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Ach komm Welt, halt dein Maul! – Grossstadtgeflüster im Interview

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Manchmal braucht man nur eine ordentliche Portion schlechte Laune und ein selbstgedrehtes Handyvideo, um so richtig durchzustarten. So geschehen bei Grossstadtgeflüster, die nach zwölf Jahren und vier Alben mit ihrer neuen Single „Fickt-Euch-Allee“ den Nerv der Zeit getroffen haben und mit dem dazugehörigen Videoclip bei YouTube zielstrebig auf die Eine-Million-Klicks-Schallmauer zusteuern. Derzeit ist Grossstadtgeflüster auf Tour presented by MusikBlog (heute in Wiesbaden, morgen in Köln). Um die Geduld seiner Fans nicht zu sehr herauszufordern, veröffentlicht das Trio aus Berlin seine Songs zukünftig in kleinen Episoden, von denen die „Fickt-Euch-Allee (Episode 1)“ im November erschienen ist. Wir sprachen mit Frontfrau Jen Bender über diese ungewöhnliche Veröffentlichungspolitik, die Zukunft der Kunstform Album und fremde und eigene Erwartungshaltungen.

MusikBlog: Euch gibt es ja bereits zwölf Jahre und ihr habt schon einiges erlebt. Wie sehr hat euch der Trubel um „Fickt-Euch-Allee“ dennoch überrascht?

Jen Bender: Es hat uns so sehr überrascht, dass ich erst mal zwei volle Tage gebraucht habe, um das zu realisieren. Ich bin nicht sofort in die Luft gesprungen und habe „Juchhu“ gerufen, sondern es ist zunächst gar nicht wirklich zu mir durchgedrungen. Irgendwann saß ich dann im Zug und mein Bruder hat mich über die Klick-Zahlen informiert. Diesen ganzen Zahlen und Statistiken sind wir eigentlich schon länger aus dem Weg gegangen, deshalb hatten wir das nicht sofort bemerkt. Mir hätte es ja schon gereicht, wenn es meine Mutter gesehen hätte und gesagt hätte: Kind, das hast du schön gemacht.

MusikBlog: Hattest du denn schon beim Schreiben eine Vorahnung, dass das ein Hit werden könnte?

Jen Bender: Zum Glück nicht, sogar ganz im Gegenteil. Es ging bei dem Song darum, alle Erwartungshaltungen abzuschütteln. Wenn man sich mit vielen Menschen umgibt oder mit einer großen Plattenfirma zusammenarbeitet, dann sind zwangsläufig immer irgendwelche Erwartungen im Raum – Erwartungen an die Verkaufszahlen, an den Sound oder an was auch immer. Wir haben irgendwann gemerkt, dass dieses Klima der Sache überhaupt nicht gut tut und wollten zurück zu dem Punkt, als das alles total egal war. Dieser Song ist dann einfach so aus mir rausgepoltert und er sagt ja auch alles, was ich gerade gesagt habe. Ich habe zwar schnell gemerkt, dass ich den Song mag und sofort noch mal hören wollte, allerdings habe ich mir abgewöhnt, von mir auf andere zu schließen. Ich lach auch mal gerne über meine eigenen Witze, über die sonst niemand lacht. (lacht) Als wir den Song dann erstmals unserem näheren Umfeld vorgespielt haben, hat sich herausgestellt, dass den alle mögen und sich auch viele von ihm angesprochen fühlen.

MusikBlog: Du hast ja schon die selbsternannten Experten und deren Erwartungshaltungen genannt, um die sich vor allem die erste Strophe von „Fickt-Euch-Allee“ dreht. Auch euer zweiter Hit „Ich muss gar nichts“ dreht sich um ein ähnliches Thema. Ist die Verteidigung der Selbstbestimmung ein zentrales Thema für euch?

Jen Bender: Das beschäftigt uns doch eigentlich alle. Ich stelle immer wieder fest, dass ich in einen Funktionier-Modus verfalle, und natürlich ist niemand frei von fremden Einflüssen. Ich denke auch gar nicht, dass wir alle beratungsresistent werden sollten, aber manchmal stelle ich mir schon die Fragen: Wie viel davon ist denn eigentlich wirklich von mir? Und was würde mir gut tun? Muss ich mich wirklich noch weiter optimieren? Manchmal komm ich dann eben zum Ergebnis: Ach komm Welt, halt dein Maul! Ich weiß am besten, was gerade gut für mich ist.

MusikBlog: Der Titel bezieht sich ja auf ein Berliner Graffiti über dem Lido. Kannst du dich noch erinnern, wann du das Graffiti zum ersten Mal bewusst wahrgenommen hast?

