte abspeichere, dann bin ich derjenige, der es macht.

MusikBlog: Aber ist dabei manchmal nicht auch schon mal ein zweites Paar Ohren hilfreich? Zum Beispiel ein Co-Producer?

Darwin Deez: Nimm dir Bands wie Miniature Tigers oder Passion Pit. Sie arbeiten mit Produzenten zusammen, die keine Bandmitglieder sind. Aber sie gestalten doch Identität dieser Bands mit. Und es ist interessant zu hören, wie sie im Vergleich klingen, wenn sie mal alles selber gemacht haben. Es gibt eine EP von Passion Pit, die ohne einen Producer aufgenommen wurde. Kann sein, dass sie nicht unbedingt die schönste und bestmöglichste Präsentation ihrer Musik zeigt. Aber mich fasziniert daran gerade, dass es eine reine, unverfälschte Dokumentation ihrer Ideen ist. Das ist es, was ich interessant finde. Und das erhält man eben nur, wenn man alles selber aufnimmt. Ich mag das.

MusikBlog: Nach dem Erfolg deines Debut-Albums, hast du mit „Songs For Imaginative People” direkt einen Haken geschlagen und eine eher experimentierfreudige Seite gezeigt. Leider mit dem Ergebnis, dass das Album nicht ganz so gut ankam. „Double Down“ geht jetzt wieder in Richtung der eher sorglosen Popsongs des Debuts. Wie kam diese Rückbesinnung zustande?

Darwin Deez: Das ist eben das, was die Leute schon immer von mir haben wollten. Anscheinend möchte niemand, dass ich mal etwas ausprobiere und mich als Musiker entwickle. Sie heuern mich eben nur an, damit ich ihnen das liefere, was sie hören möchten. Klar, ich hätte das auch auf „Songs For Imaginative People“ gemacht, wenn ich es gekonnt hätte. Aber zu dieser Zeit kamen mir zunehmende Zweifel an diesem Popsong-Lieferservice. Ich musste einfach Verschiedenes ausprobieren und mich meiner Weiterentwicklung als Künstler widmen. Einfach mal etwas Neues versuchen. Wie zum Beispiel, bei Songs zuerst den Text schreiben. Damit habe ich damals angefangen, um einen neuen Ansatz zu bekommen. Ich wollte es dadurch für mich weiter frisch und spannend halten, um als Musiker weiter Spaß an dem zu haben, was ich mache. Im Prinzip habe ich das hauptsächlich für mich selbst gemacht. Ich denke nicht, dass das irgendjemand von mir verlangt hat. Und jetzt fühle ich mich wieder frisch und kann den Leuten geben, was sie haben möchten. Und ich freue mich, es machen zu können. Aber auf der letzten Platte musste ich eben mal etwas rumexperimentieren.

MusikBlog: Was macht eigentlich den Unterschied zwischen Darwin Deez und Darwin Smith aus? Sind das zwei verschiedene Aspekte deiner Persönlichkeit?

Darwin Deez: Möglicherweise. Darwin Deez würde dich zum Beispiel mehr kritisieren. Darwin Smith macht das nicht. Bei Darwin Deez dreht sich alles nur Gefühle. Wie bei unserer Musik. Darwin Smith liebt und interessiert sich für Gedanken, Ideen und Philosophie. Darwin Deez drückt seine Gefühle immer unmittelbar direkt aus. Darwin Smith würde dieses Gefühl betrachten, würde analysieren, worauf es beruht und dann versuchen, es zu verstehen. Darwin Deez hingegen kostet dieses Gefühl komplett aus und sagt sich „Be in it!“

MusikBlog: Klingt so, als wäre Darwin Smith der nüchterne, rationale Teil, der mehr durch den Verstand gesteuert wird?

Darwin Deez: Ja, definitiv. Ich habe auf dem zweiten Album versucht, mehr von dieser Seite meiner Persönlichkeit in die Musik einzubringen, so als Experiment. Aber irgendwie funktioniert das nicht so ganz.

MusikBlog: Du hast früher ziemlich intensiv Friedrich Nietzsche gelesen. Auch nicht gerade häufig, dass Popmusiker sich für deutschen Philosophen aus dem 19.Jahrhundert begeistern. Liest Du ihn immer noch?

Darwin Deez: Nein, nicht mehr so oft. Aber früher hat er mich schon sehr fasziniert. Er hat mehr Ideen als andere Philosophen und hat zehnmal so viel Poesie in der Art und Weise, wie er sie ausdrückt. Er macht dich wirklich neugierig auf das, was er weiß und was wir nicht wissen. Und man will herausfinden, was er meint. Aber ich liebe Philosophie immer noch. Neulich war ich bei einem Vortrag über Martin Heidegger.

MusikBlog: Liest du generell viel?

Darwin Deez: Ich lese nicht allzu viele Bücher. Romane zum Beispiel überhaupt nicht. Ich kann mit Prosa nichts anfangen. Dafür fehlt mir die Geduld. Ich habe einfach nicht die Aufmerksamkeitsspanne um so viele erfundene Details zu lesen. Ich lese lieber Sachbücher.

MusikBlog: Und was zum Beispiel?

Darwin Deez: Die Bücher von Malcolm Gladwell haben mir früher sehr gefallen. Von ihm sind zum Beispiel “The Tipping Point: How Little Things Can Make A Big Difference” und “Blink: The Power Of Thinking Without Thinking“. Er ist Sachbuchautor und schreibt über Verhaltensmuster im modernen Leben. Sehr aufschlussreich. Ich mag das. „Stories“ von Robert McKee habe ich neulich auch noch gelesen. Eine Anleitung zum Drehbuchschreiben. Das sind so die Sachen, die mich interessieren.

MusikBlog: Noch mal zurück zur Musik. Im Herbst wirst Du mit „Double Down“ auf eine ziemlich ausgedehnte Tour gehen. In Deutschland wird man dich im November sehen können. Was kann man erwarten? Eine neue Show zu den neuen Songs?

Darwin Deez: Es wird fantastisch! Wir werden mit Tänzern kommen und die neuen Songs spielen. Yeah!

MusikBlog: Gibt es konkrete Ziele, die du erreichen möchtest?

Darwin Deez: Ich bin froh, auf dieser Stufe Musik machen zu können. Aber natürlich träume ich davon, das nächste Level erreichen zu können. Das wäre schon klasse! Aber im Moment ist es schon prima, von der Musik leben zu können. Ich bin zufrieden. Aber klar, ich hätte auch nichts dagegen, superberühmt zu werden. Mal gucken!

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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