Jen Bender: Tatsächlich ist der Song gar nicht direkt oder bewusst aus dem Graffiti heraus entstanden. Irgendwann war plötzlich diese Zeile in meinem Kopf und dann ist mir erst wieder eingefallen, dass es die ja schon so als Graffiti gibt. Ich stand also nicht davor und dachte, dass ich daraus einen Song machen muss.

MusikBlog: Die Berliner Zeitung hat den Song ja etwas großspurig zur lange fehlenden Hymne für Berlin erklärt. Habt ihr denn – abgesehen von dem Graffiti – wirklich Berlin im Kopf gehabt, als ihr den Song geschrieben habt.

Jen Bender: Auf keinen Fall. Es geht ja um ein Lebensgefühl, das völlig unabhängig von Zeit und Ort existiert. Das ist einfach tief menschlich und kann genauso gut in Furzhausen oder in Tel Aviv passieren. Vielleicht treffen sich in Berlin besonders viele Menschen, die gerade an so einem Punkt in ihrem Leben angelangt sind, die Sachen aus dem Bauch heraus entscheiden möchten und sich vielen Dingen einfach nicht beugen möchten. Hier treffen sich eben Menschen aus aller Welt, die glauben, dass es noch etwas anderes als 9-to-5-Jobs, Funktionieren und Optimieren geben muss. Insofern gibt es hier schon eine Grundatmosphäre, zu der auch der Song gut passt. Aber ich bin mir sicher, dass es diese Atmosphäre auch in einem Vorort von Köln geben kann.

MusikBlog: Der Song spricht ja vermutlich gerade deshalb so viele Menschen an, weil nie ganz genau genannt wird, gegen wen sich diese Wut richtet, und so jeder seine eigene Wut darin wiederfinden kann.

Jen Bender: Das ist ja scheinbar das, was zurzeit passiert, und da freue ich mich auch drüber. Lasst uns alle gemeinsam scheiße drauf sein! Dann macht es nämlich mehr Spaß. (lacht)

MusikBlog: Die „Fickt-Euch-Allee (Episode 1)“ zeichnet sich durch starke musikalische Kontraste aus. Auf die erwähnte Single folgt mit „Blaues Wunder“ der ruhigste und nachdenklichste Song. Sind euch solche Gegensätze und Überraschungen wichtig?

Jen Bender: Wichtig ist es uns nicht unbedingt, aber wir haben erkannt, dass eben all das in uns drin steckt und wir Freude daran haben, das auch alles zuzulassen. Ansonsten geht es ja schon wieder um Dogmen und fremde Regeln. Sich einer Subkultur unterzuordnen, heißt ja auch, sich Grenzen und Regeln zu unterwerfen. Wenn ich mich musikalisch auf eine Richtung festlege, schränkt mich das ebenso sehr ein, wie wenn ich Musik machen will, die sich richtig gut verkauft. Das fühlt sich für mich zumindest sehr ähnlich an. Wir wollen machen, worauf wir Bock haben, und unsere Sachen purzeln deshalb wild aus uns heraus – das ist ja eher so ein Sammelsurium von Momentaufnahmen und Ideen. Das führt dazu, dass auch unsere Konzerte von sehr unterschiedlichen Menschen besucht werden und bei unserem Publikum ebenfalls ein buntes Sammelsurium herrscht. Dementsprechend gibt es kein Konzept, sondern wir machen, worauf wir Lust haben. Und wenn wir etwas cool finden, dann wird das auf CD gepresst oder online gestellt. Das kann dann auch plötzlich Techno sein oder eine schwedische Death-Polka.

MusikBlog: Mit dem Clubtrack „Weiße Kaninchen“ kommt ihr dem Techno ja schon recht nahe. Seid ihr Fans von „Alice im Wunderland“ oder wie kam es zu dem Text?

Jen Bender: Der Text zu diesem Song ist direkt zur Musik geschrieben worden. Manchmal haben wir zuerst einen Text und suchen dann eine Melodie dazu, hier war es umgekehrt. Es gab diesen Beat und dann ist der Text einfach aus mir heraus geflossen. Ich stehe aber auch auf das Buch, weil ich mir denke: Was hat der Typ sich da eingeschmissen? Einem weißen Kaninchen folgen, Teegesellschaften mit seltsamen Figuren, Schrumpfen und Wachsen, eine unsichtbare Katze… Wow, der muss echt einen guten Dealer gehabt haben.

MusikBlog: Auf eurem letzten Album „Oh, ein Reh!“ gab es mit Songs wie „Konfetti und Yeah“ oder „1000 Tonnen Glück“ viele positive und euphorische Momente, auf der „Fickt-Euch-Allee (Episode 1)“ dominiert eher wieder eine Anti-Haltung. Wart ihr wütend, als ihr die fünf neuen Songs geschrieben habt?

Jen Bender: Wir sind grundsätzlich keine wütenden Menschen, wobei ich gerne mal patzig oder angefressen bin. Aber natürlich ist jede Platte auch repräsentativ für bestimmte Gefühle, die man zu der Zeit verspürt hat. Wir könnten uns zum Beispiel nicht einfach hinsetzen und eine fröhliche Nummer schreiben, nur weil die auf dem Album noch fehlt. So funktioniert das bei uns nicht. Insofern treibt uns zurzeit tatsächlich so eine gewisse Wut um.

MusikBlog: Außerdem handeln die fünf neuen Songs ja auch ständig vom Feiern und Trinken. Seid ihr drei feierwütige Menschen?

Jen Bender: Das ergibt sich eigentlich automatisch. Wenn man selbst Musik macht, kennt man irgendwann zwangsläufig viele andere Musiker – das Musikgeschäft ist ja ein Dorf. Und deshalb sind wir dann auch viel unterwegs, weil befreundete Musiker ein Konzert geben oder eine Party schmeißen. Und wenn wir selbst Konzerte spielen, gehen wir vorher auch nicht eineinhalb Stunden joggen, trinken ein Glas Wasser und meditieren ein bisschen. Solche Typen sind wir nicht. Wir möchten schon gerne mitfeiern, wenn wir auftreten. Wahrscheinlich sind wir aber ebenso feierwütig wie jeder andere, der manchmal gerne laute Musik hört.

MusikBlog: Statt zu warten, bis ihr genug Material für ein Album zusammen habt, habt ihr euch dieses Mal dazu entschieden, in kleinen Episoden zu veröffentlichen. Was hat euch zu diesem Schritt bewogen?

Jen Bender: Wenn man drei Jahre auf ein Album hinarbeitet, sitzt man auf manchen Songs zwei Jahre rum, bevor man sie veröffentlichen kann. Da verpufft dann irgendwann jegliches Adrenalin. Deshalb kam uns das Konzept Album nicht mehr so richtig sinnvoll vor, wir wollten den Scheiß lieber raushauen, solange er noch dampft. Lieber öfter etwas Neues veröffentlichen als alles auf einmal. Das steigert auch wieder die Erwartungshaltungen auf allen Seiten, wenn man mehrere Jahre an einem Album sitzt. Außerdem glauben wir, dass das Format ‚Album‘ gar nicht mehr unbedingt zeitgemäß ist, denn die Uhr tickt heute immer schneller. So können wir Songs veröffentlichen, die noch ganz frisch sind, und sie auch sofort auf die Bühne bringen.

MusikBlog: Glaubst du also, dass das Album auf lange Sicht als Veröffentlichungsform verschwinden wird?

Jen Bender: Ich glaube, das kommt auf den Künstler an. Ich höre selber total gerne Alben, aber nicht von allen Künstlern. Ich wäre frustriert, wenn die Foo Fighters nur noch alle drei Jahre ein paar Songs raushauen würden. Der Markt ist zurzeit stark im Wandel und man hat als Musiker den Vorteil, dass man sich aussuchen kann, welchen Weg man geht. Da es noch keinen Plan gibt und sich der Markt noch nicht so richtig auf die Veränderungen durch das Internet und so weiter eingestellt hat, hat man als Künstler viele Freiräume und kann sehr flexibel agieren. Alles wird gerade neu austangiert, daraus ergibt sich ein Spielplatz, auf dem man sich austoben kann. Das Album wird sicher nicht komplett aussterben, aber die Wege der Veröffentlichung werden sich schon deutlich verändern.

MusikBlog: Ihr wollt ja auch die Episoden am Ende dennoch zu einem Album zusammenfassen.

Jen Bender: Genau, das ist der Plan. Es wird dann auch eine Vinylpressung in ganz kleiner Auflage geben, weil da eben bei unseren Fans auch Nachfrage besteht. Wir wollten uns aber den Freiraum lassen, dass die Songs entstehen können, wie und wann sie wollen. Und dass wir dabei keinerlei Druck verspüren – besonders keinen Termindruck. Wenn wir etwas haben, hauen wir es raus und wenn sich das dann irgendwann wie ein Album anfühlt, wird daraus ein Album. Ob darauf dann nur die Songs der verschiedenen Episoden sein werden oder auch anderes Material, wissen wir noch nicht und wollen wir auch noch gar nicht festlegen.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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